Britischer Radstar
«Höhle des Leidens» - Froome kämpft um Tour-Chefrolle

Ein Sieg fehlt Chris Froome bei der Tour de France noch, um auf einer Stufe mit Eddy Merckx und Co. zu stehen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Im eigenen Rennstall hat er nach seinem Horror-Sturz vor einem Jahr keinen Sonderstatus mehr, ein Teamwechsel kündigt sich an.

Donnerstag, 11.06.2020, 10:40 Uhr aktualisiert: 11.06.2020, 10:44 Uhr
Kämpft um die Chefrolle beim Team Ineos: Chris Froome. Foto: Mahmoud Khaled

Monaco (dpa) - Die fünf schlimmsten Minuten seiner Radsport-Karriere sind im Gedächtnis von Chris Froome immer noch gelöscht.

«Ich erinnere mich, wie ich am Boden liege und mit dem Helikopter ins Krankenhaus gebracht werde, aber nicht an den Sturz», berichtet der viermalige Tour-de-France-Champion von dem tragischen Sturz, der sich am Freitag jährt. Während der Streckenbesichtigung bei der Dauphiné-Rundfahrt war Froome von einer Windböe erfasst worden und mit Tempo 55 in eine Mauer gekracht.

Brüche am Oberschenkel, der Hüfte, am Ellbogen, an den Rippen und im Nackenbereich machten nicht nur Froomes Hoffnungen auf einen fünften Tour-Sieg im Sommer 2020 zunichte, sondern drohten auch seine beeindruckende Karriere auf unschöne Art zu beenden. Ein Szenario, mit dem sich der Brite partout nicht anfreunden wollte. So beharrlich wie er sonst seine Gegner in den Bergen abschüttelte, so unnachgiebig arbeitete Froome daheim in Monaco an «einer der größten Comeback-Storys im Sport», wie er es selbst nennt.

Ein Jahr später ist bei Froome die Zuversicht zurück: «Ich bin bereit, auch als Kapitän.» Das große Ziel bei der wegen der Coronavirus-Pandemie auf Ende August verschobenen Frankreich-Rundfahrt hat er klar vor Augen. «Mein Traum ist, bei meinem Rücktritt mehr Tour-Siege als jeder andere zu haben. Das ist das Traumszenario, aber ich weiß, dass da noch viel Arbeit wartet, ehe es Realität wird», sagte der 35-Jährige in einem Interview der französischen Sporttageszeitung «L'Equipe». Ein Sieg fehlt ihm noch, um dem erlesenen Kreis der Fünffach-Sieger Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain beizutreten.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Ineos-Teamchef Dave Brailsford versprach Froome zwar die Kapitänsrolle für die Tour, aber das sagte der allmächtige Ineos-Boss auch Geraint Thomas und Egan Bernal zu, den Tour-Siegern der Jahre 2018 und 2019. Und der kolumbianische Titelverteidiger stellte sogleich klar: «Ich bin nicht bereit, eine Chance auf einen weiteren Sieg wegzuwerfen.» Mit drei Kapitänen an den Start zu gehen, hält Froome kaum für möglich.

Und allmählich schwant dem über viele Jahre unantastbaren Kapitän, dass seine Regentschaft beim britischen Super-Team enden könnte. Seine Berater sollen bereits bei anderen Teams angeklopft haben. Denn Froomes Vertrag läuft Ende des Jahres aus - im Gegenteil zu Thomas und Bernal, die noch bis 2021 bzw. 2023 an Ineos gebunden sind und im Vorjahr in Abwesenheit von Froome gut harmoniert haben.

Sogar über einen Wechsel während der laufenden Saison war spekuliert worden. Schließlich hat der Weltverband vom 1. bis 15. August wegen der Coronavirus-Pandemie ein Transferfenster geöffnet. Interessenten gibt es einige, wie etwa die mit vielen Millionen alimentierten Teams UAE und Bahrain-McLaren. Aber auch das Team Israel Start-Up Nation, die sportliche Heimat von André Greipel, Nils Politt und Rick Zabel, wird angesichts des milliardenschweren Investors Sylvan Adams gehandelt. Ein Jahressalär von schätzungsweise 4,5 Millionen Euro für einen 35-Jährigen ist in Krisenzeiten aber trotzdem abschreckend.

Und schließlich hat Froome innerhalb der letzten zwölf Monaten nur einmal Rennkilometer abgespult, bei der wenig bedeutenden UAE Tour im Februar. Das sieht der ehrgeizige Radprofi nicht als Hindernis an. Froome weiß sich zu quälen, und so erwies sich die Corona-Zwangspause womöglich als Vorteil.

Mehr als 30 Stunden die Woche hat das Leichtgewicht in seiner «Höhle des Leidens» trainiert. «Mental war es nicht so schwierig. Es war die Fortsetzung dessen, was ich bereits in der Reha gemacht habe», sagte Froome, der beim plötzlichen Lockdown im März bereits alle nötigen Fitnessgeräte daheim beisammen hatte. Sein Ehrgeiz ist ungebrochen: «Ich habe mich seit meinem Sturz nur auf eine Sache konzentriert: Bei der Tour an der Startlinie zu stehen.»

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