Lockdown-Verlängerung: Friseurhandwerk befürchtet Insolvenzwelle – IHK Ostwestfalen drängt auf rasche Hilfen
Wirtschaft fordert mehr Geld

Bielefeld/Frankfurt (WB/ef/dpa) -

Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften haben Kritik am verlängerten Lockdown geäußert und mehr Hilfe vom Staat gefordert. Die Gewerkschaften NGG und Verdi pochen auf ein höheres Kurzarbeitergeld für Beschäftigte der Gastronomie von mindestens 1200 Euro.

Donnerstag, 07.01.2021, 04:06 Uhr aktualisiert: 07.01.2021, 04:10 Uhr
Von dem verlängerten Lockdown sind auch viele Modegeschäfte betroffen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Der Einzelhandel fordert einen Fahrplan zur Wiedereröffnung der Geschäfte und höhere Staatshilfen. Ökonomen glauben indes, dass der bis Ende Januar verlängerte Lockdown insgesamt überschaubare Folgen für die Wirtschaft haben.

„Die geschlossenen Handelsunternehmen brauchen jetzt klare Aussagen, unter welchen Bedingungen sie wann ihren Betrieb wieder aufnehmen können“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands HDE, Stefan Genth. Den Lockdown einfach nur zu verlängern und keinerlei Perspektiven oder Pläne für eine Wiedereröffnung zu präsentieren, sei zu wenig. Genth forderte Nachbesserungen bei Hilfen: „Es zeichnet sich eine Pleitewelle ab, wie wir sie noch nicht erlebt haben.“

Harald Grefe, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen (IHK) sagte, die Lockdown-Verlängerung treffe die Wirtschaft hart. „Viele Un­ternehmen aus den betroffenen Branchen haben Existenzängste und Sorgen um ihre eigene Zukunft. Und viele verbindet die Hoffnung, dass sie im Februar ihre Geschäfte wieder öffnen können und damit schrittweise die Normalität zurückkehrt.“

Umso wichtiger sei jetzt, dass die zugesagten Mittel auch schnell fließen, mahnte Grefe. Zwischen der politischen Ankündigung und der tatsächlichen Auszahlung lägen jedoch viele Wochen. Grefe: „Den betroffenen Betrieben gehen die liquiden Mittel aus. Trotz Zusagen kommen die dringend benötigten Gelder aus den November- und Dezemberhilfen bisher nicht bei den Unternehmen an. Lediglich die beantragten Abschlagszahlungen sind bisher geflossen.“ Die darüber hinaus gehenden Auszahlungen zumindest für den Monat November seien jetzt immerhin ab dem 10. Januar in Aussicht gestellt.

Die vom erweiterten Lockdown betroffenen Unternehmen (ab 16. Dezember) können die November- und Dezemberhilfen nicht beantragen. Für sie soll die Überbrückungshilfe III greifen. Dieses Programm müsse aber erst noch IT-konform entwickelt werden. Hier drängt die IHK zur Eile. Die erforderliche Abstimmung zwischen dem Bund und den Ländern dürfe nicht zu weiteren Verzögerungen führen. Grefe: „Insgesamt muss der Fixkostenzuschuss als echte Liquiditätshilfe noch im Januar zur Auszahlung kommen.“

Die IG Bau forderte einen bezahlten Sonderurlaub für Eltern im Lockdown. „Bauarbeiter und Reinigungskräfte können weder Homeoffice machen noch sich zuhause um die Kinder kümmern“, erklärte Gewerkschaftschef Robert Feiger.

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer verlangte derweil zügigere Impfungen. „Damit wir möglichst rasch wieder zu einem weniger eingeschränkten Alltag und Geschäftsbetrieb zurückkehren können, muss es endlich gelingen, das Infektionsgeschehen spürbar einzudämmen.“ Das Friseurhandwerk befürchtet in seinem Gewerbe eine Insolvenzwelle. Viele Betriebe könnten die Einnahmeverluste nicht mehr schultern, sagte Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks. Staatliche Hilfen müssten jetzt schnell und unbürokratisch fließen.

Die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Ingrid Hartges, bezeichnete die Auszahlung der Novemberhilfen als „höchst eilbedürftig“. Die Umsatzeinbußen seien katastrophal, die Stimmung auch.

Der Tourismusverband bezeichnete die Maßnahmen als schmerzlich, aber nachvollziehbar. „Es war ein Fehler, mit den Beschlüssen vom 28. Oktober 2020 den Deutschlandtourismus auf Null zu setzen, aber auf Maßnahmen in anderen Bereichen zu verzichten. Das rächt sich jetzt und verlängert den Lockdown“, sagte DTV-Geschäftsführer Norbert Kunz.

Ökonomen halten die wirtschaftlichen Folgen ei­ner Einschränkung des Bewegungsradius‘ für überschaubar. „Wenn die berufliche Mobilität weiter möglich bleibt, dürften sich die wirtschaftlichen Zusatzkosten in Grenzen halten“, sagte Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW). Auch aus Sicht von Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), ist entscheidend, dass die Fahrt zum Produktionsort möglich bleibe.

Auch die Folgen des verlängerten Lockdowns schätzen Ökonomen als eher gering ein. Dies sei für betroffene Branchen, vor allem Einzelhandel und Gastronomie, schmerzlich, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Aber man dürfe nicht übersehen, dass große Teile der Wirtschaft, vor allem Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, geöffnet blieben. Entscheidend sei, dass die Industrie nicht in Mitleidenschaft gezogen werde, sagte auch IW-Direktor Hüther.

Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht man davon aus, dass die Verlängerung des harten Lockdowns nur kurzfristig auf der wirtschaftlichen Erholung lastet. „Werden die Infektionszahlen damit effektiv gedrückt, ist eine kräftige Erholung im Frühjahr möglich“, sagte DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen. Der ehemalige Manager und Unternehmer Roland Berger erwartet, dass die deutsche Wirtschaft spätestens in zwei Jahren ihr Vorkrisenniveau wieder erreicht haben wird.

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