Tennis-Grand-Slam-Turnier
US-Open: Djokovic-Ausraster öffnet Tür für neuen Champion

Die eh schon skurrilen US Open sind durch die Disqualifikation von Novak Djokovic um ein weiteres Kapitel reicher. Es passt zu diesem wilden Corona-Grand-Slam, dass es am Ende einen neuen Champion geben wird - der sogar aus Deutschland kommen könnte.

Montag, 07.09.2020, 12:54 Uhr aktualisiert: 07.09.2020, 12:56 Uhr
Katapultierte sich bei den US Open selber ins Aus: Novak Djokovic. Foto: Seth Wenig

New York (dpa) - Nach seinem folgenschweren Ausraster bei den US Open düste Novak Djokovic einfach davon. Auf dem Beifahrersitz verließ der serbische Weltranglisten-Erste jenen Ort, an dem er eigentlich eine Woche später seinen 18. Grand-Slam-Titel feiern wollte.

Alles war angerichtet für den nächsten Triumph. Seine beiden größten Rivalen Rafael Nadal (19 Grand-Slam-Titel) und Roger Federer (20 Grand-Slam-Titel) fehlten, Djokovic selbst zeigte sich in guter Verfassung und war 2020 noch ungeschlagen. Doch dann warf sich der 33-Jährige mit einer verhängnisvollen Disziplinlosigkeit selbst aus dem Turnier und öffnete damit für einen neuen Grand-Slam-Champion die Tür - durch die nun Alexander Zverev gehen möchte.

«Nun wird es interessant», sagte Zverev. «Ich bin nicht der Einzige, der eine Chance hat. Ich hoffe, dass ich mich weiter im Turnier entwickeln kann. Mal schauen, wie es dann am Ende aussieht», sagte die deutsche Nummer eins, die nun am Dienstag im Kampf um den Einzug ins Halbfinale auf den Kroaten Borna Coric trifft.

Djokovic wird New York dann schon verlassen haben. In seinem Achtelfinale gegen den Spanier Pablo Carreño Busta hatte der Serbe am Sonntag nach einem verlorenen Aufschlagspiel im ersten Satz wütend einen Ball weggeschlagen und dabei eine Linienrichterin getroffen. Zwar hatte Djokovic den Ball nicht mit Absicht in Richtung der Frau geschlagen, diese war aber zu Boden gegangen und hatte danach sichtlich Probleme mit der Atmung. Djokovic schien selbst völlig erschrocken über die Situation. Den Regeln entsprechend wurde er dennoch disqualifiziert - was in den serbischen Medien zu harscher Kritik und skurrilen Schlagzeilen führte. «Die Regeln sind nicht für alle gleich», schrieb das Boulevardblatt «Kurir».

Das regierungsnahe Boulevardblatt «Informer» ging sogar so weit, die Linienrichterin als «Liebhaberin Kroatiens» - des Erzfeinds aus den jugoslawischen Zerfallskriegen der 1990er-Jahre - zu entlarven. Das Internet-Portal veröffentlichte angeblich private Fotos vom Twitter-Account der Frau, darunter Urlaubsbilder aus der kroatischen Weltkulturerbe-Stadt Dubrovnik sowie von Flaschen mit teuren Weinen.

Auch wenn Djokovics Ex-Coach Boris Becker auch Verständnis äußerte («Kein Mensch kann ihm vorwerfen, dass er absichtlich diesen Ball auf die Linienrichterin schlagen möchte, auch noch genau auf ihren Hals. Wenn er an den Arm kommt oder daneben, dann passiert gar nichts.»), ist dessen turbulentes Jahr nun um eine weitere Story reicher.

Zu Beginn der Saison hatte der 33 Jahre alte Djokovic die Szenerie fast nach Belieben dominiert und bei den Australian Open und in Dubai die Titel gewonnen. Danach legte das Coronavirus die komplette Tour lahm - und für Djokovic nahm das Unheil seinen Lauf.

Bei der von ihm organisierten Adria Tour sorgten Djokovic und andere Spieler wie Zverev oder der Österreicher Dominic Thiem mit Partybildern inmitten der Pandemie für negative Schlagzeilen. Djokovic und seine Frau Jelena wurden selbst positiv auf Covid-19 getestet. Reue aber zeigte Djokovic auch mit etwas Abstand nicht. «Wenn ich die Gelegenheit hätte, die Adria Tour noch einmal zu machen, würde ich es wieder tun», sagte er der «New York Times».

Nach der Wiederaufnahme der Tour überzeugte Djokovic mit dem Erfolg beim von Cincinnati nach New York verlegten Masters-1000-Event zunächst wieder sportlich. Doch unmittelbar vor Beginn der US Open versetzte er mit der Gründung einer neuen Spielergewerkschaft die Branche erneut in Aufruhr. Seine Erzrivalen Nadal und Federer machten aus der Ferne sofort ihre Ablehnung öffentlich.

Es ist das nächste Kapitel in der Auseinandersetzung der Großen Drei. Nichts wünscht sich Djokovic sehnlicher, als dass ihm die gleiche Anerkennung zuteil wird wie Nadal und Federer. Während der Spanier und der Schweizer weltweit verehrt werden, wirkt Djokovic meist wie das fünfte Rad am Wagen. Als «ungeliebten Giganten der Großen Drei» bezeichnete die «Süddeutsche Zeitung» einst Djokovic.

Im Streben nach Zuneigung, Akzeptanz und Ruhm scheint sich Djokovic nun verzettelt zu haben. «Ich habe das Gefühl, dass Novak zu viel auf seinem Teller hatte. Zu versuchen, die US Open zu gewinnen, ist bereits eine große Sache. Diese Spieler-Organisation zu starten und eine Kampagne zu führen, um Spieler davon zu überzeugen, ist ein Full-Time-Job und jede Menge Extra-Stress. Niemand kann es sich leisten, während eines Grand Slams den Fokus zu verlieren», schrieb der in der Szene hoch anerkannte Trainer von Serena Williams, Patrick Mouratoglou, bei Twitter.

Djokovic, der die in New York geholten Ranglistenpunkte und das Preisgeld verliert, bat einige Stunden nach seinem Blackout in den sozialen Medien um Verzeihung. Die obligatorische Pressekonferenz hatte er noch geschwänzt - ein weiteres eines Branchenprimus' unwürdiges Verhalten. Nun zeigte sich der Serbe zerknirscht. «Diese ganze Situation lässt mich wirklich traurig und leer zurück», schrieb Djokovic, er wolle die Vorfälle als «Lektion» für sich sehen.

Doch der Makel, bei einem Grand-Slam-Turnier disqualifiziert worden zu sein, wird ihm sein Leben lang anhaften. Federer und Nadal gelten als Gentlemen der Tennis-Szene. Djokovic nun eher als Rüpel und als einer, der auf der Suche nach Anerkennung die Nerven verloren hat.

© dpa-infocom, dpa:200907-99-458248/3

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