Nach Tönnies-Rücktritt
Schalke-Vorstand Jobst: «Neue Führungskultur ebnen»

Vorstand Alexander Jobst erklärt das alte Schalke nach dem Rücktritt von Clemens Tönnies für beendet. Im dpa-Interview erläutert Jobst, wo der Club sparen will und warum er nicht wie Werder Bremen enden will.

Donnerstag, 02.07.2020, 14:33 Uhr aktualisiert: 02.07.2020, 14:36 Uhr
Marketing-Vorstand bei Schalke 04: Alexander Jobst. Foto: Guido Kirchner

Gelsenkirchen (dpa) - Der Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies (64) am Dienstag war einschneidend für den FC Schalke 04. Der sportlich und wirtschaftlich angeschlagene Fußball-Bundesligist sieht sich zum Sparen gezwungen und fährt die Ansprüche runter.

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur nennt Marketing-Vorstand Alexander Jobst (46) konkrete Maßnahmen, äußert sich zum Rücktritt von Tönnies und spricht über künftige Gehaltsgrenzen und die umstrittene NRW-Landesbürgschaft.

Frage: Wie sollen die angekündigten Sparmaßnahmen konkret aussehen?

Antwort: Konkret planen wir unter anderem im Lizenzspielerbereich auch zur kommenden Saison einen prozentualen Gehaltsverzicht. Diese Gespräche führt Jochen Schneider direkt nach der Sommerpause mit den Spielern. Der Verzicht soll dann zeitlich andauern, bis unsere Heimspiele wieder mit Zuschauern stattfinden können. Spieler und Trainerteam werden mitziehen. Zusätzlich werden wir uns intern ab sofort eine Richtlinie auferlegen für ein maximales Gehaltsgefüge in Bezug auf die Neuverpflichtung von Spielern. Und auch in anderen Bereichen des Vereins setzen wir konsequent den Rotstift an.

Frage: Wo genau?

Antwort: Der gesamte Verein ist in seiner Organisation, in seinen Projekten und damit auch seinen Budgets in den letzten Jahren mit internationalem Anspruch gewachsen. Ob zum Beispiel in geplanten Investitionen für die Veltins-Arena, in der digitalen Vorreiterrolle beim E-Sport oder in der Internationalisierung: Wir müssen uns zukünftig noch klarer fokussieren und werden Einsparungen außerhalb des Kerngeschäfts für die kommende Saison im hohen siebenstelligen Bereich vornehmen.

Frage: Wo soll die künftige Gehaltsgrenze genau liegen?

Antwort: Den finanziellen Rahmen legt Jochen Schneider mit seinem Team fest. Natürlich können wir bei einer erfolgreicheren Zukunft auch wieder aufsatteln, sollten wir sportlich über den Erwartungen liegen. Wir dürfen und werden uns nicht für alle Zeiten nach unten manövrieren wie zum Beispiel der ein oder andere Traditionsverein in der Vergangenheit.

Frage: Können Sie den Weg von Werder Bremen wirklich ausschließen? Auch Werder hat nach einem schlechten Jahr ohne Champions League mit dem Sparen begonnen und steht nun an der Schwelle zur zweiten Liga.

Antwort: Ausschließen kann man im Fußball prinzipiell gar nichts. Aber Schalke 04 hat auch in den nächsten zwei, drei Jahren eine sehr starke Ertragskraft, die wichtigsten Einnahmesäulen sind unsere Vermarktungs- und medialen Erlösen. Unsere Sponsorenverträge sind langfristig angelegt und anhand der Erlöse liegen wir innerhalb der Bundesliga auf Platz drei. Aber auf Dauer korreliert die Ertragskraft natürlich immer mit dem sportlichen Erfolg. Wir müssen in unseren Möglichkeiten und in unserem Anspruchsdenken in den nächsten Spielzeiten realistisch sein und auch allen Schalke-Fans signalisieren: Der Wettbewerb hat sich verändert.

Frage: Wie sollen die Ziele künftig aussehen? Gehälter von maximal 2,5 Millionen Euro sind relativ wenig, gemessen an dem, was Spitzenspieler zuletzt hier verdienen konnten.

Antwort: Es stimmt, dass die Gehälter im Schnitt über dem Niveau liegen, das sportlich erreicht wurde. Jetzt liegt es in der sportlichen Verantwortung, kluge Transfers zu tätigen - im Einklang zwischen Transferausgaben und Transfereinnahmen. Ein "Weiter so" wird es nicht geben.

Frage: War der Rücktritt von Clemens Tönnies für Schalke zum jetzigen Zeitpunkt auch eine Befreiung?

