Reinert setzt als Teil des neuen Wurst-Riesen TFB auf Wachstum
Sonntagsarbeit in der Corona-Krise

Versmold (WB). Ein Nachfrageboom in der Hochzeit der Corona-Krise haben der im fusionierten Unternehmen „The Family Butchers“ (TFB) aufgegangenen Versmolder Privat-Fleischerei Reinert Wochenendschichten beschert. Der Absatzschub soll der neuen Nummer zwei im deutschen Wurstmarkt im laufenden Jahr zu einem Umsatz- und Ergebnisplus verhelfen. Derweil ist der angekündigte Stellenabbau im Zuge des zum 1. Dezember erfolgten Zusammenschlusses von Reinert und Kemper (Nortrup) deutlich geringer ausgefallen als angekündigt.

Mittwoch, 10.06.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 10.06.2020, 18:10 Uhr
Hans-Ewald Reinert will mit der Sommerwurst und weiteren Produkten nun als Teil von „The Family Butchers“ profitabel wachsen. Foto: Oliver Schwabe

2019 haben beide Unternehmen in Summe rund 700 Millionen Euro umgesetzt – und unter dem Strich die befürchteten roten Zahlen knapp vermeiden können. „Wir haben in diesem schwierigen Jahr noch ein leichtes Plus im Ergebnis geschafft“, sagt Hans-Ewald Reinert (57). Er ist 50-Prozent-Gesellschafter von TFB neben Kemper-Inhaber Wolfgang Kühnl (39). Beide teilen sich die Arbeit an der Spitze der Muttergesellschaft, die operative Führung liegt in den Händen von sechs Geschäftsführern. Trotz Mehrkosten infolge der Corona-Krise strebt TFB höhere Erträge an – die langfristige Zielmarge verrät Reinert aber nicht.

Stellenabbau „mit viel Augenmaß”

Einen Beitrag zu höherer Ertragskraft in der unter Konsolidierungsdruck stehenden Branche sollen Einsparungen bei den Personalkosten leisten. Jede zehnte der insgesamt 2600 Stellen sollte mittelfristig wegfallen – vor allem durch den Abbau von Doppelstrukturen in der Verwaltung. 20 Mitarbeiter seien von betriebsbedingten Kündigungen betroffen gewesen, sagt Kühnl – weniger als zunächst von Arbeitnehmervertretern befürchtet. „Wir haben den Arbeitsplatzabbau als Familienunternehmen mit viel Augenmaß betrieben.“

Zudem seien mit Beschäftigten Aufhebungsverträge geschlossen und frei werdende Stellen nicht besetzt worden. In Summe seien damit bislang keine 100 Stellen gestrichen worden. „Normale Personalanpassungen realisieren wir über die übliche Fluktuation, die bei uns in der Regel bei vier bis fünf Prozent im Jahr liegt.“

Fleisch und Wurst sollen etwas teurer werden

Für die Zukunft stimmt Reinert die Verbraucher auf ein „etwas höheres Preisniveau für Fleischwaren“ ein. Das sei angesichts der veränderten gesellschaftlichen Einstellung zu Tierhaltungs- und Produktionsbedingungen in der Kette vom Landwirt über den Schlachthof bis zum Veredelungsbetrieb unumgänglich. Mit der Reinert-Marke „Herzenssache“, für die nur Fleisch aus antibiotikafreier Aufzucht eingesetzt wird, sieht sich der Wurstfabrikant gut positioniert. „Das Sortiment werden wir im Spätherbst weiter ausbauen.“

Weitere Internationalisierung geplant – Heimatmarkt gesättigt

Wachsen soll auch die Bärchen-Produktfamilie als wichtigste Einzelmarke von TFB – auf den Umsatz mit Markenprodukten von Reinert entfällt etwa jeder sechste Euro. „Bärchen hat 2019 beim Volumen und beim Umsatz zweistellig zugelegt und diesen Trend auch 2020 fortgesetzt“, sagt Reinert. Die Produkte in Bärchenform sollen zudem bei der angestrebten Internationalisierung in der Vorreiterrolle sein. TFB kommt aktuell auf eine Exportquote von einem Drittel, Reinert lag zuvor bei 43 Prozent. „Es ist unser Ziel, weiter zu internationalisieren und in neue Märkte vorzudringen“, sagt Reinert auch angesichts eines gesättigten Heimatmarktes. „Wir werden die Strategie in den kommenden zwölf Monaten weiter ausarbeiten. Nordamerika spielt dabei eine große Rolle.“ Ein Werk in den USA gilt als eine Option.

Nächste Reinert-Generation bereitet Einstieg vor

Aus der eigenen Familie könnte Reinert bald Verstärkung bekommen: „Mein Sohn Carl zeigt sehr großes Interesse und bereitet sich intensiv vor. Er ist jetzt 25, hat gerade seinen Bachelor gemacht und will nun eine Fleischerlehre absolvieren.“ Zuwachs könnte es auch für TFB geben – durch die Übernahme kleinerer Wettbewerber oder den Beitritt von Unternehmen, „die von den Werten und der Qualität zu uns passen“. Reinert: „Ziel ist es, insgesamt noch stärker zu werden, gerade in der Sandwichposition zwischen Fleischlieferanten und Handelsketten.”

„Werkverträge vernünftiges Instrument“

Mit Blick auf die Debatte über Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche fordert Reinert eine „differenzierte Betrachtung“. Bei Weiterverarbeitern wie TFB gebe es keinen Einsatz von aus dem Ausland angeheuerten Leiharbeitern. „Wir nutzen Werkverträge nur bei Werksschutz und Reinigung. Zu Saisonspitzen setzen wir keine Werkverträge, sondern Zeitarbeiter ein. Wir rekrutieren aus diesem Pool auch feste Mitarbeiter.“ Mögliche Missstände in der Branche müssten schnell abgestellt, die Kontrollen deutlich verschärft werden. Reinert: „Die Werkverträge an sich sind ein vernünftiges Instrument. Dieses nur in der Fleischbranche aushebeln zu wollen, ist diskriminierend.“

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