Spiel vor Zuschauern
Union-Test mit Fans - Spahn gegen «Flickenteppich»

Der 1. FC Union Berlin zeigt, wie es in der Corona-Krise mit tausenden von Zuschauern im Fußballstadion funktionieren kann. Die Politik bleibt skeptisch, aber auch uneins. Eine bundeseinheitliche Regelung zur Fan-Rückkehr ist noch nicht in Sicht.

Sonntag, 06.09.2020, 13:41 Uhr aktualisiert: 06.09.2020, 13:44 Uhr
Die Union-Fans feiern den Testspielsieg gegen Nürnberg. Foto: Matthias Koch

Berlin (dpa) - Der Profifußball ist vorgeprescht und schafft Fakten - während die Politik noch mühselig um eine bundeseinheitliche Regelung für die Zulassung von Fans in den Stadien ringt.

Eine Woche vor dem Pflichtspielstart gewann der Bundesligist 1. FC Union Berlin am Samstag nicht nur mit 2:1 gegen den 1. FC Nürnberg. Vielmehr feierte Union-Präsident Dirk Zingler die genehmigte Teilöffnung der Arena für 4500 Zuschauer besonders als Ereignis mit Signalwirkung.

«Ich hoffe, dass das ein Auftakt ist, auch mal neu zu denken, dass beides geht: Infektionsschutz und Veranstaltungen», sagte er dem «Kicker». «Wir haben den Beweis angetreten, dass es im kleinsten Bundesliga-Stadion geht.» Er wünsche sich, dass dies an anderen Bundesliga-Standorten mit Hygienemaßnahmen mit Zuschauern ebenfalls möglich werde. «Wir sollten positive Zeichen setzen und nicht immer Zeichen der Einschränkungen», betonte Zingler.

Dies wollen ebenso RB Leipzig mit bis zu 8500 Zuschauern und Hertha BSC mit rund 4000 Fans bei den ersten Bundesliga-Heimspielen demonstrieren. Immerhin lobte das Berliner Gesundheitsamt Treptow-Köpenick das von ihm genehmigte Pilot-Spiel als gelungen. «Der 1. FC Union hat die hygienerelevanten Vorgaben hervorragend umgesetzt», erklärte der zuständige Referent.

Für Zingler ist es nicht nur ein für den Fußball wichtiges Ereignis in der Corona-Krise gewesen. «Wir müssen weiter leben, auch mit dem Virus», sagte er. Deshalb gelte es, den Menschen Vertrauen zurückzugeben. «Wir haben den Menschen den Raum gegeben, und sie haben sich sehr verantwortungsvoll verhalten», befand Zingler. «Das sollten wir in der Gesellschaft mehr tun: den Menschen vertrauen und Verantwortung geben, dass sie sich in der Pandemie vernünftig verhalten können.»

Schon vor dem Union-Spiel hatte jedoch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Zuschauer-«Flickenteppich» im Profifußball kritisiert. Er hätte sich sehr gewünscht, «dass wir bis Ende Oktober einen gemeinsamen Ansatz haben für den Start in die Bundesliga», sagte Spahn am Samstag bei einem Auftritt mit der Vorsitzenden der Länder-Gesundheitsminister, Berlins Senatorin Dilek Kalayci (SPD), in Berlin.

Spahn betonte, dass ein koordiniertes Vorgehen im Fußball sinnvoll sei. «Ich denke, für Akzeptanz insgesamt wäre ein einheitliches Vorgehen besser.» Gleichzeitig sei die Lage aber so, wie sie sei. Die Behörden vor Ort würden in eigener Verantwortung entscheiden. Er hoffe, dass sich alle bewusst seien - Behörden wie Clubs -, «dass damit eine hohe Verantwortung kommt, dass eben Infektionsrisiken dabei minimiert bleiben. Wenn das gelingt, kann es ja auch Beispiel für andere Bereiche sein.»

Gegen eine Fortsetzung eines unterschiedlichen Vorgehens bei der Fan-Rückkehr in die Sport-Arenen sprach sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil aus. Der SPD-Politiker forderte im «Spiegel» wie zuvor schon Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) eine gemeinsame Linie. «Ein bundesweites Vorgehen wäre ausgesprochen klug - nicht nur im Profisport», sagte Weil.

Mit Blick auf den genehmigten Plan von RB Leipzig, zum Bundesligastart Mitte September vor bis zu 8500 Zuschauern zu spielen, kritisierte Weil seinen sächsischen Kollegen Michael Kretschmer (CDU). «Warum das Land Sachsen meint, derart vorpreschen zu müssen, müssten Sie vielleicht Herrn Kretschmer fragen», sagte er.

Weil verwies auf den Beschluss der Ministerpräsidenten-Runde bei der Konferenz mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU), dass eine Arbeitsgruppe Vorschläge erarbeiten soll. Er stellte eine Lösung vor dem angestrebten Stichtag 31. Oktober in Aussicht.

Auch DFB-Chefmediziner Tim Meyer wünscht sich in der Debatte an manchen Stellen bundeseinheitliche Regelungen. «Denn nicht alle bestehenden Unterschiede lassen sich durch regional abweichende Infektionszahlen erklären», sagte Meyer im Interview der Zeitung «Die Welt» (Samstag). Als Leiter einer Taskforce war er mitverantwortlich für das Hygienekonzept, mit dem die vorige Saison der Bundesliga und 2. Liga nach einer Corona-Pause beendet werden konnte.

Die Rückkehr zur Normalität werde sehr stark von der Entwicklung eines Impfstoffes und einer flächendeckenden Impfung abhängen. «Deshalb kann ich mir aktuell nicht vorstellen, dass es schon 2020 ohne Einschränkungen geht», sagte der in Saarbrücken tätige Arzt. Er glaube auch an das Arbeiten mit Versuchen und Irrtümern, sagte Meyer.

© dpa-infocom, dpa:200905-99-444803/6

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