Ex-NFL-Profi Vollmer über den Super Bowl, Star-Quarterback Tom Brady, Verletzungen und die Football-Rente
»Ich bin mit mir im Reinen«

Bielefeld (WB). Sebastian Vollmer (34) ist der erfolgreichste deutsche Football-Spieler aller Zeiten. 2015 und 2017 gewann er mit den New England Patriots den Super Bowl, bevor er im Mai 2017 zurücktrat. Vor dem Finale der NFL zwischen den Patriots und den Los Angeles Rams hat Sebastian Bauer mit dem gebürtigen Kaarster über das große Finale, Verletzungen und politische Aspekte des Sports gesprochen.

Samstag, 02.02.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 02.02.2019, 14:26 Uhr
Acht Jahre spielte Sebastian Vollmer in der NFL. Foto: dpa

Wo schauen Sie am Sonntag: auf der Couch, einer Party oder im Stadion in Atlanta?

Sebastian Vollmer: Ich arbeite noch eng mit der NFL zusammen und werde wohl vor Ort sein. Ich fungiere dort als eine Art Botschafter für Football in Deutschland. Die Liga will wachsen, und Deutschland ist der Nummer-Eins-Markt außerhalb der USA.

Kribbelt es noch, wenn Sie den Super Bowl erleben oder haben Sie mittlerweile schon zu viel Distanz?

Vollmer: Ich versuche, so neu­tral wie möglich ranzugehen. Persönlich habe ich mit dem aktiven Kapitel abgeschlossen. Ich hatte eine wundervolle Karriere, hätte sie mir kaum besser vorstellen können, von daher vermisse ich nicht viel. Vielleicht gewisse Momente, wenn man im Stadion ist, die Nationalhymne kommt und man weiß: Jetzt geht es los. Dann hat man schwitzige Hände, Adrenalin und wieder Lust. Aber das geht wohl nie verloren. Ich bin aber mit mir und der Entscheidung, in Football-Rente zu gehen, im Reinen.

»Bis heute hab ich den Super Bowl nicht gesehen«

Haben Sie sich in den vergangenen Tagen ihre eigenen Super-Bowl-Siege noch einmal angesehen?

Vollmer: Dafür bin ich gar nicht der Typ. Alle anderen Spiele habe ich tausendmal angesehen, um besser zu werden. Bis heute habe ich sie mir nicht und werde mir die Super Bowls auch nicht ansehen. Ich habe die Spiele im Kopf, wie sie in meinen Augen abgelaufen sind. Diese Erinnerung möchte ich so bewahren. Für das Melancholische bin ich zudem auch nicht der Typ.

Zur Person

Sebastian Vollmer wurde am 10. Juli 1984 in Kaarst geboren. Seine Karriere begann er bei den Panthers in Düsseldorf. Über das College-Team Houston Cougars kam Vollmer 2009 zu den New England Patriots, wo er bis 2017 als Offensive Tackle spielte. Der 34-Jährige, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Florida lebt, stand dreimal im Super Bowl (2012, 2015, 2017), den er zweimal gewann (2015, 2017).

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Wie haben Sie den Super Bowl damals als Profi erlebt? Wie lief so ein Tag ab?

Vollmer: Vom Typ her bin ich sehr gelassen, sehr ruhig und analytisch. So leicht bringt mich nichts aus der Ruhe. Man muss schon die ganze Woche zuvor viel Stress über sich ergehen lassen, etwa beim sogenannten Media Day. Als Spieler hat man wenig Lust drauf, aber es ist Teil des Spektakels. Für mich war es wichtig, die Routine so gut wie möglich beizubehalten. Und für mich hatte es keinen Wert, auf eine Super- Bowl-Party zu gehen. Meine heutige Frau und meine Eltern waren da. Doch auch mit denen trifft man sich nicht wirklich, weil man sich weiter vorbereiten muss – auf das größte Ereignis, das ich in meinem Sport gewinnen kann. Das Spiel an sich ist schon besonders. Das Kribbeln ist groß. Aber sobald man auf dem Platz ist, ist man wieder in seinem Element. Dann ist es nur ein Footballspiel.

Als Ex-Patriot werden Ihre Sympathien am Sonntag vermutlich klar verteilt sein?

Vollmer: Das liegt aber nicht nur daran, dass ich dort gespielt habe. Ich habe noch viele Freunde dort. Aber ich glaube, dass die Patriots gewinnen werden.

Auf dem Platz haben Sie Tom Brady jahrelang vor den Gegnern beschützt. Was macht diesen Ausnahme-Quarterback so besonders?

Vollmer: Er ist im positivsten Sinne vom Sport besessen. Und natürlich hat er Talent. Er sagt von sich selbst, dass er die Bereitschaft hat, seine Familie für den Sport aufzugeben. Und er zwingt seinen Gegner dazu, seine Familie aufzugeben. Viele sind dazu nicht bereit. Er ist nicht der athletischste Quarterback. Das muss er ausbessern mit Dingen, die er gut kann: Spielintelligenz, den Ball werfen, ein Trainer auf dem Platz sein. Er bereitet sich so gut vor, dass er vor dem eigentlichen Spielzug weiß, was passiert. In seinem Kopf ist der Spielzug passiert, bevor er den Ball wirft. Und diese Fähigkeit macht alle auf dem Platz besser. Ein Beispiel: 2014 beim Super Bowl lagen wir zurück. Tom kam und sagte: »Championship Drive« (zu deutsch: Spielzug zum Sieg). Und man sagte sich: »Ja, hat er Recht, machen wir«. Mit ihm hat man immer eine Chance.

