Wissenschaft Erbgut der Tsetsefliege entziffert

Yale (dpa) - Tausende Menschen erkranken jedes Jahr neu an der Schlafkrankheit - in jahrelanger Arbeit haben Forscher nun das Erbgut der Tsetsefliege entschlüsselt, die den gefährlichen Erreger überträgt.

Von dpa
Jährlich erkranken Zehntausende Menschen in Afrika an der gefährlichen Schlafkrankheit. Übertragen wird sie durch die Tsetsefliege. Deren Genom ist nun entschlüsselt worden. Foto: Geoffrey Attando/Eurekalert/dpa
Jährlich erkranken Zehntausende Menschen in Afrika an der gefährlichen Schlafkrankheit. Übertragen wird sie durch die Tsetsefliege. Deren Genom ist nun entschlüsselt worden. Foto: Geoffrey Attando/Eurekalert/dpa Foto: dpa

Ihr Nährsekret für Larven ähnele verblüffend der Muttermilch von Säugetieren, berichten die Forscher im Fachmagazin «Science». Sie hoffen, dass sich aus den Erkenntnissen neue Ansätze zur Bekämpfung der Schlafkrankheit entwickeln lassen. Das Fehlen einer Erbgutkarte sei zuvor ein großes Hindernis bei der Suche nach Schwachstellen der Insekten gewesen.

Tsetsefliegen sind afrikanische Stechfliegen, die sich ausschließlich von Blut ernähren. Während einer Mahlzeit können sie ihr Gewicht fast verdoppeln. Sie übertragen bestimmte Erreger, die Trypanosomen, die bei Menschen in Afrika südlich der Sahara die Schlafkrankheit und bei Tieren die Nagana-Seuche verursachen. Anders als die meisten Insekten legen Tsetsefliegen keine Eier. Sie sind lebendgebärend und füttern ihre im Rumpf heranwachsenden Larven mit einem Sekret aus Milchdrüsen.

Auf die zwölf für die Milchproduktion nötigen Gene entfalle in dieser Zeit mehr als die Hälfte der gesamten Genaktivität, schreiben die Forscher. Insgesamt wurden etwa 12 000 Gene gefunden. Die Erbgutanalyse zeigte auch, dass Augen und Sehsystem von Tsetsefliegen - die ihre Opfer an Geruch und Aussehen erkennen - denen von Stubenfliegen ähneln. Interessant als möglicher Ansatzpunkt seien die Gene für die Proteine im Speichel, mit denen die Fliegen bei ihren Opfern die Blutgerinnung hemmen.

Mehr als 140 Wissenschaftler aus 18 Ländern waren fast zehn Jahre damit beschäftigt, das Genom der Tsetsefliege (Glossina morsitans morsitans) zu entschlüsseln. Von der DNA-Sequenz können Forscher auf etliche Eigenschaften der Insekten schließen - etwa ihren Stoffwechsel, ihr Immunsystem und ihre Sinneswahrnehmungen.

Die Schlafkrankheit ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) derzeit in 36 afrikanischen Ländern verbreitet. Die Zahl der Neuerkrankungen wurde 2012 auf 20 000 geschätzt. Geschätzt 70 Millionen Menschen leben im Verbreitungsgebiet der Infektionskrankheit. Symptome können ein zunehmendes Schlafbedürfnis, Lähmungen und Krämpfe sein. Unbehandelt gilt die Schlafkrankheit als tödlich.

Bislang sei es schwierig, direkt gegen den Erreger vorzugehen, heißt es in «Science». Es gibt keine Schutzimpfung, zugelassene Medikamente haben schwere Nebenwirkungen. Außerdem gebe es immer mehr Berichte über Erregerstämme, die gegen Medikamente resistent geworden sind. Deshalb wäre es von großem Vorteil, bereits die Verbreitung der Schlafkrankheit zu verhindern.

Die neuen Ergebnisse brächten zunächst keine direkten Fortschritte im Kampf gegen die Schlafkrankheit, sagte Prof. Christian Meyer vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. «Das Genom zu entschlüsseln ist Grundlagenforschung.» Zwar sei es theoretisch denkbar, dass mit den neuen Erkenntnissen verbesserte Insektizide entwickelt werden könnten. Doch müssten die Gifte auf riesigen Flächen ausgebracht werden. «Das ist logistisch überhaupt nicht machbar.»

Ein zweiter Ansatz könnte laut Meyer sein, gentechnisch veränderte Tsetsefliegen zu züchten, die sich nicht fortpflanzen können oder den Erreger der Schlafkrankheit schlechter übertragen. Allerdings müssten sich diese veränderten Insekten gegen ihre natürlichen Artgenossen durchsetzen und sie verdrängen. «Die haben aber eher einen Nachteil», sagte Meyer. Das zeigten Erfahrungen mit anderen gentechnisch veränderten Insekten.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.