Rassismus-Vorwurf
Torunarigha: Kann «Idioten» nicht verstehen

Der Vorwurf der rassistischen Beleidigungen gegen Fußball-Profi Jordan Torunarigha schlägt weiter hohe Wellen. Verbände, Vereine und die Polizei ermitteln. Viele Profis solidarisieren sich mit dem Berliner. Dieser meldet sich emotional zu Wort.

Donnerstag, 06.02.2020, 18:18 Uhr aktualisiert: 06.02.2020, 18:20 Uhr
Herhtas Jordan Torunarigha spielt auf Schalke den Ball. Foto: Rolf Vennenbernd

Berlin (dpa) - Knapp zwei Tage nach dem Rassismus-Eklat hat sich Hertha-Profi Jordan Torunarigha mit deutlichen Worten gegen Diskriminierung zu Wort gemeldet.

Er könne Äußerungen «von einigen Idioten» nicht verstehen, schrieb der frühere Junioren-Nationalspieler in einem emotionalen Statement bei Instagram. «Man kann sich seine Hautfarbe bei der Geburt nicht aussuchen und sie sollte auch völlig egal sein. Genauso selbstverständlich wie unterschiedliche Hautfarbe, Religion oder Herkunft unter uns Sportlern in der Kabine ist sollte es auch in unserer Gesellschaft sein!»

Die Aufarbeitung des Vorwurfs der rassistischen Entgleisungen durch Zuschauer beim DFB-Pokal-Achtelfinale des FC Schalke 04 gegen Hertha BSC ist derweil in vollem Gange. Die Gelsenkirchener kündigten am Donnerstagabend an, Kamera- und Tonaufnahmen intensiv zu sichten. «In einer Stellungnahme an den DFB-Kontrollausschuss hat Hertha BSC mitgeteilt, dass sich der Vorfall in der 84. Minute vor der Schalker Südkurve rund um den Block S5 ereignet hat», teilte der Verein mit.

Der Club bat «alle Besucher, die das Spiel aus der Südkurve verfolgt und rassistische Aussagen und Laute vernommen haben, sich zu melden». Zugleich entschuldigte sich Schalke nochmals «aufrichtig und in aller Form bei Jordan Torunarigha und Hertha BSC und wird die Darstellung des Spielers vor dem DFB-Sportgericht in keiner Weise anzweifeln».

Die Polizei Gelsenkirchen ermittelt ebenfalls, die FIFA bekräftigt die Notwendigkeit zum Kampf gegen Diskriminierung, und Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies verspricht lückenlose Aufklärung. Dazu solidarisieren sich viele Profi-Kollegen mit dem 22 Jahre alten Torunarigha. 

«Wir haben von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet», sagte ein Sprecher der Polizei Gelsenkirchen, nachdem Schalke-Fans unter anderem Affenlaute in Richtung Torunarighas gerufen haben sollen. Es gehe um den Anfangsverdacht der Beleidigung, sagte der Polizeisprecher. Eine Anzeige des Berliner Spielers liege nicht vor. Zuvor hatte der DFB-Kontrollausschuss eine Untersuchung eingeleitet.

Es ist nicht das erste Mal, dass Torunarigha Erfahrungen mit Rassismus macht. «Ich bin in Chemnitz geboren, habe das alles schon in der Jugendzeit durchlebt», schrieb er weiter. «Meine Eltern wurden beleidigt. Deshalb wühlt mich so eine Situation wie auf Schalke so auf und deshalb habe ich so emotional reagiert.»

Jordan Torunarighas Vater Ojokojo berichtete in der «Bild»-Zeitung, er sei «bei einem Stadtfest durch die Stadt gejagt» worden. «Die Polizei half mir erst, als sie erkannten, dass ich ein Fußball-Profi war», sagte der frühere Spieler des Chemnitzer FC. «Ich habe immer versucht, den Rassismus von meinen Kindern fernzuhalten.» Sein Sohn müsse «seine Emotionen vielleicht manchmal besser in den Griff bekommen. Aber Rassismus tut unglaublich weh.»

Die FIFA unterstrich derweil, sie habe Mitgliedsverbände, Ligen und Clubs aufgefordert, «ein ähnliches Verfahren wie die FIFA und eine Null-Toleranz-Politik für alle Formen von Diskriminierung im Fußball anzuwenden und scharfe Sanktionen für jede Art solchen Verhaltens auszusprechen». Zum konkreten Fall äußerten sich die FIFA und die Europäische Fußball-Union UEFA zunächst nicht.

Unterdessen schloss sich Schalke-Boss Tönnies dem Vereinsstatement an. «Wir werden alles daransetzen, die Angelegenheit aufzuklären», sagte der 63-Jährige der «Bild»-Zeitung. Ex-Profi Hans Sarpei antwortete auf die Frage, ob Tönnies mit seinen Aussagen über Afrikaner im Vorjahr ein schlechtes Vorbild gewesen sei, generell. «Es ist wie im Fußball: Wenn sich ein Spieler etwas erlaubt und der Trainer es duldet oder wegguckt, dann gibt es schnell Nachahmer-Effekte», sagte Sarpei der Deutschen Presse-Agentur: «Dem muss der Verein, dem muss unsere Gesellschaft vorbeugen.»

Grundsätzlich zeigte sich der in Ghana geborene und in Deutschland aufgewachsene Sarpei «entsetzt» über den Vorfall, lobte aber ausdrücklich das Verhalten des Vereins. Man habe in Deutschland im Bezug auf Rassismus im Fußball «noch keine italienischen Verhältnisse», erklärte der 43-Jährige: «Aber wir müssen diese Vorfälle sehr ernst nehmen.»

In den sozialen Netzwerken bekundeten weitere Profis Rückhalt für Torunarigha. «Wir stehen alle hinter dir Bruder!!! #notoracism», schrieb sein früherer Teamkollege Davie Selke, der inzwischen bei Werder Bremen spielt, bei Instagram. «Hätte nicht gedacht, dass so etwas in Deutschland 2020 möglich ist! Bin fassungslos!», schrieb Bayern Münchens Jérôme Boateng bei Twitter. «#F%** Racism I am with you my man» (Ich bin bei dir), teilte dessen älterer Bruder Kevin-Prince mit.

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