Wirtschaft
Wenn die grüne Lunge stirbt: Was wir über Natur- und Artenschutz wissen sollten

Alle reden vom Klimawandel. Doch das, was wir davon tatsächlich wahrnehmen, ist nur ein Bruchteil dessen, was sich wirklich auf unserem Planeten abspielt. Das Thema ist für Viele nicht greifbar, weil sie die Auswirkungen nicht spüren. Manche wollen sie auch nicht wahrhaben. Zeit, sich an die Orte zu begeben, wo der Klimawandel deutlich sichtbar wird.

Mittwoch, 04.03.2020, 05:12 Uhr aktualisiert: 04.03.2020, 10:17 Uhr
Foto: stock.adobe.com © bennymarty

Dungay in New South Wales, Australien: Auf einem ehemaligen Farmgelände in der Nähe von Murwillumbah fanden sich zu Beginn dieses Jahres wieder zwölf mehr oder weniger prominente Zeitgenossen ein, um sich für eine TV-Reality-Show mit Kakerlaken und allerlei anderem Getier überschütten zu lassen. Unweit davon, etwa 100 Kilometer entfernt, wüteten Buschbrände, bei denen auch Menschen ums Leben kamen. Fauna und Flora wurden zerstört, zahlreiche Menschen mussten aus ihren Häusern evakuiert werden. Dazu gehörte auch der als Dr. Bob bekannte Dschungelarzt der TV-Sendung Robert McCarron. Zwar hatte man die Sicherheitsvorkehrungen im Dschungelcamp verschärft, eine akute Gefahr bestand dort jedoch nicht, von den Bränden heimgesucht zu werden.
Die Bilanz der Buschbrände ist dramatisch: 13 Millionen Hektar Natur wurden zerstört, über eine Milliarde Tiere sind ums Leben gekommen, darunter 10.000 Koalas. Das bedeutet, dass fast 80% der Koalas durch die Brände getötet wurden und beinahe vom Aussterben bedroht sind. Tierschützer setzen sich daher verstärkt für einen besseren Schutz der Tiere ein und wollen der australischen Regierung mehr Druck machen, damit endlich Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden. Dazu gehört, den Kohleabbau zu stoppen und erneuerbare Energien voranzutreiben, um die CO²-Emmissionen zu reduzieren. Für die australische Bevölkerung stehen Umweltthemen bei den nächsten Wahlen hoch im Kurs, sie machen sich Sorgen wegen des Klimawandels und erwarten, dass sie dieser persönlich betrifft. Die australische Regierung hingegen will weiterhin am Kohleabbau festhalten. Wissenschaftler warnen jedoch vor weiteren Katastrophen wie den Buschbränden, die jüngst mehr als 200 Millionen australische Dollar gekostet haben. 

Die Rote Liste

Über 30.000 Tier- und Pflanzenarten gelten inzwischen als bedroht. Aufgelistet hat diese die Weltnaturschutzunion IUCN in ihrer sogenannten „Roten Liste“. Insgesamt 112.432 Arten hat die IUCN untersucht und davon 27 Prozent als bedroht deklariert. Darunter auch Eukalyptus, eine wichtige Nahrungsquelle der Koalas. Faste ein Viertel aller gut 800 Eukalyptusarten sind bedroht, bis auf wenige Ausnahmen findet man diese nur in Australien.

In Südamerika sind immer mehr Affenarten bedroht. Sie werden entweder gejagt, oder ihr Lebensraum muss Rodungen für Plantagen und Äcker weichen.  

Die Erderwärmung macht ebenfalls vielen Arten zu schaffen, das gilt auch für Meerestiere. Mehr als ein Drittel der australischen Süßwasserfischarten sind bedroht, ebenso Haie und Rochen. Unregulierte Fischerei sorgt neben dem Klimawandel dafür, dass viele Meerestiere vom Aussterben bedroht sind.  

Bedrohte Regenwälder

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Regenwälder gibt es nicht nur in Australien, sondern auch in Süd- und Mittelamerika, Afrika, Südasien und Südostasien. Durch Bergbau-, Palmöl-, Sojakonzerne und die Holzbauindustrie werden sie immer weiter vernichtet. Mehr als die Hälfte der Regenwälder wurden inzwischen bereits abgeholzt, 10,4 Mio. Hektar Tropenwälder, davon 6,3 Mio. Hektar Primärwälder verschwinden jährlich.

Tropenholz ist eine lukrative Einnahmequelle. Oft findet ein regelrechter Raubbau von sehr alten Bäumen statt. Für bestimmte Holzarten besteht inzwischen ein Ausfuhrverbot, beispielsweise für Rio-Palisander, der nur in Brasilien vorkommt.  Für das als „Brazilian Rosewood“ bekannte Rundholz besteht bereits seit 1968 ein Ausfuhrverbot, 1992 wurde es im Washingtoner Artenschutzabkommen gelistet, weitere Dalbergia-Arten wurden 2017 aufgenommen. Palisander wird auch häufig zum Bau von Musikinstrumenten verwendet, die deshalb bis vor kurzem nicht ohne entsprechenden Nachweis verkauft werden durften. Dass bereits seit etwa acht Jahren in Ghana illegal Bäume gefällt werden und mehr als 400.000 Kubikmeter des Holzes nach China exportiert wurde, um daraus Luxusmöbel herzustellen, wurde erst Ende vergangenen Jahres bekannt.

