OWL-Handelspräsident Johannes Beverungen beklagt unfaire Behandlung der Ladengeschäfte Höhere Steuer für Onlinekäufe gefordert

Bielefeld (WB). Den Einzelhandel kennt er lange durch das elterliche Geschäft für Unterhaltungselektronik in Paderborn. Heute betrachtet Prof. Johannes Beverungen (55) die Entwicklung der Branche auch aus wissenschaftlicher Sicht an der Dualen Hochschule in Mannheim. Im Juni 2018 wählten ihn die Mitglieder des Handelsverbandes OWL zum Vorsitzenden. Im Gespräch mit Bernhard Hertlein setzt er sich für Chancengleichheit zwischen Online- und stationärem Handel ein und fordert eine höhere Mehrwertsteuer auf Onlinekäufe.

Der Onlinehandel lässt die Paketberge auch im DHL-Verteilzentrum wachsen.
Der Onlinehandel lässt die Paketberge auch im DHL-Verteilzentrum wachsen. Foto: dpa

Zum Jahreswechsel diskutierte Deutschland vor allem über die Pflicht zum Kassenbon. Danach wurde wieder einmal über Sinn und Zukunft der Ein- und Zwei-Cent-Münzen debattiert. Sind das die wirklichen Probleme des Einzelhandels?

Johannes Beverungen: Die Bonpflicht ist für die meisten Händler nicht das Problem. Sie ist lästig – vor allem weil das Ziel, die Manipulationen zu bekämpfen, anders geregelt werden könnte. Würden aber die Ein- und Zwei-Cent-Münzen abgeschafft, wäre das eher ein Problem. Aus Kundensicht macht es in Deutschland immer noch einen Unterschied, ob eine Ware 1,98 oder 1,99 oder aber glatte zwei Euro kostet. Zudem fürchte ich, dass es den Befürwortern am Ende darum geht, das Bargeld insgesamt abzuschaffen. Bei Themen wie Bonpflicht und Abschaffung der kleinen Münzen frage ich mich, warum überhaupt alles neu geregelt und Freiheiten eingeschränkt werden müssen. Aber natürlich gibt es andere Themen, die den stationären Handel mehr beschäftigen.

Johannes Beverungen

Zum Beispiel der wachsende Anteil des Onlinehandels?

Beverungen: Sicher. Der Einzelhandel hat 2019 insgesamt 2,9 Prozent zugelegt. Im E-Commerce waren es allerdings zehn Prozent. Schon daraus lässt sich ersehen, dass die Läden und Geschäfte vor Ort weiter unter Druck stehen.

Dafür muss es Gründe geben. Gibt es Vorzüge des E-Commerce, die der stationäre Handel nicht hat?

Beverungen: Sicher. Online ist als Anbieter 24 Stunden an sieben Tagen erreichbar. Und die Auswahl, die im Internet dargestellt werden kann, kann ein Laden niemals vorhalten.

Der Preis? Auch da scheint das Internet im Vorteil…

Beverungen: Natürlich hat ein Onlinehändler niedrigere Kosten. Er muss keine Ladenmiete zahlen und kein Fachpersonal beschäftigen. Auf der anderen Seite ärgern sich immer öfter Verbraucher darüber, dass sich Preise im Internet immer schneller verändern. Den günstigsten Preis zu finden, ist manchmal wie eine Lotterie. Wobei oft vergessen wird: Nicht immer ist online der Preis günstiger als im stationären Handel!

Haben die lokalen Geschäfte dennoch eine Zukunft?

Beverungen: Sicher – und zwar dann, wenn online und stationär verbunden sind. Die Branche nennt das „omnichannel“: überall präsent sein. Für den Kunden hat der Einkauf vor Ort einerseits den Vorteil, dass er die Ware im Original sehen und befühlen kann. Bedeutsamer noch scheint mir der menschliche Faktor. Je mehr wir nur online kommunizieren, desto wichtiger wird es, ab und zu auch mit echten Menschen zu tun zu haben. Es ist ein Unterschied, ob eine Verkäuferin meint: „Ich könnte mir vorstellen, dass Ihnen auch die Farbe Blau steht.“ Oder ob im Internet der anonyme Hinweis auftaucht: „Kunden, die diese Ware gekauft haben, haben auch andere Waren gekauft.“

Trotzdem...

