Bielefelder Arbeitsagentur-Chef Thomas Richter:
Anstieg der Kurzarbeit ist ein „gutes Signal“

14 Jahre stand Thomas Richter (65) an der Spitze der Arbeitsagentur Bielefeld. Jetzt geht er in Ruhestand. Im Gespräch mit Bernhard Hertlein zieht er Bilanz.

Donnerstag, 04.02.2021, 03:18 Uhr aktualisiert: 05.02.2021, 07:02 Uhr
„Der Arbeitsmarkt in Ostwestfalen-Lippe ist in den vergangenen Jahren viel robuster geworden“, sagt Thomas Richter.

Wie stand es um den OWL-Arbeitsmarkt, als Sie 2007 in Bielefeld anfingen?

Thomas Richter: Damals war die Arbeitslosigkeit relativ hoch. Zwei Jahre vorher, als die ersten Jobcenter an den Start gegangen sind, waren in Deutschland fünf Millionen ohne Job. Seitdem gab es zwar schwierige Zeiten mit steigender Arbeitslosigkeit, etwa während der Finanzkrise 2008/09 oder der Herausforderung 2015 durch den Zuzug geflüchteter Menschen. Doch jedes Mal war der Sockel der Arbeitslosigkeit kurze Zeit danach niedriger als vorher. Das war bei Krisen in der Vergangenheit immer anders. Der Arbeitsmarkt ist in den 14 Jahren, in denen ich die Bielefelder Agentur leite, viel robuster geworden.

Wie viele sind in OWL arbeitslos oder in Kurzarbeit?

Richter: Augenblicklich sind 70.000 Menschen ohne Job. Hätten wir die Kurzarbeit nicht, wären das sicher einige mehr. Bund und Land haben schnell reagiert, Schlimmeres verhütet und damit bis auf Weiteres auch viel erreicht – für den Arbeitsmarkt und für die Menschen, die von dem hohen Grad der Absicherung profitieren. Um etwa die Unternehmen bei den Sozialversicherungsbeiträgen zu entlasten, reichen die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung nicht aus. In diesen außergewöhnlichen Zeiten reagiert der Staat sehr umfassend – auch mit Steuergeldern.

Und wie viele Menschen sind in Kurzarbeit?

Richter: Wir verzeichnen wie überall in Deutschland auch in OWL seit November wieder eine erhöhte Zahl an Betrieben, die Kurzarbeit für ihre Belegschaften anzeigen. Das ist ein gutes Signal, weil es zeigt, dass die Arbeitgeber ihr Personal halten wollen und auf eine Erholung 2021 hoffen. Bundesweit gehen Ökonomen von mehr als 2,5 Millionen Menschen in Kurzarbeit aus. Gemessen auch an unserem Volumen vor Ort, erscheint mir die Zahl plausibel. Wir gehen im Übrigen ganz stark davon aus, dass die wirtschaftlichen Einbußen seit November alles in allem nicht so stark sein werden wie im Frühjahr 2020. Das gilt auch für die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

Überträgt man die bundesweite Zahl auf OWL, sind hier 60.000 bis 65.000 in Kurzarbeit.

Richter: Genaue Zahlen haben wir noch nicht.

Auch in Ostwestfalen-Lippe bedarf es nach Ansicht der Arbeitsagenturen noch großer Anstrengungen, damit genügend Lehrverträge abgeschlossen werden.

Auch in Ostwestfalen-Lippe bedarf es nach Ansicht der Arbeitsagenturen noch großer Anstrengungen, damit genügend Lehrverträge abgeschlossen werden.

Lange gab es nicht genug Lehrstellen. In den letzten Jahren aber war es teilweise schon so, dass die Unternehmen in OWL nicht genug Bewerber gefunden haben. Was ist Ihre Prognose für 2021 und danach?

Richter: Tatsächlich brauchen wir mehr Lehrstellen – und Bewerber! Es gibt Regionen wie den Kreis Gütersloh, wo auf 100 Bewerber zuletzt 120 Ausbildungsplätze gekommen sind. Jetzt in der Pandemie ist es eine große Herausforderung, die Zahl der Lehrverträge auf einem guten Niveau zu halten. Unsere Berufsberatung kann momentan zum größten Teil nicht in Schulen gehen. Der Zugang zur Berufsberatung ist für die Schulabgänger damit erschwert. Es versteht sich von selbst, dass sich daher ein größerer Anteil für ein Studium oder eine weitergehende schulische Ausbildung entscheidet – ohne Ausrichtung auf eine konkrete Ausbildung. Das gilt es in Zeiten des Fachkräftemangels zu verhindern. Zum Glück gibt es gerade in OWL eine breite Allianz, die sich bemüht, mehr Lehrstellen zu rekrutieren und zu besetzen.

Ist die Integration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt ein Luxusproblem angesichts der großen Herausforderungen, die aktuell und nach der Pandemie auf die Wirtschaft zukommen?

Richter: Nein. Die Menschen verdienen es, dass wir ihnen eine Chance geben – sei es, dass sie durch eigene Versäumnisse oder unverschuldet jahrelang keinen Job finden. Ich bin froh, dass das Bundesteilhabegesetz vor der Pandemie in Kraft treten konnte. Damit kann die Arbeit von Menschen, die in sieben Jahren mindestens sechs Jahre ALG II – gemeinhin Hartz IV genannt – bezogen haben, zwei Jahre lang vom Jobcenter voll finanziert werden. Dann sinkt der Zuschussanteil auf bis zu 70 Prozent im fünften Jahr. Das Programm wirkt.

