Bielefelder Start-up „sentibar“ erschließt neue Geschäftsfelder – Ausgründung „avotext“ kürzt Texte
Expansion ins soziale Netz

Bielefeld (WB). Über große Bildschirme in Banken, Arztpraxen oder Ladenpassagen flimmern Werbespots, buhlen um die Aufmerksamkeit von Reisenden, Patienten oder Kunden. Die Dauerberieselung stumpft ab, die Botschaften der Unternehmen und Organisationen, mal leise, mal marktschreierisch vorgetragen, verpuffen möglicherweise in der Endlosschleife... Wenn nicht interessante Inhalte die Werbebotschaft auflockern.

Freitag, 03.04.2020, 12:36 Uhr aktualisiert: 03.04.2020, 12:40 Uhr
Das nahezu komplette Team des Start-ups und seine Inhalte, die sich etwa auf Monitoren in Geldinstituten und Lotto-Annahmestellen finden: Andreas Tepel (Head of Engineering & Gründer, Wirtschaftsinformatiker), die Werksstudentin Leonie Retemeier (Editorin) und Tim Rose (Entwickler), Mareike Neumayer (Marketing & Communications), Fritz Putzhammer (Project Manager, Volkswirt), Geschäftsführer Marco Sussiek (CEO & Gründer, Wirtschaftsingenieurwesen) sowie Moritz Retemeier (Head of Marketing & Gründer). Zu den Gründern gehört außerdem noch Geschäftsführer Dr. Ulrich Schoof (CEO & Gründer). Foto: Thomas Lunk

„81 Prozent der bundesligaaffinen Deutschen möchten Spiele am liebsten von Zuhause aus verfolgen“ – ein leicht verdauliches Informationshäppchen, grafisch ansprechend dargestellt, fesselt das Interesse des Betrachters den entscheidenden Moment länger. „Menschen interessieren sich für die Meinung anderer. Sie vergleichen ihre eigenen Ansichten und Erfahrungen“, begründet Moritz Retemeier die Wirkung der Videoclips, die „sentibar“ produziert.

Sechsstelliger Umsatz

Das junge Unternehmen startet im Pioneers Club, deren „Coworking Space“ (eine offene Bürofläche, die die Zusammenarbeit befördern soll) sicher einer der wichtigsten Zufluchtsorte für Start-ups in Bielefeld ist. Es hat das Gründer-Programm der Bielefelder Founders Foundation erfolgreich absolviert. Vor einem Jahr bezog das Start-up schließlich ein Büro in der Bielefelder Obernstraße. Inzwischen zählt das Team acht Köpfe. Im Vorjahr hat „sentibar“ einen sechsstelligen Umsatz gemacht, den das Start-up 2020 verdoppeln will. Auch das ursprüngliche Geschäftsmodell hat sich weiterentwickelt: Neu hinzugekommen ist die Produktion von aufmerksamkeitsstarkem Content für die Online-Kommunikation.

Der „sentibar“-Crawler – ein Computerprogramm, das Webseiten und andere Inhalte im Internet nach Informationen durchsucht – fahndet mit Hilfe einer Schlüsselwörter-Liste nach relevanten Daten. Inzwischen nicht mehr nur aus Umfragen, sondern auch Statistiken, Studien, News und mehr. Anhand eines umfangreichen Kriterien-Katalogs wird die Qualität der Statistik, der Umfrage oder des Studienergebnisses bewertet und so die Spreu vom Weizen getrennt.

Wichtige Kriterien

„Die Masse bewältigt die Software, den Rest übernimmt der Mensch“, erklärt Retemeier. Dabei spielen Kriterien wie die Auswahl der Stichprobe (Ist die Umfrage repräsentativ?) und die Methodik eine Rolle. Ein wichtiges Indiz sei auch, welche Organisation die Umfrage durchführt oder in Auftrag gegeben hat: Marktforschungsinstitute wie Emnid, Forsa, GfK und Yougov stehen eher für Qualität als Firmen, die Erhebungen in Eigenregie (und mutmaßlich auch Eigeninteresse) durchgeführt haben.

