Auch nach Corona wird der Sport sich nicht bessern – eine Polemik
Wetten, dass...

Spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem man ernsthaft darüber nachdenkt, dass Lothar Matthäus vielleicht wirklich mal etwas Sinnvolles gesagt hat, ist klar: Die Lage ist ernst.

Freitag, 01.05.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 01.05.2020, 05:02 Uhr
Das Geschäft mit dem runden Ball ist schon länger eine Art Parallel-Universum, in dem Transfersummen von über 100 Millionen Euro schon als normal wahrgenommen werden. Foto: dpa

Der Mann, der brillant mit dem Ball umgehen, aber selten klare Gedanken fassen konnte, ließ kürzlich in seiner Sky-Kolumne schreiben: „Was ich nicht verstehe, ist, wie es so viele Bundesliga-Klubs geben kann, die offensichtlich jahrelang von der Hand in den Mund leben konnten, wenig bis überhaupt keine Rücklagen gebildet haben und nun fast am Ende sind.“ Da hat er doch Recht, oder? Das Multi-Milliarden-Unternehmen Profi-Fußball war schon vor Corona in der Krise. Jetzt wird es offenbar.

Das Geschäft mit dem runden Ball ist schon länger eine Art Parallel-Universum, in dem Transfersummen von über 100 Millionen Euro schon als normal wahrgenommen werden. Immer mehr Geld wird in das Ball-Business gepumpt. Satt hat das bisher noch keinen gemacht. Und mitspielen wollen sowieso alle. Möglichst schnell. Risiken – was für Risiken?

Geschäftsmodell Fußball hat Grenzen lange erreicht

Das führt dazu, dass viele Klubs schon seit Jahren auf der Rasierklinge der permanent drohenden Insolvenz reiten. Schmerzliche Ungewissheit inklusive. Und ohne eine noch immer gelebte Art von Mäzenatentum wären schon lange viele Klubs in die Niederungen der Amateurligen abgestürzt.

Doch auf Einsicht darf man nicht hoffen. Kritik wird gerne geübt, aber ungern ausgehalten. Die Fifa und die Uefa sind die Bösen, die DFL und der DFB die Guten. Das ist natürlich Blödsinn.

Denn die Deutschen, vereinfacht ausgedrückt, spielen munter mit und genießen die Vorteile der Ausuferung – vor allem finanziell. Das Geschäftsmodell Fußball hat seine Grenzen schon lange erreicht. Jeder weiß das, Konsequenzen werden nicht gezogen. Denn eine echte Einsicht ist nicht vorhanden.

Wetteifern um das erste Spiel

Im Gegenteil. Auch mitten in der Corona-Krise, in der Deutschland offensichtlich noch recht glimpflich davon zu kommen scheint, versteigt sich Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, im „Spiegel“ zu folgender Bemerkung: „Wenn wir es schaffen, als erste wieder zu spielen, wird das eine immense Wirkung auf die ganze Welt haben, weil jeder guckt.“ Die ganze Welt, darunter geht es nicht. Offensichtlich hat der 60-Jährige nicht bemerkt, dass viele Länder meinen: Ja, es geht auch ohne Profisport, sogar ohne Profi-Fußball.

In vielen Ländern sind mittlerweile die Spielzeiten abgesagt, unter anderem in Frankreich. Und dass in Spanien und Italien – dort sind die Menschen seit ungefähr neun Wochen in ihren Wohnungen gefangen und dürfen erst wieder ab Montag ihre Stadt überhaupt verlassen, nicht aber ihren Kreis – die Serie A oder die Primera División zu Ende gespielt werden, kann nur der glauben, der sich mit der Situation vor Ort nicht befasst hat.

In England sieht das etwas anders aus. Denn dort ist die Abhängigkeit vom Pay-TV noch größer. Und das, obwohl sowieso schon Milliarden von den Besitzern der Klubs in den Kreislauf der Publikumsbespaßung gepumpt werden. Auch das Showunternehmen Premier League, eigentlich perfekt orchestriert, ist offenbar ein fragiles Konstrukt. Aber dennoch geht der Irrsinn auf der Insel munter weiter. Beispiel gefällig: Ein Konsortium aus Saudi-Arabien will Newcastle United für schlappe 340 Millionen Euro übernehmen. Und sich dann gleich den dann teuersten Trainer der Welt leisten. Der bei Tottenham Hotspur nach fünf Jahren gefeuerte Mauricio Pochettino soll mit einem Jahresgehalt von 21,8 Millionen Euro geködert werden.

