Bauernpräsident Hubertus Beringmeier aus Hövelhof: Coronavirus könnte regionalen Produkten nutzen
Gute Chancen auf eine optimale Ernte

Hövelhof (WB). „Jetzt bin ich in der Rolle eines Nebenerwerbslandwirts“, sagt Hubertus Beringmeier (58). Der Grund: Am 17. Februar wurde er in Münster zum Präsidenten des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) gewählt. Das Ehrenamt fordert. Auf seinem Hof in Hövelhof sprach Beringmeier mit Bernhard Hertlein über Wetter, Regionalität, Wolf, Tierschutz, ASP, Düngeverordnung und andere Themen.

Freitag, 06.03.2020, 13:38 Uhr aktualisiert: 06.03.2020, 14:52 Uhr
Hubertus Beringmeier auf seinem Hof in Hövelhof. Foto: Bernhard Hertlein

Alle reden vom Wetter. Gefühlt hat es in den vergangenen Wochen fast nur noch geregnet. Sind damit die Schäden in der Landwirtschaft durch zwei Dürreperioden behoben?

Hubertus Beringmeier: Tatsächlich haben die ergiebigen Niederschläge den Grundwasserbestand zu einem großen Teil aufgefüllt. Besonders wichtig war das für den heimischen Wald, der außer unter der Dürre auch unter Stürmen und dem Borkenkäfer zu leiden hat. Hundertjährige Buchen sterben zu sehen, das tut schon weh. Wir Landwirte wünschen uns im März natürlich nun ein Wetter, das uns erlaubt, rauszugehen und die Felder zu bestellen. Aber in jedem Fall ist die Ausgangsposition in diesem Jahr so, dass wir diesmal vermutlich sogar eine optimale Ernste einfahren können. Ich bin da Optimist.

 

Noch mehr als über das Wetter wird in der allgemeinen Bevölkerung über den Coronavirus geredet. Hat die Epidemie auch Folgen für die Landwirtschaft?

Beringmeier: Grundsätzlich erhoffe ich mir, dass nach dem Ende der Epidemie bei den Verbrauchern ein Nachdenken hinsichtlich größerer Regionalität einsetzt. Muss es wirklich das argentinische Steak sein? Das westfälische Rindfleisch schmeckt aus meiner Sicht mindestens genauso gut. Die Nahrungsmittelversorgung ist in den vergangenen Jahren immer sicherer geworden. Ohne eine funktionierende heimische Landwirtschaft, bei der die Bauern genug verdienen, um davon zu leben, könnten aber in Zukunft häufiger Lücken entstehen.

 

Eine andere Epidemie, die afrikanische Schweinepest (ASP), ist zwar für Menschen harmlos, würde aber die Schweinemäster in Deutschland sehr treffen. In Polen ist sie schon sehr weit vorgedrungen. Kann es gelingen, sie zwölf Kilometer vor der Grenze zu stoppen?

Beringmeier: Das ist schwer. Ich bin für jeden Tag dankbar, an dem kein an ASP erkranktes Wildschwein in Deutschland gefunden wird.

 

Und wenn doch?

Beringmeier: Dann haben wir in der letzten Zeit alles getan, um die Biosicherheit auf den Höfen zu erhöhen. Insbesondere haben wir neue, höhere Zäune installiert. Angesichts der großen Nachfrage für Schweinefleisch, die aktuell auf den Weltmärkten herrscht, hoffen wir, dass die Märkte sich dann nicht verschließen, wenn es uns gelingt, die Nutztierbestände von der Schweinepest frei zu halten. Da ist jeder Bauer gefordert. Im Gegensatz zu der Situation an der Staatsgrenze haben wir es im eigenen Umfeld selbst in der Hand, Vorsorge zu treffen.

 

Bauern wollen Wolf nicht wieder ausrotten

Ein anderes Tier macht der Landwirtschaft ebenfalls Sorgen, wenn auch aus anderem Grund: der Wolf. Sehen Sie eine Chance, Bauer und Wolf zu versöhnen?

Beringmeier: Die Bauern wollen den Wolf nicht wieder ausrotten. Wir brauchen aber eine Regulierung des Bestandes. Wenn sich der Wolf ungehindert ausbreiten darf, bedeutet dies das Ende der Weidetierhaltung. Wollen wir das? Keine Schafe mehr in unserer schönen Landschaft? Keine Rinder? Wir Bauern wollen das nicht.

 

Sie haben angekündigt, die Kommunikation mit den Verbrauchern in den Städten einerseits und mit Naturschützern andererseits zu suchen. Wie stellen Sie sich das vor?

Beringmeier: Wir fangen nicht bei Null an, sondern führen vor Ort schon lange Gespräche. Nach meiner Wahl hat mir unter anderem der Deutsche Tierschutzbund gratuliert. Dies ist eine der Gruppen, mit denen ich sehr bald die Diskussion aufnehmen will.