Das ist NLP

Natural language processing (NLP) ist die maschinelle Verarbeitung natürlicher Sprache. Chatbot und Sprachassistenten wie Alexa (Amazon), Siri (Apple), Cortana (Microsoft) und der Google Assistent nutzen NLP. An der Schnittstelle zwischen Mensch und Computer (HCI - Human Computer Interaction oder auf deutsch Mensch-Computer-Interaktion), wird NLP-Anwendungen eine große Zukunft vorausgesagt. NLP ist zumindest – je nach Definition von Künstlicher Intelligenz – eine Spielart oder eine Vorstufe für KI. NLP basiert auf statistischem Maschine Learning (maschinellem Lernen). Computer lernen allgemeine Muster, mit deren Hilfe sie individuelle Fragestellungen bearbeiten.

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Wird eine Umfrage für gut befunden, werden deren Aussagen herausgearbeitet und als leicht konsumierbare Clips umgesetzt. Dann flimmern sie über die Werbebildschirme der Kunden auf Messen, im öffentlichen Raum oder in Verkaufsräumen (Digital Signage), darunter bei der Verbund-Volksbank OWL, Westlotto, dem Flughafen Stuttgart und seit Januar auch bei Kunden des Deutschen Sparkassenverlags (DSV). Die Sparkasse Esslingen-Nürtingen wollte es genau wissen und hat getestet: Danach hätten die in Bielefeld aufbereiteten Umfrageergebnisse die Aufmerksamkeit für die Bildschirminhalte um 118 Prozent gesteigert. 4,7-mal so viele Menschen hätten sich an die gezeigten Inhalte des DSV erinnert. Der Bielefelder Inhalte-Produzent unterstützt außerdem die Digitale Mediensysteme GmbH (DMS) in Wien mit aufmerksamkeitssteigernden Inhalten für Kunden.

„sentibar“ setzt auf die Formate Wissen und Quiz. Das Format Wissen vermittelt tagesaktuelle Nachrichten als Umfrageergebnisse, die Rubrik Quiz fragt den Betrachter nach seiner persönlichen Meinung oder einer zu erratenden Antwort und bindet ihn so ein.

Geschäftsfeld ausgeweitet

Vor gut einem halben Jahr hat „sentibar“ sein Geschäftsfeld ausgeweitet und liefert auch Inhalte für Social Media. „sentibar“ hat beobachtet: Auf den Social-Media-Seiten von Unternehmen dreht es sich hauptsächlich um jene selbst. Eigene Produkte, eigene Prozesse, eigene Messebesuche. „Eine echte Interaktion des Nutzers ist da nicht zu erwarten, bestenfalls ein pflichtschuldiges ‚Like‘ der eigenen Mitarbeiter.

„Es geht darum, der Zielgruppe Inhalte mit Mehrwert zu liefern, auch und gerade mit dem Blick über den Tellerrand hinaus. Und so das Unternehmen für Kunden und Partner als Experten zu positionieren. Mit Inhalten, die der Zielgruppe echten Mehrwert bieten. Die informieren und zugleich unterhalten“, sagt Marco Sussiek, operativer Geschäftsführer und neben Retemeier, Dr. Ulrich Schoof und Andreas Tepel Gründer des Start-ups.

Unterstützung für Hidden Champions

Damit unterstütze „sentibar“ die Arbeit einer Contentagentur oder einer firmeneigenen Marketing- und Kommunikationsabteilung. „In OWL gibt es viele Hidden Champions, die sehr erfolgreich sind, in dem was sie machen, die aber nicht die Ressourcen haben, um sich in den sozialen Medien auch so zu präsentieren“, meint Andreas Tepel. Es reiche eben nicht, einmal eine Kampagne zu fahren, sondern man müsse kontinuierlich an seinem Image im Social Web arbeiten. „Das ist ein Marathon, kein Sprint“, bringt es Marketingexpertin Mareike Neumayer auf den Punkt.

