»Letzte Botschaft der Opfer«
NS-Verbrechen im Sauerland: Experten graben 400 Fundstücke aus

Warstein/Arnsberg (dpa). Es sieht aus wie ein ganz normaler schlammiger Waldweg im Sauerland. Doch wo Wissenschaftler der Öffentlichkeit am Freitag ihre Forschungsergebnisse präsentieren, erschossen SS-Schergen vor mehr als 70 Jahren kurz vor Kriegsende 56 Zwangsarbeiter und ein Kleinkind. In Warstein-Suttrop. Ein Gedenkstein erinnert an das Morden.

Freitag, 08.03.2019, 16:41 Uhr aktualisiert: 08.03.2019, 16:44 Uhr
Ein Aufschrift auf der abgewandten Seite eines Obelisken erinnert auf dem sogenannten «Franzosenfriedhof» in Meschede an russische Opfer der SS, die im Jahr 1945 in Warstein erschossen wurden. Foto: dpa

Archäologen haben dort bis Anfang 2019 nach intensiven historischen Voruntersuchungen gegraben. Ebenso an zwei weiteren Exekutionsstätten im Arnsberger Wald, wo Angehörige der Waffen-SS und Wehrmacht im März 1945 insgesamt 208 polnische und russische Zwangsarbeiter ermordeten.

Mehr als 400 Fundstücke haben die Experten insgesamt aus dem Boden geholt. Sie haben nun ein Puzzle zusammengesetzt, für das zuvor noch einige Teile gefehlt hatten - und das jetzt das gesamte barbarische Bild zeigt. Vielfach sind es kleine letzte Habseligkeiten der Opfer, die die Erde freigegeben hat.

Fragmente einer Mundharmonika, eines Brillenetuis, ein polnisches Gebetbuch und ein Wörterbuch, sojwetische Münzen, Schuhe, Kleidungsteile, Geschirr, einen Löffel, Knöpfe. Die Objekte sind wichtige Zeugnisse, sie erzählen von den Ermordeten, wie Matthias Löb sagt, Direktor des kommunalen Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL). »Es ist quasi ihre letzte Botschaft.«

Ausgrabungsfunde wie ein Verschluss eines Karabiners (links), eine Emaileschüssel, Knöpfe oder zwei Damenschuhe stehen bei einer Pressekonferenz im Rathaus auf einem Tisch.

Ausgrabungsfunde wie ein Verschluss eines Karabiners (links), eine Emaileschüssel, Knöpfe oder zwei Damenschuhe stehen bei einer Pressekonferenz im Rathaus auf einem Tisch. Foto: dpa

Drei Massengräber

Und auch zu den Tätern geben die Ausgrabungen zentrale Hinweise. Deutlich wird: An allen drei Exekutionsstätten war das Vorgehen unterschiedlich, wie LWL-Archäologe Manuel Zeiler erläutert. Eisensplitter belegten, dass an einen Tatort eine Grube in den Boden gesprengt wurde. In der Grube wurden Projektile und Waffenteile entdeckt. An anderer Stelle offenbaren Patronenhülsen, dass einige der Zwangsarbeiter noch versucht hatten zu fliehen. Vergeblich.

Von zwei Massengräbern hatten die amerikanischen Truppen schon kurz nach der Befreiung erfahren, berichtet LWL-Historiker Marcus Weidner. Ein US-Kommandant habe ehemaligen NSDAP-Mitgliedern befohlen, die Leichen zu exhumieren, die Bevölkerung musste an ihnen vorbeiziehen. Ein drittes Massengrab wurde erst 1947 entdeckt. Dort hatten die NS-Täter 80 Zwangsarbeiter getötet.

Opfer überwiegend Frauen

Weidner sagt, die Opfer seien überwiegend Frauen gewesen. Die schon vor den neuen Ausgrabungen entdeckten Knochen zeigten, »wie jung viele Opfer waren.« Bei vielen fehlten Teile der Schädelknochen. Eine Folge von Genickschüssen. Die getöteten Zwangsgsarbeiter waren Zufallsopfer, schildert der Historiker. Sie seien aus dem Westen kommend im Sauerland gestrandet - in der Hoffnung, dort zu überleben. 

Die allermeisten Opfer sind auf einem Waldfriedhof in Meschede bestattet. Weidner zufolge hatte die juristische Aufarbeitung der Verbrechen 1957 vor dem Arnsberger Landgericht begonnen, wo das Urteil gegen nur wenige Angeklagte »skandalös niedrig« ausgefallen sei. Erst im Revisionsverfahren hätten die Richter einige Täter auch wegen Mordes verurteilt. Es sei den Experten inzwischen gelungen, 14 Opfer zu identifizieren. »Wir versuchen die Angehörigen zu ermitteln.« Die Forschungsergebnisse sollten einer breiten Bevölkerung vermittet werden. Denkbar sei, die Tatorte zu einem »Erinnerungspfad« zusammenzuführen.

Mit den neuen Erkenntnissen trage man »zur weiteren Aufhellung« der grausamen NS-Mordaktionen bei, betont Löb. Das sei in mehrerer Hinsicht bedeutend, denn: Seit einigen Jahren geben es Versuche, Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur zu verharmlosen oder zu leugnen. Eine Lehre aus den Sauerland-Funden sei: Eine »Schlusstrich-Mentalität« verbiete sich. 

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