 

Am 12. März beraten die Landwirtschafts- und Umweltminister der Länder und des Bundes erneut über die Düngeverordnung. Erwarten Sie noch Änderungen?

Beringmeier: Die Verordnung verlangt den Landwirten wirklich sehr viel ab. Deshalb hoffe ich, dass die Einwände unseres Verbandes ernst genommen werden. Wenn etwa Betriebe im roten Bereich nur noch 20 Prozent unter dem eigentlichen Bedarf düngen dürfen und bei Zwischenfrüchten im Sommer gar nicht, dann kommt das einem Berufsverbot gleich. NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser hat eine Überprüfung der Messstellen zugesagt, deren Werte für ein viel zu großes Gebiet den Ausschlag geben.

Kastenstände abschaffen – nach einer Übergangszeit

Tierschützer mobilisieren in jüngster Zeit gegen Pläne, die engen, nur körpergroßen Kastenstände, in denen die Sauen kaum die Möglichkeit haben, sich umzudrehen, für 17 Jahre zu legalisieren. Verstehen Sie die Kritiker, die das als Tierquälerei bezeichnen?

Beringmeier: Nach dem vor drei Jahren ergangenen Magdeburger Gerichtsurteil ist es klar, dass die Kastenstände künftig nicht mehr akzeptiert werden. Uns geht es um eine Übergangszeit für die Ferkelzüchter, die ihren Stall gerade unter anderen gesetzlichen Voraussetzungen neu gebaut haben. Sie haben sich dafür meist auf 20 Jahre verschuldet. Der fehlende Investitionsschutz ist für Bauern ein generelles Problem. Er hat neben dem Baurecht bereits zu einem Investitionsstau in der Landwirtschaft geführt. Wir sind zu Veränderungen bereit, wenn wir das Geld dafür wieder hereinbekommen. Sonst bedeuten sie über kurz oder lang den Ruin von noch mehr Bauern. Das kann auch nicht im Interesse der Gesellschaft und vor allem des ländlichen Raums sein.

 

Andererseits unterstützt nun selbst Deutschlands größter Schlachter Tönnies den Bau von offenen Ställen. Ist das eine Möglichkeit, den Kritikern entgegenzukommen?

Beringmeier: Mehr offene Ställe gehören sowohl zur Nutztierstrategie in NRW als auch auf Bundesebene zu den Vorschlägen der sogenannten Borchert-Kommission. Tönnies hat wie andere Schlachtbetriebe natürlich ein Interesse daran, dass weiter in die Tierhaltung investiert wird. Stallbau ist teuer. Die Überlegung, durch die Entwicklung eines Musterstalls die Investitionskosten zu senken, ist richtig und wird im Haus Düsse in Sassenberg auch von der NRW-Landwirtschaftskammer verfolgt. Ich erwarte, dass noch andere, zum Beispiel der Agravis-Konzern, folgen werden.

Fleisch wird teurer werden

Am Ende haben die Kosten Auswirkungen auf den Preis. Glauben Sie, dass der Verbraucher das akzeptiert?

Beringmeier: Das Bewusstsein ist grundsätzlich da. Das zeigt auch die von der Landwirtschaft und dem Handel gestartete Initiative Tierwohl, an der sich inzwischen 24 Prozent der der Schweinehalter und 100 Prozent der Hähnchenmäster beteiligen. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, eine Umwandlung der Landwirtschaft durch eine Umlage ähnlich wie bei der Ökostromabgabe oder durch eine höhere Mehrwertsteuer zu finanzieren. Die Diskussion über den besten Weg ist auch bei uns Landwirten noch nicht abgeschlossen.

 

Angekündigt haben Sie vor der Wahl auch Gespräche mit den jungen Bauern der Vereinigung „Land sucht Verbindung“. Wann wird das erste Treffen stattfinden?

Beringmeier: Das erste Treffen war schon in der vergangenen Woche. Das nächste ist eine Diskussion mit den Studierenden der Landwirtschaftlichen Fachschule. Der Austausch mit Nachwuchs ist für die Arbeit des Bauernverbandes extrem wichtig. Sie hat bei mir Priorität.

 

Der Wahl zum Bauernpräsidenten in Westfalen-Lippe ging ein echter Wahlkampf voraus. Hat er Wunden hinterlassen?

Beringmeier: Der Wahlkampf war fair und meinerseits von hohem Respekt für die beiden Mitbewerber geprägt. Ich habe dem unterlegenen Bezirksverband Münster das Angebot gemacht, dass er einen Vertreter oder eine Vertreterin in die Präsidiumssitzungen entsendet, so dass auch er auf höchster Ebene repräsentiert ist. Mir liegt viel an einer guten Zusammenarbeit im gesamten WLV-Gebiet.

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