So trifft die Corona-Krise die Bekleidungshersteller in Ostwestfalen-Lippe Volle Lager, kein Verkauf

Halle/Herford/Bielefeld/Gütersloh (WB). Der Verkauf von Bekleidung ist nicht nur in Deutschland, sondern mindestens in Europa weitgehend gestoppt. Entsprechend quellen nicht nur die Leger der Modehäuser und Boutiquen, sondern auch die – wesentlich größeren – Lagerstätten bei den Produzenten über. Dabei ist die Situation bei den einzelnen Unternehmen in Ostwestfalen-Lippe nicht ganz einheitlich.

Von Bernhard Hertlein
In OWL sind zahlreiche Bekleidungshersteller zu Hause, darunter Bugatti (Foto), Gerry Weber, Seidensticker, Ahlers und Annette Görtz.
In OWL sind zahlreiche Bekleidungshersteller zu Hause, darunter Bugatti (Foto), Gerry Weber, Seidensticker, Ahlers und Annette Görtz. Foto: Oliver Schabe

Bei der Haller Gerry Weber International AG nutzt man in Absprache mit den Handelspartnern das komplette Spektrum an Möglichkeiten. Teilweise wird bestellte Ware nach Angaben von Pressesprecherin Kristina Schütze teils in der Menge reduziert oder verzögert sowie eventuell mit Rabatt ausgeliefert. Dabei komme Gerry Weber

Mode von Gerry Weber Foto: Oliver Schwabe

zupass, dass mehrere Lieferanten ihre Ware nicht komplett ausliefern konnten. Die Mitarbeiter in den Shops der AG befinden sich komplett, jene in der Verwaltung zum Teil in Kurzarbeit. Wie berichtet, ist Gerry Weber dazu übergegangen, teilweise selbst Schutzmasken herzustellen.

Brax hat nach Angaben von Geschäftsführer Marc Freyberg am 18. März alle Auslieferungen an den Handel gestoppt. Die Beschäftigten in Herford bauen, sofern ihre Arbeitsleistung aktuell nicht gebraucht wird, Urlaubstage und Arbeitszeitkonten ab.

Mode von Brax Foto: Oliver Schwabe

Die Unternehmensgruppe Bugatti, ebenfalls in Herford, hat nach eigenen Angaben das Glück, dass die Mode für Frühjahr/Sommer größtenteils bereits an den Handel ausgeliefert wurde. Die Nachversorgung sei ausgesetzt, die restliche Ware eingelagert, erklärt Sprecherin Tanja Bobel. Natürlich seien auch die eigenen Shops im In- und Ausland geschlossen. Nach dem Abbau von Resturlaub und Überstunden seien inzwischen die ersten Mitarbeiter auch in Kurzarbeit gewechselt. Lieferausfälle gebe es noch keine. „Aber das Nadelöhr in Transport und Logistik aus Asien ist momentan schwer einzuschätzen“, sagt Bobel.

Stella Ahlers Foto: Oliver Schwabe

Wie bei Bugatti ist auch bei der Ahlers AG die aktuelle Kollektion weitgehend im Handel. Weitere Bestellungen ruhen. In der Zentrale in Herford sind bis auf den Bereich E-Commerce alle Mitarbeiter in Kurzarbeit. Ahlers fertigt selbst ein großen Teil seiner Bekleidung in einem eigenen Werk in Sri Lanka. Dort allerdings ruht die Produktion seit zwei Wochen aufgrund des dort landesweit geltenden Ausgehverbots.

Während aus China wenig verlässliche Informationen über die Situation der Textilfirmen nach außen dringen, wird aus dem zweiten Produktionsland Bangladesch berichtet, dass dort immer noch in einem – allerdings kleineren – Teil der Betriebsstätten gearbeitet wird. Die meisten der 4,1 Millionen Textilarbeiterinnen im Land wurden, wie die Zeitungen vor Ort berichten, nach Hause geschickt. Ein großer Teil habe noch nicht einmal den Februar-Lohn erhalten, geschweige denn für März. Die Medien nennen beispielhaft die europäischen Modehäuser Inditex (Zara), Primark, C&A sowie Marks & Spencer, die bestellte Ware storniert hätten. Nach Angabe des Branchenverbandes in Bangladesch wurde bestellte Ware im Wert von 1,8 Milliarden US-Dollar storniert und für weitere 1,4 Milliarden ganz abgesagt. Geplante, aber für den Zeitraum April bis Dezember noch nicht bestellte Bekleidung im Wert von noch einmal 1,7 Milliarden US-Dollar liege auf Eis.

Noch produziert wird, wenigstens noch teilweise, derzeit offenbar in den Seidensticker-Werken in Vietnam und Indonesien sowie einem Joint venture in Bangladesch. Dabe

Seidensticker-Hemden Foto: Louis Ruthe

i würden alle Vorsichtsmaßnahmen und Hygienevorschriften streng eingehalten, betont Sprecherin Christina Wild. Vor Ort hat der Bielefelder Hemden- und Blusenspezialist für die Saison Frühjahr/Sommer einen grundsätzlichen Lieferstopp verfügt. Den Handelspartnern stehe es frei, sie abzurufen. Aktuell sind knapp 60 Prozent der Beschäftigten in der Zentrale in Kurzarbeit. Die Situation werde von Woche zu Woche überprüft, sagt Wild.

Dass die Branche dann, wenn die Einschränkungen wegen des Coronavirus irgendwann aufgehoben werden, nicht einfach durchstarten kann, betont Hans-Jörg

Mode von Annette Görtz Foto: Oliver Schwabe

Welsch, geschäftsführender Gesellschafter des Gütersloher Modelabels Annette Görtz. Nicht nur sei die Mode dann zum Teil nicht mehr aktuell. Darüber hinaus sei es derzeit auch schwer, neue Kollektionen zu designen und produzieren zu lassen. Bei Görtz geschieht das Welsch zufolge zu 95 Prozent in italienischen Nähbetrieben: „Dort ruht derzeit alles, wirklich alles.“ Auch die fünf eigenen Geschäfte sind geschlossen, die Beschäftigten in Kurzarbeit. Das gelte auch für den größeren Teil der Mitarbeitenden in der Zentrale in Gütersloh.

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