Die Kanzlerin sagte 2015: Wir schaffen das. Gemeint war die Integration der Zuwanderer in Gesellschaft und auch in Arbeitsmarkt. Welches Zwischenergebnis ziehen Sie für die Region?

Richter: In den vergangenen fünf Jahren ist es gelungen, etwa die Hälfte der Menschen mit Fluchterfahrung in die reguläre Arbeitswelt zu integrieren. Das ist eine gute Bilanz. Bei den Flüchtlingen, die vorher etwa im Zuge der Balkankriege hierherkamen, lag der Anteil etwa bei einem Drittel. Auch bei den unbegleiteten Minderjährigen ist der Anteil derer, die inzwischen einer geordneten Ausbildung nachgehen, sehr hoch.

Corona hat die Arbeitsagenturen vor ganz neue Probleme gestellt. Wie flexibel ist eine Behörde in einer solchen Situation?

Richter: Behörde ist die Rechtsform. Tatsächlich entwickelten sich alle Ar-beitsagenturen in den vergangenen zehn Jahren zu modernen Dienstleistern. Das zahlt sich jetzt besonders aus. In der Agentur in Bielefeld haben sich zum Beispiel Berufsberater in der Krise in kürzester Zeit in den Bereich der Kurzarbeit eingearbeitet und über Monate mitgeholfen, die große Zahl an Anträgen zu bewältigen. Deshalb konnten wir die Bearbeitungszeit auf durchschnittlich unter fünf Tage halten – und waren damit so schnell, dass wir in die Teams anderer, stark ausgelasteter Arbeitsagenturen als mobile Einheit hineinarbeiten konnten.

Und das Thema Arbeit 4.0. Ist das auch schon bei der Agentur angekommen?

Richter: Die Pandemie hat den Prozess beschleunigt. In der Beratung von Jugendlichen bauen wir die Videokommunikation derzeit stark aus. Als dezentral ausgerichtete Bundesbehörde haben wir digitale Video-Konferenzen im Übrigen auch schon vor der Krise umfassend genutzt. Aktuell sind 60 bis 70 Prozent der Belegschaft im Homeoffice.

Welche längerfristigen Folgen hat Corona?

Richter: Die Zahl der Arbeitslosen steigt derzeit, die Lücke auf dem Lehrstellenmarkt hat sich vergrößert. Aber wie bei den anderen Krisen zuletzt hoffe ich sehr darauf, dass sich die Sockelarbeitslosigkeit in OWL nicht erhöhen wird. Viele Unternehmen erweisen sich in der Krise als anpassungsfähig. Sie stellen ihre Arbeitsprozesse und teils auch ihr Produktprogramm um. Das geht so weit, dass sie binnen Kürze begonnen haben, Medizinprodukte, Masken und Desinfektionsmittel herzustellen. Damit beweisen die Betriebe auch in OWL einmal mehr Flexibilität. Das wird sich am Ende der Pandemie auszahlen. Die ostwestfälische Wirtschaft verfügt über eine sehr gute DNA.

Ausgerechnet Bielefeld hat immer die höchste Arbeitslosenquote in OWL. Ist das gottgegeben oder kann man etwas dagegen tun?

Richter: Wir tun gut daran, die Region als Ganzes zu sehen. Ostwestfalen-Lippe hat keine Metropole wie Berlin oder München, aber mit Bielefeld und Paderborn zwei große Universitätsstädte mit urbanem Flair. Sicher werden Großstädte für manche Menschen immer auch Orte sein, an denen sie sich in gewisser Weise „verstecken“ können. Das mag eine Rolle spielen. Mit „it’s OWL“ und der „Regionale 2022“ haben wir zwei Pfunde, mit denen der Regierungsbezirk wuchern kann. Anfangs tat ich mich mit dem Motto der Regionale – Urban Land – etwas schwer. Aber es trifft den Kern. Das Ganze macht den Reiz aus: Junge Menschen suchen die Urbanität. Wenn sie eine Familie gründen, werden Infrastruktur, Entfaltungsraum sowie sichere und gleichzeitig spannende Arbeitsplätze wichtiger. Im Alter wissen die gleichen Menschen die Natur noch mehr zu schätzen. Ostwestfalen-Lippe bietet das alles.

 

Geht nach 14 Jahren als Leiter Arbeitsagentur Bielefeld in den Ruhestand: Thomas Richter

Geht nach 14 Jahren als Leiter Arbeitsagentur Bielefeld in den Ruhestand: Thomas Richter Foto: Bernhard Hertlein

ZUR PERSON

Thomas Richter (65) stand 14 Jahre an der Spitze der Arbeitsagentur in Bielefeld. So lange amtierte in der mehr als 120-jährigen Geschichte der Arbeitsverwaltung in Bielefeld kein anderer Direktor bzw. Chef. Außer Bielefeld gehört zum Agenturbezirk auch der Kreis Gütersloh. Zugleich war Richter so etwas wie inoffizieller Sprecher der vier Arbeitsagenturen in OWL. Vor dem Amtsantritt 2007 in Bielefeld leitete er zwei Jahre die Agentur in Herford. Davor war Richter viele Jahre stellvertretender Direktor der Ar-beitsverwaltung in der südbadischen Stadt Freiburg im Breisgau.

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