Gebäudereiniger sehnen sich nach Normalität – viele in Kurzarbeit
Vor Öffnung wird sauber gemacht

Steinhagen/Paderborn (WB). Wenn jetzt Schritt für Schritt Schulen, Kindergärten und Einrichtungen wieder langsam öffnen, dann betrifft das nicht nur Schüler und Lehrer. Auch für hunderttausende Beschäftigte im Gebäudereinigungshandwerk bedeutet dies die Chance auf die Rückkehr zu ein bisschen Normalität: „Bevor die ersten Schüler kommen, kommen wir und machen sauber“, sagt Peter Stoll, geschäftsführender Gesellschafter eines mit sieben Standorten und 2700 Beschäftigten der größeren Branchenunternehmen mit Sitz in Steinhagen (Kreis Gütersloh).

Mittwoch, 06.05.2020, 03:02 Uhr aktualisiert: 06.05.2020, 13:44 Uhr
Das Know-how der Gebäudereiniger ist gefragt. Aber die Branche ist von Kurzarbeit betroffen. Foto: dpa

Bisher aber galt: „Wo nicht gearbeitet wird, muss auch nicht gereinigt werden.“ Viel wird in der Corona-Krise über Hygienemaßnehmen diskutiert. Und der Wert des Gebäudereiniger-Handwerks ist in den Augen der Bevölkerung sicher gestiegen. Doch wenn die eigenen Beschäftigten krisenbedingt in Zwangsurlaub, Kurzarbeit oder im Homeoffice sind, entfällt trotzdem ein Großteil der notwendigen Reinigungsarbeiten.

Peter Stoll

Peter Stoll

Auch Stoll musste reagieren. Für 30 bis 40 Prozent der Beschäftigten wurde Kurzarbeit angemeldet. Ebenfalls mehr als 30 Prozent sind es bei der Paderborner Firmengruppe Jolmes, die etwa 1000 Mitarbeiter in der Gebäudereinigung zählt. „Wir haben nicht wenige Kunden im IT-Bereich, deren Beschäftigte nun zum größten Teil im Homeoffice sind“, berichtet einer ihrer beiden geschäftsführenden Gesellschafter, Wilfried Jolmes. Arbeitgeber hätten auch Aufträge storniert, die in größeren zeitlichen Abständen stattfinden, wie etwa die Fensterreinigung. „Theoretisch hätten wir auf bestehende Verträge pochen können”, sagt Jolmes. Doch dann hätte die Firma riskiert, Kunden zu verlieren – in der Zeit nach der Krise.

Minijobber und Teilzeit-Beschäftigte „die eigentlichen Verlierer”

Nicht wenige Gebäudereiniger arbeiten in Deutschland in Teilzeit oder haben nur einen Minijob für monatlich 450 Euro. Letztere erhalten überhaupt kein Kurzarbeitergeld. Auch für manche Teilzeitbeschäftigte geht es angesichts der Kürzung auf 60 bis 67 Prozent an die Sub­stanz. „Sie sind, wenn sie vom Betrieb nicht unterstützt werden, die eigentlichen Verlierer dieser Krise”, sagt Jolmes.

Wilfried Jolmes

Wilfried Jolmes

Kein Problem gab es für die Branche bei der Beschaffung zusätzlicher Schutzmasken- und kleidung. „Wir profitieren vom traditionell engen Kontakt zu den Lieferanten“, sagt Stoll. Im Fall von Jolmes konnte das Unternehmen nach der Lieferung von 50.000 Schutzmasken aus China einen Teil sogar zum Selbstkostenpreis an Kunden weitergeben.

Stoll sagt: „Dies ist die größte Krise, die ich bisher in meinem Beruf erlebt habe.“ Trotzdem ist er sich mit Jolmes einig: Viele Branchenfirmen werden sie, wenn sich die Öffnung durchsetzt, überleben – „mit blauem Auge und sonstigen Blessuren“. Danach, so hoffen sie, könnte sich die gestiegene Wertschätzung irgendwann auch in höheren Umsätzen niederschlagen. Dabei setzt Thomas Dietrich, Bundesinnungsmeister der Gebäudereiniger, auch auf einen Richtungswechsel: In den vergangenen Jahren seien die Intervalle für die Schulreinigung in vielen Fällen immer weiter verkürzt worden. Damit sollte nach der Krise nun doch Schluss sein.

Beschäftigungsstärkste Branche im deutschen Handwerk

Mit 700.000 Arbeitnehmern ist die Gebäudereinigung die beschäftigungsstärkste Branche im deutschen Handwerk. Die insgesamt 25.000 Betriebe erzielten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 19 Milliarden Euro – nach Angaben des Bundesinnungsverbandes der Gebäudereiniger mit Tendenz auf 20 Milliarden Euro.

Eine Umfrage, die der Innungsverband selbst beim Meinungsforschungsinstitut Forsa in Auftrag gab, hat ergeben, dass aktuell 96 Prozent der Bürger die Arbeit der Gebäudereiniger für sehr wichtig oder wichtig halten. Und jeder Vierte findet sie demnach wichtiger als vor der Corona-Krise.

 

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