Rückkauf der Aktien geplant
Samwer-Brüder wollen Rocket Internet von der Börse nehmen

Knapp sechs Jahre nach dem Börsengang will sich Rocket Internet schon wieder vom Aktienmarkt verabschieden. Die den Konzern dominierenden Samwer-Brüder nennen als Grund einen gewünschten längerfristigen Kurs.

Dienstag, 01.09.2020, 23:51 Uhr aktualisiert: 01.09.2020, 23:54 Uhr
Der Start-up-Investor Rocket Internet will sich von der Börse zurückziehen. Foto: Paul Zinken

Berlin (dpa) - Der Start-up-Investor Rocket Internet will sich nach gut sechs Jahren von der Börse zurückziehen. Der Kapitalmarkt habe als Finanzierungsmöglichkeit für das Unternehmen an Bedeutung verloren, teilte Rocket Internet mit.

Rocket plant, den Aktionären ihre Anteilsscheine zu je 18,57 Euro abzukaufen. Die Abwesenheit vom Aktienmarkt mit seinen Berichtspflichten und der Vielzahl von Inhabern soll den Besitzern um die Samwer-Brüder einen längerfristigen Unternehmenskurs ermöglichen, hieß es.

Rocket Internet gründet oder investiert in Internet- und Technologieunternehmen. Viele seiner aktuellen und früheren Beteiligungen sind mittlerweile an der Börse notiert, wie das Online-Versandhaus Zalando, der Kochboxenversender Hellofresh und der Essenslieferdienst Delivery Hero.

Rocket versucht, den Eigentümern ihre Aktien billiger abzukaufen, als sie am Montagabend - also vor der Bekanntgabe der aktuellen Pläne - mit 18,95 Euro zu haben gewesen waren. Die Aktionäre rechnen offensichtlich damit, dass das Unternehmen eine Schippe drauflegt: Im frühen Handel legte der Kurs um 1,3 Prozent auf 19,20 Euro zu. Rocket Internet ist damit etwa 2,6 Milliarden Euro wert.

Der gebotene Preis entspreche dem volumengewichteten Durchschnittskurs der letzten sechs Monate, argumentierte Rocket. Die Corona-Krise hatte den Kurs im März auf 16 Euro einbrechen lassen, was den Durchschnitt nach unten drückt. Sollte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) einen höheren Mindestpreis errechnen, werde dieser maßgeblich sein, hieß es weiter.

Zum Vergleich: An die Börse gegangen war Rocket Internet im Oktober 2014 zu 42,50 Euro pro Aktie. Zeichnern der Papiere, die sie bis heute gehalten haben, drohen also hohe Verluste.

«Ich fühle mich als Aktionäre übers Ohr gehauen», sagte Michael Kunert, der zuständige Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Samwer plündere die Aktionäre aus, die Aktienkultur werde dadurch Schaden nehmen. Kunert forderte einen besseren Anlegerschutz in Deutschland.

Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am 24. September sollen die Rocket-Aktionäre über den Einzug der im Rahmen des Delistingprozesses zurückgekauften Aktien entscheiden. Parallel beschloss Rocket Internet ein Aktienrückkaufprogramm zum Erwerb von bis zu 8,84 Prozent des Grundkapitals über die Börse. Das Programm soll Mitte September enden, kommt also vor dem Rückkaufangebot im Rahmen des Börsenrückzugs.

Rund die Hälfte an Rocket Internet halten die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer, größtenteils über das Vehikel Global Founders GmbH. Diese Aktien sollen nicht angedient werden. Der Konzern hält mit 1,9 Milliarden Euro genug Bargeld, um den Rückkauf der übrigen eigenen Papiere zu ermöglichen.

© dpa-infocom, dpa:200901-99-383439/6

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