Antwort: Er hat diesen Verein über viele Jahre auf vielfältige Weise geprägt: mit seiner Art, seinem Führungsstil und seinem Einfluss. Er war für viele das Gesicht von Schalke 04. Seine Entscheidung ist ihm sehr schwergefallen, hat sich in den vergangenen Tagen aber abgezeichnet. Auch wenn das kurz nach seinem Rücktritt schwerfallen mag: Es liegt jetzt auch in Jochen Schneiders und meiner Vorstandsverantwortung, mit Schalke in die Zukunft zu blicken. Der Club wird sich dabei in gewissem Sinne emanzipieren und eine neue Führungskultur ebnen. Ich hatte eine sehr angenehme und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Clemens Tönnies und weiß, dass er Schalke auch weiter im Herzen trägt und bei Bedarf auch Ratgeber sein wird.

Frage: Waren die Diskussion um Tönnies und die Proteste gegen ihn am Ende eine zu große Belastung für Schalke?

Antwort: Es begann im letzten Jahr mit den rassistischen Äußerungen, die er als Unternehmer auf dem Handwerkstag in Paderborn geäußert und für die er sich entschuldigt hat. Diese Welle hat sich natürlich auch auf Schalke übertragen mit der Folge, dass wir bei Sponsoren und Fans Gesprächsbedarf spürten. Natürlich wussten wir immer, wie wichtig Clemens Tönnies mit seiner Entscheidungskraft und seinem Netzwerk für Schalke war. Probleme in seinem Unternehmen durch großflächige Corona-Infektionen innerhalb seiner Mitarbeiterschaft wurden in den letzten Wochen völlig undifferenziert 1:1 auf Schalke übertragen - nicht zuletzt sicher auch bedingt durch eine angespannte Grundstimmung nach unserer Niederlagenserie und dem negativen Gesamtbild, das Schalke in den letzten Monaten abgegeben hat.

Frage: Welche Auswirkung hat der Rücktritt von Clemens Tönnies auf eine mögliche Ausgliederung der Profigesellschaft?

Antwort: Aktuell geht es in erster Linie darum, den Verein zu stabilisieren. Anschließend müssen Aufsichtsrat und Vorstand die Frage beantworten, wie Schalke langfristig im veränderten Wettbewerb sportlich und wirtschaftlich konkurrenzfähig sein kann. In anderen Worten: Natürlich ist es unsere Pflicht, uns Gedanken zu machen, wie die Zeit danach aussehen könnte, wenn man sich wieder den Zielen als international erfolgreicher Club widmen möchte. Denn ich bin überzeugt, dass die überwiegende Mehrheit der Schalke-Fans in Zukunft wieder ein sportlich erfolgreiches Schalke 04 sehen will. Wir sind aber noch nicht an dem Punkt, an dem Corona bereits überstanden und die nächste Saison stabilisiert ist. Daher ist es für eine ausführliche Diskussion mit unseren Mitgliedern eindeutig zu früh.

Frage: Musste David Wagner überzeugt werden von der Neuausrichtung?

Antwort: Überhaupt nicht. Wir sind überzeugt, mit ihm den Weg zu gehen. Und David geht die Herausforderung mit Schalke zu 100 Prozent an.

Frage: Es steht eine NRW-Landesbürgschaft für einen neuen Kredit im Raum. Können Sie dazu Auskunft geben?

Antwort: Kreditgeber sind in solchen Fällen ja in der Regel die Hausbanken. Eine Grundvoraussetzung für die Übernahme einer Bürgschaft ist, dass ein Unternehmen ein tragfähiges Geschäftsmodell aufweist, also nachweist, dass es ist der Lage ist, Tilgungen und Zinsen über die Laufzeit zu leisten. Das Land übernimmt gegenüber den Kreditgebern als Sicherheit eine Ausfallbürgschaft. Derartige Programme wurden aufgrund der Corona-Pandemie erweitert. Das heißt, die Gelder sind zu 100 Prozent zweckgebunden zur Liquiditätssicherung von coronabedingten Einnahmeverlusten. Sie können auf keinen Fall etwa zur Finanzierung von Spielern oder ähnlichem verwendet werden. In vielen anderen Branchen ist es völlig selbstverständlich, das Instrument der Landesbürgschaft zu nutzen.

ZUR PERSON: Alexander Jobst (46) wurde in Fulda geboren. Bereits mit 27 Jahren stieg er ins Management der Siemens AG ein. Als erster Ausländer arbeitete er von 2005 an für das Management von Real Madrid und war dort unter anderem für die internationale Vermarktung zuständig. 2007 wechselte er zur FIFA und kam 2011 zum FC Schalke 04. Er arbeitet seitdem im Vorstand des Revierclubs und ist für Marketing und Kommunikation zuständig. Sein aktueller Vertrag gilt bis 2024.

© dpa-infocom, dpa:200702-99-649004/2

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