»Das ist der FC-Bayern-Effekt«

Viele hassen Brady nahezu. Wieso polarisiert er so?

Vollmer: Das ist der FC-Bayern-Effekt. Man möchte den Underdog siegen sehen. Irgendwann hasst man den Sieger.

Bei den Rams fokussiert sich alles auf Sean McVay (33), den Trainer-Shootingstar, eine Art Julian Nagelsmann der NFL.

Vollmer: McVay ist jünger als mancher Spieler auf dem Feld. Er repräsentiert die neue Garde von Coaches in der NFL. Und er formt die Superstars bei den Rams zu einem Team, das ist das Schwierigste. Er ist sehr enthusiastisch, er kann sein Team sehr gut motivieren. Als Spieler ist es sehr erfrischend, die Energie von einem so jungen Headcoach zu spüren. Die jungen Coaches motivieren anders als nur mit dem Satz: »Nur gewinnen zählt«. Und McVay steht im Super Bowl. Er scheint also alles richtig zu machen.

Ex-Profi Björn Werner sagte einmal, dass sich ein NFL-Profi in der Saison fühlt, als habe er jede Woche einen Autounfall. Unterschreiben Sie das so?

Vollmer: In meinem Buch (»German Champion«, Anm. d. Red.) hab ich es ähnlich beschrieben. Wir sind Autos, die jedes Mal nach dem Spiel zum Mechaniker müssen. Sobald es nicht mehr repariert werden kann, ist man weg vom Fenster. Nach der Karriere wird man nur noch auf der normalen Straße fahren und nicht mehr über Stock und Stein. Ich hatte auch viele Verletzungen. Auf der Position, auf der ich gespielt habe, rauschen zwei 150-Kilo-Kolosse pro Spiel 90 mal ineinander. Man bricht sich hier einen Finger, da eine Schulter. Man versucht, es so gut wie möglich auszuhalten.

Wie geht es Ihnen heute?

Vollmer: Als ich aufgehört habe, hatte ich gut 145 Kilogramm. Die habe ich heute nicht mehr. Für mich war wichtig, so schnell wie möglich so viel Gewicht wie möglich zu verlieren. Es gibt Dinge, die ich nicht mehr machen möchte, weil sie schmerzen. Aber ich kann alles tun, was ich will. Ich habe zwei kleine Kinder, mit denen kann ich spielen und ich gehe ins Fitnessstudio. Mir geht es gut, aber es gibt Einschränkungen, die ich mein Leben lang habe.

»Ich würde es wieder so machen«

In Ihrem Buch schreiben Sie neben den vielen Verletzungen auch über die Entbehrungen, die man im Privatleben in Kauf nehmen muss. War es das im Rückblick alles wert?

Vollmer: Wenn ich eine Entscheidung treffe, sage ich nicht zehn Jahre später, dass ich es hätte anders machen sollen. Ich musste vieles meinem Ziel unterordnen. Dann gebe ich manche Dinge gerne auf, auch wenn das für andere Menschen schwer zu verstehen ist. Zusammengefasst: Ich würde es wieder so machen.

Wie nehmen Sie den NFL-Hype in Deutschland wahr?

Vollmer: Als ich angefangen habe, war das in Deutschland nicht vorstellbar. Ich habe ein Spiel in London kommentiert. Wir waren einen Tag zuvor in einem Pub. Da waren tausende deutsche Fans, die mit uns gefeiert haben. Ich habe das Gefühl, dass jedes mal, wenn ich in Deutschland bin, der Hype noch ein Stück mehr zugenommen hat.

Hymnenstreit, ein US-Präsident, der Spieler bei Twitter beleidigt, und Diskussionen ums Verletzungsrisiko: Hat die NFL in den USA dagegen mit einem Imageproblem zu kämpfen?

Vollmer: Man hört es in den Medien, das stimmt. Aber ich kenne niemanden, der sich ein NFL-Spiel deshalb nicht anschauen würde. Am Ende ist es immer noch der Nummer-Eins-Sport in den USA. Der Sport ist physisch und kann viele Probleme mit sich bringen. Das muss am Ende aber jeder Spieler für sich selbst entscheiden, ob er das Risiko eingeht. Auch der Hymnenstreit hat in den Medien stark abgenommen.

War der Hymnenprotest von Colin Kaepernick auch in der Kabine Gesprächsthema?

Vollmer: Bei den Patriots haben wir darüber nicht diskutiert. Die Frage rund um den Protest war damals auch, welche Freiheiten man als individueller Sportler hat. Colin sucht leider immer noch nach einem Job. Er hat dafür also bezahlen müssen. Wahrscheinlich wusste er vorher, dass dieses Risiko besteht. Aber er macht weiter und kämpft für seine Sache.

Wie oft tragen Sie ihre zwei Super-Bowl-Ringe?

Vollmer: Privat kommen die gar nicht raus. Ich mag es nicht besonders, sie anzuziehen. Sie kommen fürs TV oder Wohltätigkeitsveranstaltungen an die Finger.

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