Was es bei der Aufarbeitung des Desasters dringend zu besprechen gilt Löws Mängelliste ist lang

Moskau (WB). Der Deutsche Fußball-Bund und Joachim Löw stehen vor einer wichtigen Entscheidung: Bleibt der Bundestrainer im Amt, oder trennen sich nach dem schlechtesten WM-Abschneiden einer deutschen Nationalmannschaft die Wege. Bei ihrer Aufarbeitung des Russland-Desasters werden Verband und Trainer zwingend auch folgende Punkte berücksichtigen müssen, die maßgeblich zum kläglichen Scheitern beigetragen haben.

Von Dirk Schuster
Was nun, Joachim Löw? Um die Nationalmannschaft wieder zukunftsfähig aufzustellen, ist der Bundestrainer zum Handeln gezwungen.
Was nun, Joachim Löw? Um die Nationalmannschaft wieder zukunftsfähig aufzustellen, ist der Bundestrainer zum Handeln gezwungen. Foto: dpa

Der Fall Erdogan

Die Führungsriege des DFB hat die Tragweite der von Ilkay Gündogan und Mesut Özil ausgelösten Debatte um den Besuch der beiden Nationalspieler beim umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vollkommen falsch eingeschätzt. Der Versuch von Präsident Reinhard Grindel, Teammanager Oliver Bierhoff und auch von Löw, das Thema kleinzuhalten, hat es erst richtig groß werden lassen. Özils beharrliches Schweigen und Gündogans halbherzige Erklärungsversuche, die keine Entschuldigung beinhalteten, haben alles noch verschlimmert. Die öffentlichen und internen Diskussionen um das Thema haben die Konzentration auf das Turnier gestört. Es war, wie Kapitän Manuel Neuer in Russland nach dem Ausscheiden einräumte, zur »Belastung« geworden.

Die alten Seilschaften

Viel zu sehr hat der Bundestrainer sich auf seine Helden von 2014 verlassen, anstatt nach dem erfolgreichen Confed-Cup 2017 mehr junge Siegertypen in sein Team einzubauen. Löws WM-Gerüst für die WM 2018 bildeten die in die Jahre gekommenen Weltmeister von Brasilien. Diesen Fehler hat der 58-Jährige nicht zum ersten Mal begangen. 2016 schleifte er den maladen Bastian Schweinsteiger mit zur EM, den er im misslungenen Halbfinale gegen Frankreich auch noch in der Startelf aufbot. Zudem überraschte er die Fachwelt beim Turnier vor zwei Jahren mit der Nominierung von Lukas Podolski, der seinen Zenit längst überschritten hatte. Diesmal holte er gegen Südkorea – mit dem Leistungsprinzip nicht vereinbar – Sami Khedira und Mesut Özil in die Anfangsformation zurück. Beide enttäuschten auf ganzer Linie. Wie allerdings fast alle anderen auch. Ob Löw oder sein Nachfolger: Die Nationalmannschaft braucht einen radikalen personellen Umbruch.

Die Warnsignale ignoriert

Nach der makellosen WM-Qualifikation (zehn Spiele, zehn Siege), in der das Team allerdings auch kaum ernsthaft gefordert worden war, wurde Deutschland nachlässig. Weil die Mannschaft in den folgenden Testspielen gegen Frankreich (2:2 im November 2017) und Spanien (1:1 im März 2018) zwar jeweils etwas unterlegen war, aber dennoch den Ausgleich schaffte, schlich sich eine gefährliche »Wird-schon-alles-glatt-laufen«-Mentalität ein. Löw verpasste den Zeitpunkt, dieser entgegenzuwirken. Stattdessen lebte er sie sogar vor. Nach der Auftaktpleite gegen Mexiko versprach er, ein Vorrunden-Aus wie es den Weltmeister-Vorgängern Frankreich 2002, Italien 2010 und Spanien 2014 widerfahren ist, werde Deutschland »nicht passieren«. Ein Trugschluss.

Mangelnder Enthusiasmus

Die Titelverteidigung war als Ziel ausgerufen worden. Doch den Enthusiasmus, den es braucht, um so ein Turnier anzugehen, geschweige denn es noch mal zu gewinnen, fehlte von Anfang an. Deutschland war nicht »on fire«. Schlaff schleppten die Spieler sich über den Platz, schoben sich im Gewohnheitsmodus den Ball zu. Öffnende Pässe in die Tiefe gab es ganz selten, Dribblings im Duell Mann gegen Mann auch kaum.

Seine auch geistige Trägheit konnte das Team lediglich phasenweise und nur unter größter Kraftanstrengung im Spiel gegen Schweden abschütteln. Zu sehr haben die Deutschen sich auf ihr Können verlassen. Doch wo war ihr Herz? Auch wenn Löw sagte, »wir sind nicht am Willen und Wollen gescheitert« – ein Heißhunger auf weitere Heldentaten war seiner Mannschaft nicht anzumerken. Das belegten später auch die Aussagen von Spielern, allen voran Kapitän Neuer, der das Ganze einfach nur »bitter und erbärmlich« fand.

Ratlos am Seitenrand

Dass Löw in 90 Minuten keine Lösung fand, um im Gruppenauftaktspiel die Konter der Mexikaner zu unterbinden, war einer der Hauptgründe für die Pleite – und damit auch für das gesamte Scheitern. Die gegen Schweden umgebaute, besser funktionierende Mannschaft im Gruppenfinale gegen Südkorea erneut auf fünf Positionen zu verändern, trug nicht zur Stabilisierung bei. Im Gegenteil. Auch wenn zwei dieser Wechsel durch den Nasenbeinbruch von Sebastian Rudy und der Gelb-Rot-Sperre für Jerome Boateng erzwungen waren, so schoss Löw dieses Mal mit der Rotation über das Ziel hinaus. Bezeichnend, dass außer Matthias Ginter alle nach Russland mitgenommenen Feldspieler zum Einsatz kamen. Das war 2014 ganz anders.

Löw ist es darüber hinaus nicht gelungen, seinen Spielern gegen den asiatischen Außenseiter, der bis zum Schluss vorbildlich um einen würdigen Turnierabschluss kämpfte, einen Weg zum Tor aufzuzeigen. Ein Plan, den vielen Ballbesitz zielführend einzusetzen, war nicht zu erkennen.

Selbstherrlichkeit

Joachim Löw hat in Bezug auf sein Team den Begriff »Selbstherrlichkeit« verwendet. Allerdings bezog er sich dabei auf den Zustand seiner Mannschaft vor dem ersten Spiel gegen Mexiko. Dennoch: Dass ein Bundestrainer so über seine Spieler spricht, lässt tief blicken. Die Harmonie, auf die Löw (übertrieben) viel Wert legt, ist erst einmal dahin. Dass sein Selbstherrlichkeits-Vorwurf zutrifft, ist unstrittig.

Doch auch Löw selbst wirkte ein wenig entrückt in den vergangenen Tagen. Seine morgendliche Selbstinszenierung für die Fotografen vor dem Schweden-Spiel auf der Promenade von Sotschi wirkte surreal und deplatziert.

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