Einmal erstellte Templates (Vorlagen) im Unternehmens-Branding lassen sich immer wieder mit neuen Inhalten befüllen, die dadurch attraktiv dargestellt werden. Die Design-Templates, die die Inhalte visuell aufbereiten, kann der Kunde selbst erstellen, wenn er das nötige Know-how im Haus hat oder es den „sentibar“-Designern überlassen.

Das Start-up kann als Inhalte-Lieferant auftreten oder auch den ganzen Service einschließlich der Ausspielung der Beitrage übernehmen. „Managed Service“ ermögliche es den Mitarbeitern des Kunden, sich ganz auf ihre echten Themen und die Interaktion mit dem Kunden zum Beispiel über die Sozialen Netzwerke zu konzentrieren.

Daten finden und aufbereiten

„sentibar“ versteht sich darauf, Daten zu finden, zu bewerten und aufzubereiten. „Da geht aber noch mehr“, meinten die jungen Unternehmer – und gründeten eine weitere Firma. „avotext“ wird durch das Gründerprogramm der Founders Foundation gGmbH und der Bertelsmann Stiftung gefördert und beschäftigt sich mit intelligenter Textanalyse und Textzusammenfassung. “avotext“ – das sind Sussiek, Retemeier und Tepel. Grund für die Ausgründung seien die unterschiedlichen Zielgruppen der Start-ups: „avotext“ richte sich an Redaktionen. Eine Software analysiert Texte semantisch mit Hilfe von „Natural Language Processing“ (NLP) und „Machine Learning“. So ließe sich die Bedeutung von Wörtern und Sätzen im Verhältnis zum Gesamttext untersuchen und bewerten. Füllsätze, Wiederholungen und selbst inhaltliche Zusammenhänge können, sind sich die Unternehmer sicher, mit künstlicher Intelligenz erkannt und markiert werden.

Zurzeit hat das System noch keine vorzeigbare Oberfläche, sagt Sussiek. Das „avotext“-Team arbeitet außerdem an der Perfektionierung der Software. Dabei unterstützt sie auch das WESTFALEN-BLATT – und liefert verschiedene Texte unterschiedlichen Zuschnitts als „Futter“ für die lernwilligen Algorithmen.

Unterstützung für Redaktionen

Das fällt leicht. Mehrere tausend Texte erreichen die WESTFALEN-BLATT-Redaktion jeden Tag: Die Masse machen die Texte der Nachrichtenagenturen (dpa, epd etc.) aus, dazu kommen beispielsweise Mitteilungen von Parteien, Verbänden, Vereinen und Unternehmen sowie die Texte eigener und freier Autoren. Einige Texte werden zudem in unterschiedlichen Längen benötigt: für die Zeitung, die Internetseite, Twitter, Facebook usw.

Wie will „avotext“ die Redaktionen unterstützen? Der Redakteur soll den Originalartikel in das Textfeld der „avotext“-Software kopieren und die gewünschte Textlänge angeben. Auf Mausklick wird der Text analysiert und die Sätze mit dem größten Kürzungspotenzial farblich hervorgehoben angezeigt. Damit bekommt der Redakteur eine Hilfe an die Hand, um Texte schnell und effektiv für unterschiedliche Kanäle zu kürzen. „avotext“ zeige die größten Einsparpotenziale und bewahre dabei den Sinn der Texte und Artikel, heißt es.

Die Vision: Der Redakteur hätte Zeit gewonnen, um eigene Artikel zu verfassen, die er dann mit Hilfe der Software für die verschiedenen Kanäle auf die passenden Längen bringt.

Die Atmosphäre in dem hellen Büro am Skulpturenpark ist geprägt von Aufbruchsstimmung, Unternehmergeist und Optimismus. Das „sentibar“/“avotext“-Team glaubt an den Erfolg: „Wir suchen noch Mitarbeiter“, verrät Sussiek.

Dieser Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe des Magazins „OWL-Wirtschaft“ erschienen. Erhältlich ist es im gut sortierten Zeitschriftenhandel und in Ihrer WESTFALEN-BLATT-Geschäftsstelle.

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