Marathon
Vom Flüchtling zum Rekordmann: Petros glänzt in Valencia

Ein ehemaliger Flüchtling aus Eritrea knackt den deutschen Marathon-Rekord. Amanal Petros bleibt in Valencia gleich gut eine Minute unter der bisherigen Bestmarke von Arne Gabius, der aus der Ferne gratuliert: «Super! Klasse gemacht, Chance genutzt.»

Sonntag, 06.12.2020, 17:35 Uhr aktualisiert: 07.12.2020, 10:52 Uhr
Lief in Valencia einen deutschen Marathon-Rekord: Amanal Petros. Foto: Sven Hoppe

Valencia (dpa) - Vor neun Jahren saß er noch als trauriger Teenager in einem Bielefelder Flüchtlingsheim und blickte einer ungewissen Zukunft entgegen - in Valencia wurde für Amanal Petros nun ein Traum wahr.

Der 25-Jährige vom TV Wattenscheid 01 rannte in seinem erst zweiten Marathon in 2:07:18 Stunden als deutscher Rekordhalter ins Ziel. Damit blieb der aus Eritrea stammende Leichtathlet gleich 1:15 Minuten unter der bisherigen Bestmarke von Routinier Arne Gabius, der die 42,195 Kilometer am 25. Oktober 2015 in 2:08:33 Stunden gelaufen war.

Ganz nebenbei erfuhr Petros, dass er Richtung Rekord rannte. «Nach einigen Kilometern merkte ich, dass das doch ein ziemlich schnelles Tempo ist und erkundigte mich bei einem Begleit-Motorradfahrer», erzählte er. «So habe ich erfahren, dass ich in der Gruppe für eine 2:06-Zeit laufe.» Neben Tempo und Ausdauer bewies Petros auch Humor: Man habe die drei Tempomacher gefragt, ob sie noch bis Kilometer 35 durchhalten würden - und ihnen versprochen: «Wir laden euch dann später zum Kaffeetrinken ein!» Die Taktik ging auf.

«Super! Klasse gemacht, Chance genutzt», sagte Gabius der Deutschen Presse-Agentur über seinen 14 Jahre jüngeren Nachfolger. «Amanal wird sich in den nächsten Jahren weiter verbessern. Er hat ein super Niveau, ist ein super Talent. Ich traue ihm mal eine Zeit von 2:05 Stunden zu», meinte Gabius, der wie Petros noch auf eine Olympia-Startchance 2021 in Tokio hofft.

Auch Trainer Tono Kirschbaum zog den Hut vor seinem Schützling, der in der vorigen Woche noch im Trainingslager in Kenia war - und sich im Hochland in Topform brachte. «Das war sehr couragiert, als ich die Zwischenzeit gesehen hab, war ich kurz vor dem Herzstillstand», gab Kirschbaum zu. «Ich dachte: Au weia - wie will er das durchhalten? Dazu war es sehr windig - aber Aman konnte sich gut in einem Pulk halten. Er ist sowieso ein Typ, der, wenn es rollt, sich nicht scheut, Risiko zu gehen.»

Seit Wochen bangt «Aman», wie ihn Freunde gerne rufen, um seine Familie, die aus ihrem Heimatland Eritrea nach Äthiopien geflüchtet war, als er zwei Jahre alt war. Als 16-Jähriger kam Petros ganz allein nach Deutschland; seine Mutter und seine Schwestern leben noch immer in der Region Tigray. Seit Wochen wüten heftige Kämpfe zwischen Äthiopiens Streitkräften und der Führung der Region.

«Ich kann meine Familie seit vier Wochen nicht erreichen», hatte Petros zuletzt auf Instagram berichtet und dazu einen bedrückenden Lagebericht veröffentlicht. Mit dieser Ungewissheit war Petros in seinen zweiten Marathon gestartet - aber auch mit der Gewissheit: «Ich werde ihn mutig angehen und an mein Volk denken, das ohne Grund gestorben ist oder fliehen musste.»

Seinem Gastland ist der neue Laufstar, der seine ersten Meriten über 5000 oder 10 000 Meter auf der Bahn errang, sehr dankbar. «Der Sport hat es mir nicht nur erleichtert, die Sprache zu lernen. Die Kontakte mit den Deutschen waren auch wichtig, um Mentalität und Kultur zu verstehen», hatte Petros als junger Flüchtling gesagt. Der Durchbruch kam am 1. Dezember 2019: Auf Anhieb erfüllte er die Olympia-Norm für Tokio (2:11:30 Stunden): in 2:10:29 Stunden - und ebenfalls in Valencia.

© dpa-infocom, dpa:201206-99-589884/6

 

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