Professionalisierung, oder besser: Kommerzialisierung

Und unter anderem vor diesem Hintergrund sagte BVB-Boss Watzke am Dienstag bei „Markus Lanz“: „Ich habe mich aktuell gewundert, dass eine kritische Tendenz gegenüber dem Profi-Fußball stattfindet in der Gesellschaft.“ Er gibt sich aber zumindest lernwillig. „Wenn wir die Krise überstanden haben sollten, muss sich im Fußball einiges ändern“, erklärte der 60-Jährige. Man müsse wieder „puristischer werden“, meinte Watzke und monierte konkret „die Sachen wie Gold-Steak-Geschichten und die ganze Protzerei“.

Man hört die Botschaft, allein es fehlt der Glaube. Denn auch nach dem Kirch-K.o., den manche Entscheidungsträger im Fußball als größere Krise einstufen, hat sich am Gebaren nichts geändert. Im Gegenteil. Danach nahm der Hunger noch mehr zu. Die DFL würde hier natürlich von Professionalisierung sprechen. Andere eher von Kommerzialisierung.

Der Wahnsinn geht weiter

Und auch jetzt werden in Deutschland munter Verträge ausgehandelt, in denen die Summen, über die gesprochen wird, sich gar nicht von denen vor der Corona-Pandemie unterscheiden. So fordert etwa Bayern-Torwart Manuel Neuer mit Blick auf eine Vertragsverlängerung angeblich pro Saison 20 Millionen Euro. Der Wahnsinn geht munter weiter. Offensichtlich gibt es nicht einmal eine klitzekleine Schamfrist. Und auch die vollmundig angekündigte „Taskforce Zukunft“ der DFL wird lediglich Placebos für die kritische Öffentlichkeit verabreichen.

Besondere vehement wehren sich die Klub-Entscheidungsträger gegen den Vorwurf, der Fußball habe eine Sonderrolle. Hat er aber. Hat er sich auch erarbeitet. Denn in keiner anderen Sportart etwa können Klubs sich eigene Stadien, eigene Trainingsstätten leisten. Das ist dem Fußball nicht zum Vorwurf zu machen. Aber ein bisschen Demut der Sportart Nummer eins würde aktuell auch nicht schaden.

Der Wahnsinn der Wettbewerbshäufungen und damit auch die Schaffung einer großen Beliebigkeit, der Irrsinn, internationale Wettbewerbe als eine Art Unterstützungsveranstaltung für Fluglinien zu verstehen, der Unsportsgeist, für TV-Anstalten Athleten zu gesundheitsgefährdenden Zeiten antreten zu lassen, ist aber wahrlich nicht dem Fußball vorbehalten.

Olympia hat an Glanz verloren

Wie das Internationale Olympische Komitee das wichtigste Sportereignis der Welt seit Jahrzehnten kontinuierlich entzaubert hat, bleibt unvergleichlich. Und dass man da ganz langsam gegensteuert, ist nicht eigener Einsicht geschuldet, sondern der Tatsache, dass die fünf Ringe in vielen Ländern, meist Demokratien, gewaltig an Glanz verloren haben. Auch hier gilt: Hauptsache, es gibt Geld. Viel, mehr und am besten noch viel mehr. Die Sportler werden dabei geopfert, mutieren endgültig zur schlecht bezahlten Manö­vriermasse im großen Geschäft.

Und wenn die geistig-moralische Trendwende beim IOC so lange dauert wie die Bekämpfung des Dauerübels Doping, muss einem Übles schwanen. Denn auch nach 50 Jahren sind bei diesem wichtigen Thema Sportverbände (und auch staatliche Organisationen) nur ein kleines Schrittchen weiter in Sachen Wettbewerbsgerechtigkeit.

Die Beharrungskräfte, beim Hochleistungssport ja durchaus Grundvoraussetzung, sind leider auch auf Funktionärsebene groß. Auch weil die, die bestimmen, wie es läuft, schon fest in den alten und neueren Strukturen verankert waren und sind. Man hat sich eben bequem eingerichtet. Und wenn alle und die Umstände mitspielen, geht es ja auch allen gut – manchen mehr, manchen weniger.

