Wenn die sexuelle Orientierung von der Norm abweicht: Erfahrungen in der Arbeitswelt „Jeder zweite versteckt sich“

Paderborn/Detmold/Bad Salzuflen (WB). Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist Privatsache und sollte am Arbeitsplatz kein Thema sein. Das sollte man meinen. Und so steht es seit fast sieben Jahren im „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz“ (AGG). In der Praxis aber sind die Erfahrungen in Ostwestfalen-Lippe sehr unterschiedlich.

Von Bernhard Hertlein
Der Paderborner Malermeister Dietmar Ahle mit Ehemann Andreas Hasse.
Der Paderborner Malermeister Dietmar Ahle mit Ehemann Andreas Hasse.

„Ich fühle heute am Arbeitsplatz keine Diskriminierung“, sagt Dietmar Ahle (61). Allerdings ist der Paderborner Malermeister, der inzwischen seinen langjährigen Partner Andreas Hasse geheiratet hat, Unternehmer. Ob und was über den Chef getuschelt wird, bekommt er naturgemäß weniger mit: „Dafür kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen“

Im Rückblick stellt er fest: „Es hat sich viel verändert.“ Damals, als er seinen Eltern erklärt habe, er wolle jetzt auch öffentlich zu seiner Homosexualität stehen, hätten sie noch versucht, ihn davon abzubringen. Ihre größte Sorge war: „Was werden unsere Kunden dazu sagen?“ Sie sagten gar nichts, sondern standen weiter zum Unternehmen.

„Die Sprache am Bau ist etwas rauer“

In den neunziger Jahren engagierte sich Ahle im „Völklinger Kreis“ für schwule Fach- und Führungskräfte, baute für die bundesweite Organisation in Ostwestfalen-Lippe eine Regionalgruppe auf. Inzwischen könnten Schwule sogar am Bau zu ihrer sexuellen Orientierung stehen – wenn auch vielleicht nicht in jedem Betrieb. Die Sprache sei dort etwas rauer. Auszubildende sollten daher ihr „Outing“ vorbereiten und besser die Rückendeckung eines privaten Freundeskreises haben. Vorbehalte gebe es auch auf Verbandsebene. „Aber keine, die nicht überwunden werden können“, sagt Ahle, der auch Landesinnungsmeister in seinem Handwerk ist.

Dass sich die Situation für Homosexuelle in den vergangenen zwei Jahrzehnten in der Arbeitswelt verbessert hat, glaubt ebenfalls Carsten Arndt-Mittelberg (42). Gleichwohl gebe es auch heute im Alltag Erlebnisse, in denen er Benachteiligung spüre. Oft seien es kleine spitze, vielleicht gar nicht beleidigend gemeinte, sondern nur unbedachte Äußerungen. Arndt-Mittelberg, der in Bad Salzuflen lebt, arbeitet heute als Altenpfleger beim Johanneswerk. Bemerkungen in der Vergangenheit wie „Du bist doch unsere Schwester“ könne er nicht als lustig empfinden.

„Outing“ nach 50 Jahren als Lesbe im Altenheim

Gleichwohl gebe es gerade im Umgang mit alten Menschen Erlebnisse, die ihn sehr anrührten. So wurde Arndt-Mittelberg einmal in Herford von einer betagten Altenheim-Bewohnerin gerufen. Sie wolle privat mit ihm sprechen. Was folgte, war ein spätes Outing: „Ich bin lesbisch, habe aber in 50 Jahren mich nicht getraut, dazu zu stehen. Jetzt tue ich es.“

Wenn Arndt-Mittelberg im Mai Maik Bökhaus, mit dem er seit elf Jahren

Carsten Arndt-Mittelberg (links), Maik Bökhaus Foto: Hertlein

zusammenlebt, heiratet, werden die Eltern nicht dabei sein: „Sie können bis heute nicht verwinden, dass ihr Sohn anders ist.“ Er selbst engagiert sich schon lange in der Szene. Zuletzt war er im November 2018 Mitgründer der „Queer Gruppe OWL“ in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Queer“ nennen sich Menschen, die von der sexuellen Norm abweichen.

Ziel der Verdi-Gruppe sei es, sich zu vernetzen und Nachteilen in der Karriere und bei der Bezahlung, die es laut Arndt-Mittelberg in der Praxis trotz AGG gibt, entgegenzuwirken. Auch bei Verdi sei die Gründung der Gruppe zunächst auf Widerstand gestoßen. Dann aber habe ein Argument den Ausschlag gegeben: „Jeder zweite versteckt sich“, sagt Arndt-Mittelberg mit Blick auf Schwule, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuelle. Dieses Versteckspiel sei entwürdigend. Bökhaus, der in einem Edeka-Markt arbeitet, hat auch einen Tipp für das Outing: „Ich habe es einfach der größten Tratsche im Betrieb erzählt. Da war das Thema ruck zuck durch.“ Ein Problem sei das weder in der Belegschaft noch bei den Kunden.

Geschlechtsangabe „Divers“

Eine besondere Situation ist die der Trans- und der Intersexuellen. Transsexuelle – Frauen, die als Mann geboren wurden, ebenso wie Männer, die eine Vergangenheit als Frau haben – können und wollen auch nicht den Prozess der Veränderung verbergen. Intersexuelle haben körperliche Merkmale beider Geschlechter. Für sie wurde Ende 2018 vom Gesetzgeber der Begriff „Divers“ eingeführt. Seitdem kann bei der Geburt eines Neugeborenen statt „weiblich“ oder „männlich“ auch „divers“ angegeben werden. Stellenausschreibungen müssen zusätzlich diese Kategorie beinhalten – eine Forderung, die sich aber insbesondere online noch nicht überall durchgesetzt hat.

Bei den Agenturen für Arbeit wurden inzwischen die Formulare geändert. „Hier sind vier Einträge möglich: männlich, weiblich, divers und unbekannt, wenn kein

Andrea Behrendt Foto: Arbeitsagentur

Geschlecht feststellbar ist“, berichtet Andrea Behrendt (53), Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Agentur in Detmold. Gleichwohl könne es noch zu Problemen kommen. Das sei dann der Fall, wenn der Eintrag im Ausweis dem widerspräche, was der Arbeitssuchende selbst als Geschlecht angebe. Anträge auf Umtragungen im Ausweis können aber bei den Standesämtern beantragt werden.

Es gilt das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“

Einer vom Institut Statista 2016 durchgeführten Umfrage zufolge stufen 7,4 Prozent der Deutschen sich selbst als „queer“ ein. Für die Arbeitgeber gilt, dass sie bei den Bewerbungen niemanden wegen seines Geschlechts, anderer körperlicher Merkmale oder seiner sexuellen Orientierung benachteiligen dürfen. „Das gilt uneingeschränkt“, sagt Behrendt. Ein Grenzfall könnte sein, wenn Personal für eine Schwulenbar gesucht werde und sich eine Frau bewürbe: „Aber selbst da würde ich fragen, warum nicht?“ Ihr sei in den 16 Jahren, in denen sie als Arbeitsvermittlerin gearbeitet habe, kein Fall untergekommen, bei dem ein Arbeitgeber nach der sexuellen Orientierung eines Bewerbers gefragt habe, erklärt Behrendt. „Aber man schaut natürlich niemandem hinter das Gesicht.“

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