Gerry-Weber-Vorstand Florian Frank und Betriebsratschef Lutz Bormann über die Rettung
„Unmögliches möglich gemacht”

Halle (WB). Gerry Weber kann weitermachen. Die große Mehrheit der Kreditgeber hat der Stundung eines Teils ihrer Forderungen an das Unternehmen bis Jahresende zugestimmt. Für mehr als 200 Beschäftigte in Halle bedeutet die Einigung, dass sie in Kürze ihre Kündigung erhalten werden.

Mittwoch, 03.06.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 03.06.2020, 18:26 Uhr
Die Türen zu 200 Gerry-Weber-Filialen – hier eine in Köln – bleiben nach der Einigung mit Gläubigern und Betriebsrat offen. Foto: dpa

Über die Einigung und den Interessenausgleich mit der Belegschaft sprach Bernhard Hertlein am Dienstag mit Florian Frank, Finanzchef und Vorstand für Restrukturierung bei Gerry Weber, sowie dem Betriebsratsvorsitzenden Lutz Bormann.

Haben tatsächlich 100 Prozent der Gläubiger dem Aufschub der Rückzahlung zugestimmt?

Florian Frank: Wir haben das scheinbar Unmögliche möglich gemacht. Damit ist die Finanzierung unseres Unternehmens gesichert. Es waren nahezu 100 Prozent der Gläubiger, die wir von dem Zukunftskonzept überzeugen konnten und die deshalb der Stundung ihrer Forderungen bis 31. Dezember 2023 zugestimmt haben.

Ist Gerry Weber damit gerettet?

Frank: Die Refinanzierung steht. Jetzt können wir uns an die Umsetzung des Zukunftskonzepts machen. Der erste Schritt ist zugleich der bitterste, weil er mit dem Abbau von mehr als 200 Arbeitsplätzen verbunden ist. Die Kündigungen werden im Juni ausgesprochen. Danach bleibt die Situation herausfordernd – schon deshalb, weil die Corona-Krise und ihre Folgen noch lange nicht überwunden sind. Das gilt für die gesamte Modebranche.

Lutz Bormann: Natürlich ist uns vom Betriebsrat die Zustimmung zum Interessenausgleich im Vorfeld nicht leichtgefallen. Das gilt insbesondere für die Zustimmung zu den Kündigungen. Aber auch die Beschäftigten, die ihre Jobs behalten, leisten einen großen Beitrag, indem sie auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten.

Komplett? Und wie lange?

Bormann: Wir haben uns auf ein abgestuftes Modell verständigt, das wie die Vereinbarung mit den Kreditgebern Ende 2023 auslaufen wird. Sollte sich das Unternehmen bis dahin gut entwickeln, werden die Beschäftigten genau wie die Kreditgeber und Anteilseigner davon profitieren. Vielleicht werden wir dann Aktien der neu aufgestellten Gerry Weber AG erhalten. Das wäre uns am liebsten.

Mit welcher Umsatz- und Ertragsentwicklung rechnen Sie für das laufende Geschäftsjahr 2020?

Frank: Nach wie vor, wie zuletzt mitgeteilt, mit einem Umsatz zwischen 260 und 280

Florian Frank

Florian Frank

Millionen Euro – 100 Millionen weniger als zu Jahresbeginn prognostiziert. Als Folge der Corona-Krise müssen wir noch einmal mit einem Verlust im mittleren zweistelligen Millionenbereich rechnen.

Schon vor den Verhandlungen war gesagt worden, dass auch bei verlängerter Tilgungsfrist 200 Arbeitsplätze abgebaut werden müssen. Gab es ein Junktim für die Zustimmung des Betriebsrates?

Bormann: In der Tat hatten wir uns vom Betriebsrat und der Unternehmensleitung im Vorfeld auf einen Interessenausgleich verständigt, der heute unterschrieben wurde.

Frank: Ähnliches gilt für den Sanierungstarifvertrag, den wir mit der IG Metall abschließen und der die Grundlage für die Abweichungen vom allgemeinen Tarifvertrag ermöglicht.