Auch Wälder in Deutschland bedroht

Wälder und Naturlandschaften speichern Kohlenstoff. Durch die industrielle Revolution wurde immer mehr Kohlenstoff freigesetzt. Werden Wälder abgeholzt und Ökosysteme zerstört, wird wiederum Kohlenstoff freigesetzt. In der Summe wird also durch menschliche Aktivitäten mehr Kohlenstoff freigesetzt als durch natürliche Prozesse wieder gebunden werden können. Die Erderwärmung sorgt für enorme Klimaveränderungen, die Unwetter hervorrufen und somit zu einer Bedrohung für das gesamte menschliche Leben werden können. Wälder spielen daher in unserem Ökosystem eine große Rolle. Durch Luftverunreinigungen leiden auch unsere Wälder in Deutschland. Schädlinge nehmen zu, immer mehr Baumarten erkranken. Nach Angaben der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sind in Baden-Württemberg bereits über 40% des Waldes geschädigt

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Wegen des Braunkohleabbaus sollte der Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen gerodet werden, doch Umweltschützer sorgten durch Demonstrationen dafür, dass der Energiekonzern RWE daran gehindert wurde. Durch eine Klage des BUND konnte ein vorläufiger Rodungsstopp erreicht werden. Mittlerweile hat die Bundesregierung gemeinsam mit den Bundesländern, die vom Kohleausstieg betroffen sind, die Erhaltung des Hambacher Forst vereinbart. Dem Wald wird eine besondere ökologische Wertigkeit zugesprochen, die ältesten Bäume sind 350 Jahre alt, zwei Kolonien der vom Aussterben bedrohten Bechsteinfledermaus sind hier angesiedelt.

Für den Bau einer Fabrik will der Automobilkonzern Tesla in Brandenburg knapp 155 Hektar Wald roden. Viele Einwohner sehen die Wasserversorgung in Gefahr und fürchten sich vor starkem Verkehrsaufkommen. Nachdem die Rodung vorläufig gerichtlich gestoppt werden konnte, ging es nach dessen Aufhebung aber weiter. Inzwischen ist ein Großteil der ersten Teilrodung abgeschlossen, die etwa 90 Hektar entsprechen. Die Proteste gehen aber weiter.
Insgesamt entspricht der Wald einer Fläche von 300 Hektar, er liegt inmitten des Landschaftsschutzgebietes Müggelspree-Löcknitzer Wald- und Seengebiet, hier sollen zudem Fledermäuse, Zauneidechsen und Wölfe angesiedelt sein. Umweltschutzverbände weisen darauf hin, dass deutschlandweit für derartige Vorhaben 58 Hektar täglich an natürlichen und landwirtschaftlichen Flächen verschwinden. Auch der Daimler-Konzern will wegen einer geplanten Erweiterung ihres Werkes in Hamburg ein Niedermoor zerstören, das als wertvoller CO²-Speicher gilt und Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten bietet.

Wer Arten rettet, schützt das Klima

Die genannten Beispiele sind nur die Spitze des Eisbergs. Sie zeigen aber, wie auf vielfältige Art und Weise unser Ökosystem mehr und mehr zerstört wird, wofür immer wieder die verschiedensten Argumente gefunden werden. Der Erhalt von Arbeitsplätzen, des Wirtschaftsstandorts Deutschland oder die Wichtigkeit für die Energieversorgung. Aber der Klimawandel ist nicht aufzuhalten, wir stecken schon mittendrin. Auch in Deutschland werden heimische Arten aussterben, man geht von 5 bis 30 Prozent innerhalb der nächsten Jahrzehnte aus. Deshalb müssen die Lebensräume dieser aussterbenden Arten erhalten werden. Bei einer Erderwärmung um 1,5 % drohen katastrophale klimatische Veränderungen und letztendlich der Kollaps unseres Ökosystems. Bei 2 Grad Erderwärmung wären 5 % aller Arten gefährdet, bei einem Anstieg um mehr als 4 Grad sogar mehr als 15 %.
Die Meeresverschmutzung trägt weiter zum Klimawandel bei. Millionen Tonnen Kunststoff landen jährlich in den Ozeanen, 100.000 Meerestiere wie Wale oder Delphine müssen dadurch sterben, und auch die Seevögel sind betroffen, die sich am Plastikmüll verschlucken. Dass wir nicht nur die Wälder und Landschaften, sondern auch die Ozeane brauchen, die uns 70% des Sauerstoffs spenden, wird oft vergessen.

Die Lösung all dieser Probleme ist einfach: Plastikmüll darf nicht mehr in die Meere gelangen, der CO²-Ausstoß muss verringert werden, beispielsweise durch weniger Fleischproduktion und den Verbrauch von Energie durch fossile Brennstoffe. Die Folge: Die Erderwärmung wird verringert, weniger Arten sterben aus. Es könnte so einfach sein und ist doch so schwer. Weil wir auf Vieles nicht verzichten können: Auto fahren, Fliegen, mit Öl heizen, Fleisch und Fisch essen und und und…

Vielleicht hätten wir früher mit all dem anfangen sollen? Ist es schon zu spät, oder ist die Erde noch zu retten? Wenn die Emission von Treibhausgasen, insbesondere CO², schnellstmöglich reduziert werden, das Aussterben von Arten verlangsamt wird, Wälder und andere landschaftliche Lebensräume nicht mehr zerstört und die Meere nicht mehr verschmutzt werden, kann man das Schlimmste vielleicht noch verhindern.

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