Weg aus der Krise?
Hans-Jörg Vetter soll Commerzbank-Aufsichtsrat leiten

Der frühere Landesbanker Hans-Jörg Vetter soll die Commerzbank als neuer Aufsichtsratschef aus der Krise führen. Dabei nimmt das Geldhaus einen Konflikt mit Großaktionär Cerberus in Kauf.

Montag, 03.08.2020, 18:54 Uhr aktualisiert: 03.08.2020, 18:56 Uhr
Hans-Jörg Vetter soll an die Spitze des Commerzbank-Aufsichtsrats wechseln. Foto: Christoph Schmidt

Frankfurt/Main (dpa) - Die Commerzbank geht einen ersten Schritt aus ihrer Führungskrise. Der Aufsichtsrat des Frankfurter Geldhauses hat den früheren Vorstandschef der Landesbank Baden-Württemberg, Hans-Jörg Vetter, an die Spitze des Kontrollgremiums gewählt.

Die Wahl stehe aber unter der Bedingung, dass der 67-Jährige gerichtlich als neues Aufsichtsratsmitglied bestellt werde, teilte die Commerzbank mit. Dies werde in den nächsten Tagen erwartet. Großaktionär Cerberus konnte die Wahl von Vetter nicht verhindern.

Bei der Commerzbank war Anfang Juli ein Führungsvakuum entstanden, da sowohl AufsichtsratschefStefan Schmittmann als auch Konzernchef Martin Zielke nach Kritik von Investoren ihren Rücktritt ankündigten. Finanzinvestor und Commerzbank-Großaktionär Cerberus hatte der Führungsspitze vorgeworfen, «über Jahre eklatant versagt» zu haben.

Vetter galt als Favorit für den Aufsichtsratsvorsitz. Er war von 2009 bis 2016 Chef der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und schon einmal im Gespräch für die Aufsichtsratsspitze der Commerzbank. 2016 fiel die Wahl aber auf Schmittmann, der am Montag abtrat. Vetter hat viel Restrukturierungserfahrung bei der LBBW gesammelt, die in der Finanzkrise ab 2007 in Schieflage geraten war. Zudem sanierte er die frühere Bankgesellschaft Berlin, die sich mit Immobilienengagements verhoben hatte. Allerdings fehle es ihm an Führungserfahrung in börsennotierten Unternehmen, monieren Kritiker.

Die wichtigste Aufgabe für Vetter wird die Suche nach einem Nachfolger für Konzernchef Zielke. Der neue Chef oder die neue Chefin muss dann eine neue Strategie für den Umbau der Bank umsetzen. Den Vertrag mit Zielke wird die Bank spätestens zum 31. Dezember 2020 vorzeitig auflösen. Der Manager hatte eingeräumt, dass die im Herbst beschlossenen Maßnahmen nicht durchschlagend genug waren, um die Commerzbank im Zinstief profitabler zu machen.

Die Bundesregierung hat ein großes Interesse daran, das Führungsvakuum bei dem Geldhaus zügig zu beenden. «Als größter Anteilseigner begrüßt es der Bund, dass in Herrn Vetter ein ausgewiesener Bankexperte mit großer Transformationserfahrung gefunden wurde», hieß es nun aus Regierungskreisen. Der Bund, der das Institut in der Finanzkrise gerettet hatte und mit 15,6 Prozent größter Anteilseigner ist, halte an einer starken und zukunftsfähigen Commerzbank fest. Sie habe eine wichtige Funktion für die Mittelstands- und Exportfinanzierung der deutschen Wirtschaft.

Die Wahl von Vetter zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden geschah gegen den Willen von Finanzinvestor Cerberus, der nicht im Kontrollgremium vertreten ist und nicht abstimmen konnte. Die Commerzbank nimmt daher einen Konflikt mit dem US-Fonds in Kauf. Die Amerikaner, die mit ihrem Engagement bei der Commerzbank viel Geld verloren haben, sind verärgert, auch weil es vorab keinen Kontakt zu Vetter gab.

Cerberus hatte zuvor Widerstand gegen Vetter geleistet und zwei eigene Kandidaten vorgeschlagen. Die schwierige Lage der Commerzbank erfordere einen Aufsichtsratschef, der den nötigen tiefgreifenden Umbau «mit initiieren und überzeugend begleiten» könne, hatte Cerberus in einem Brief an den Aufsichtsrat geschrieben. «Wir haben ernsthafte Zweifel, dass Hans-Jörg Vetter die richtige Person für diese Aufgabe ist und über die richtige Erfahrung hierfür verfügt.»

Ein gutes Verhältnis zu dem Finanzinvestor ist für den künftigen Kurs der Bank nicht unwichtig: Cerberus ist mit einem Anteil von gut fünf Prozent zweitgrößter Commerzbank-Aktionär nach dem Bund.

Die doppelte Rücktrittserklärung von Schmittmann und Zielke hatte die Commerzbank mitten in der Debatte um eine neue Strategie getroffen. Auf dem Tisch liegen dem Vernehmen nach Pläne, Stellenabbau und Filialschließungen deutlich zu verschärfen. Demnach könnte die Zahl der zuletzt knapp 40.000 Vollzeitstellen um bis zu ein Viertel gekappt und das Filialnetz erheblich verkleinert werden. Zu allem Übel erschwert die Corona-Krise der Bank das Geschäft.

Wenn das Geldhaus an diesem Mittwoch Zahlen für das zweite Quartal vorlegt, erwarten Analysten unterm Strich nur einen kleinen Gewinn. Für das Gesamtjahr und 2021 rechen die Experten mit einem Verlust.

Ursprünglich wollte die Commerzbank an diesem Mittwoch auch eine neue Strategie vorstellen. Das aber ist in weite Ferne gerückt. Investoren und Aufsichtsräte pochen auf einen geordneten Prozess: Erst ein neuer Aufsichtsratschef, dann die Neubesetzung der Vorstandsspitze, anschließend die Festlegung der Strategie.

© dpa-infocom, dpa:200803-99-28100/4

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