Trifft das nur den Standort Halle?

Bormann: Im Wesentlichen: Ja.

Welche Bereiche sind betroffen? Werden Arbeiten ausgelagert?

Bormann: Der Abbau trifft die Verwaltung in Halle in der gesamten Breite. Frank: Einzelheiten werden wir in Kürze zuerst den Mitarbeitern mitteilen. Grundsätzlich müssen wir alle Bereiche weiter verschlanken.

Aber Design und Entwicklung werden doch in Hallebleiben?

Frank: Das ist der Kern von Gerry Weber. Auch das Portfolio mit den drei Marken – Gerry Weber, Taifun und Samoon – ist gesund und bleibt darum erhalten.

Haben Sie bei der Zahl der eigenen Modegeschäfte die Zielgröße erreicht?

Frank: Ja. Nachdem die letzten Filialen im Januar aufgegeben wurden, sind bei 200 Läden in Deutschland und 500 Verkaufsflächen weltweit keine weiteren Schließungen geplant. Allerdings werden die Verhandlungen mit den Vermietern weitergehen. Wir habe feste Ziele, um Filialen wieder profitabler zu machen. Werden sie nicht erreicht, wird vielleicht auch in Zukunft noch die eine oder andere Filiale geschlossen. Aber ein Programm dafür gibt es nicht.

Wohl aber eine Zielgröße für die Einsparungen?

Frank: Ja, aber diese ist nicht öffentlich und außerdem von Standort zu Standort konzeptionell unterschiedlich.

War die Aufsehen erregende Fotoaktion der IG Metall in den sozialen Medien bei den Gesprächen mit den Gläubigern hilfreich oder eher störend?

Bormann: Aus Sicht des Betriebsrates war sie hilfreich. Wir haben Anrufe von

Lutz Bormann

Lutz Bormann

Instituten erhalten, die das nicht gut fanden, dass ihr Name öffentlich gemacht wurde. Aber das Ziel, die Übereinkunft mit der übergroßen Mehrheit der Kreditgeber, wurde erreicht. Frank: Es ist nicht am Vorstand, diese Aktion der Gewerkschaft zu bewerten. Aber wir als Gesellschaft haben Verständnis für die Beschäftigten, die um ihre Arbeitsplätze kämpfen.

Wird es für die Beschäftigten, die jetzt trotzdem ihre Jobs verlieren, einen Sozialplan geben?

Frank: Der Interessenausgleich mit dem Betriebsrat ist bereits verhandelt. Bormann: Es wird eine Transfergesellschaft gegründet, die die Beschäftigten bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz oder beim Schritt in die Selbstständigkeit unterstützt. Das ist in der gegenwärtigen Wirtschaftslage nicht leicht. Aber in der Vergangenheit haben auf diesem Weg weit mehr als die Hälfte der Betroffenen tatsächlich neue Jobs gefunden.

Dritter im Bund sind die Anteilseigner, also die Investoren Robus, Whitebox und J.P. Morgan. Was ist ihr Beitrag?

Frank: Sie haben die Gelder für Betriebsmittel aufgestockt.

In welcher Höhe?

Frank: Darüber wurde Stillschweigen vereinbart. Die Investoren stehen zu Gerry Weber und zu unserem Zukunftskonzept.

Wie sieht es, Herr Frank, um Ihre persönliche Zukunft im Vorstand der Gerry Weber International AG aus?

Frank: Mein Vertrag läuft bis 31. Dezember 2020. Ich bin mir aber sicher, dass es auch danach bei Gerry Weber noch viel zu tun gibt. Vielleicht weniger für einen CRO, also den Verantwortlichen für die Restrukturierung, als für den Finanzvorstand CFO. Über eine Verlängerung entscheidet letztendlich der Aufsichtsrat. Bormann: Für den Betriebsrat kann ich sagen, dass wir die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Florian Frank schätzen und eine Verlängerung begrüßen würden.

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