Handballer und Co. mit Zukunftsangst

Gar nicht gut wird es den anderen Sportarten in Deutschland demnächst wohl gehen. Zum einen, weil die Finanzmittel sowieso schon geringer sind, zum anderen, weil sie in deutlich höherem Maß von den Zuschauereinnahmen abhängen als der Fußball. Spiele ohne Fans bringen da nicht die Rettung. Deshalb haben ja auch die meisten Ligen den Spielbetrieb eingestellt.

Handballer, Basketballer oder auch Volleyballer müssen mit der Ungewissheit leben, ob es für sie überhaupt weitergeht. Und wenn ja, in welchem Verein. Die Aktiven fragen sich: Gibt es für mich noch einen Arbeitsplatz? Und kann ich überhaupt noch als Berufssportler davon leben? In einigen Sportarten wie Tischtennis bedeutet der Wegfall von niedrigen vierstelligen Summen schon das Aus für den Klub in der höchsten Spielklasse wie das Schicksal des TuS Bad Driburg zeigt.

Spannend wird es vor allem bei der Ballsportart Nummer zwei in Deutschland, dem Handball. Finanziell ist der schon lange nicht auf Rosen gebettet. Ohne Mäzene würden viele Klubs gar nicht mehr existieren – auch da gibt es in Ostwestfalen-Lippe einige Beispiele. GWD Minden etwa muss nach dem unfreiwilligen Umzug nach Lübbecke auch noch Corona verkraften, das kann verdammt eng werden. Und noch mal: Wann mit Zuschauern gespielt werden kann, ist weiterhin ungewiss.

Geringste Veränderungen im Profifußball

Die Sportlandschaft in Deutschland – wie auch in anderen Ländern – wird eine andere sein nach der Pandemie. Was die Darsteller betrifft. Viele werden aufgeben, manche werden aufgeben müssen. Das Gebaren wird sich bei den Hinterbliebenen aber nicht sub­stanziell ändern. Es wird sicher auf absehbare Zeit weniger Geld zur Verfügung stehen, weil auch Sponsoren ja nicht ungeschoren aus der Corona-Krise kommen werden und es sich schlecht argumentieren lässt, wenn Angestellte entlassen werden, die Zuwendungen an die Spaßveranstaltung Sport aber munter weiter fließen.

Die geringsten Veränderungen wird es im Profifußball geben. Denn der bleibt sicherlich ein gutes Investment. Und dann ist da ja noch der gesellschaftspolitische Wert, wie es Friedrich Merz, der Kandidat für den CDU-Vorsitz, in einem Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland hervorgehoben hat – knapp hinter seinem Verweis, es handele sich ja um Wirtschaftsbetriebe.

Diese gesellschaftspolitische Bedeutung haben Sportvereine in der Tat. Immerhin 27 Millionen Deutsche sind in ihnen organisiert. Eine gewaltige Zahl, an dem die Profis aber nur einen verschwindend geringen Anteil haben. Das Relevante passiert im Amateurbereich und ist nur möglich, weil sich Menschen ehrenamtlich einbringen. Heißt: Dafür gibt’s kein Geld.

Profisport ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, auf den viele Menschen nur ungern verzichten würden. Aber er ist kein unverzichtbarer Teil, er ist nicht systemrelevant. In Deutschland hat man sich schon von ganz anderen Wirtschaftszweigen teilweise oder gar völlig verabschiedet, die deutlich wichtiger waren.

Das krasseste Beispiel ist da wohl der Bergbau. Mitte der 1980er-Jahre waren im Steinkohle- und Braunkohleabbau noch knapp 300.000 Menschen beschäftigt. Jetzt ist Schicht im Schacht bei der Industrie, die maßgeblich am Wiederaufbau Deutschenlands nach dem Zweiten Weltkrieg mitgewirkt hat und die zudem das über 50-fache an Umsatz hatte wie der Fußball.

Viele werden sagen, der Vergleich hinkt. Mag sein. Darüber kann man trotzdem mal einen Moment nachdenken – muss man aber nicht.

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