Beverungen: … wird die Lage für den stationären Handel immer schwieriger. Bis 2030 soll, so eine Prognose des Branchenverbandes HDE, jeder fünfte Laden schließen. Damit stirbt nicht nur ein großer Teil des Handels; unsere Art des Zusammenlebens am Ort und in der Großstadt ändert sich. Es stirbt ein Stück Kultur.

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Wenn in Bielefeld und Paderborn der verfügbare Parkraum verknappt wird, schadet das dem Fachhandel in der Innenstadt.

Johannes Beverungen

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Bekommt der ortsansässige Handel genug Unterstützung von der Kommunalpolitik?

Beverungen: Nein. Im Gegenteil. Wenn in Bielefeld und Paderborn der verfügbare Parkraum verknappt wird, schadet das dem Fachhandel in der Innenstadt.

Wie steht es allgemein um die Verkehrsanbindung?

Beverungen: Im ländlichen OWL sind viele auf das Auto angewiesen. Wenn die Kommunalpolitik etwa in Bielefeld oder Paderborn Maßnahmen ergreift, um den Innenstadtverkehr zu reduzieren, dann sollte das erst nach dem Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs erfolgen, nicht vorher. Ansonsten provoziert sie, dass die Menschen mehr online bestellen und damit noch mehr Verkehr verursachen. Keinesfalls sollten Fahrer, die im Auftrag von Paketdiensten unterwegs sind, gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern bevorzugt werden.

Haben Sie den Eindruck, dass Appelle, am Ort zu kaufen, bei den Kunden fruchten?

Beverungen: Auf jeden Fall nicht genug. Daher brauchen wir konkrete Schritte seitens der Politik, die Nachteile auf Seiten des örtlichen Handels ausgleichen.

Zum Beispiel?

Beverungen: Kartellrechtliche Maßnahmen gegen große US-Konzerne wie Amazon, aber auch Google, Apple und Facebook.

Aber sind diese nicht deshalb so groß, weil ihre Geschäftsideen so erfolgreich sind?

Beverungen: Das ist ein Grund. Ein anderer ist die weltweite Niedrigzinspolitik, die das Kapital an die Börse treibt und es den Konzern möglich macht, ohne Rücksicht auf den aktuellen Ertrag immer noch mehr Geld zum Beispiel in die Logistik zu investieren. Die Staaten, auch in der Europäischen Union, tun das Ihre dazu, indem sie die Konzerne auch noch steuerlich begünstigen.

Wie wollen Sie das ändern?

Beverungen: Am besten wäre ein europäisches Gesetz. Doch das scheitert am Widerstand der Staaten, die wie Irland davon profitieren. Also muss Deutschland das umsetzen, was national möglich ist. Zum Beispiel eine Steuer auf den Onlinehandel.

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Warum die Mehrkosten, die der E-Commerce der Gesellschaft zum Beispiel durch mehr Verkehr verursacht, den Verursachern nicht dadurch zurückgeben, dass auf Onlineverkäufe eine höhere Mehrwertsteuerquote fällig wird?

Johannes Beverungen

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Wie soll das gehen?

Beverungen: Die Mehrwertsteuer liegt vollständig in den Händen des Bundestages. Warum die Mehrkosten, die der E-Commerce der Gesellschaft zum Beispiel durch mehr Verkehr verursacht, den Verursachern nicht dadurch zurückgeben, dass auf Onlineverkäufe eine höhere Mehrwertsteuerquote fällig wird? Das Geld sollte zweckgebunden verwendet werden, um Innenstädte und Öffentlichen Personennahverkehr attraktiv zu halten.

Das wäre dann sogar umweltfreundlich…

Beverungen: Ein anderes Beispiel ist die Verpackung. Der stationäre Handel steht unter Druck, die Menge der Plastiktüten zu reduzieren. Doch keiner schert sich offenbar darum, wie viel Verpackungsmaterial Onlinehändler für ihren Paketversand verwenden.

Wenigstens müssten die Ladenmieten nach den Gesetzen der Marktwirtschaft inzwischen zurückgehen?

Beverungen: Davon spürt der Handel nichts. Viele Immobilienbesitzer riskieren lieber längere Leerstände, als dass sie die Miete reduzieren. Das hat negative Auswirkungen auf das gesamte Umfeld. Leerstände machen Standorte für die Verbraucher unattraktiv.

Höhere Parkgebühren treffen nur die Kunden?

Beverungen: Der innerstädtische Handel spürt zuerst die negative Signalwirkung. Steigen die Kosten, sinkt die Nachfrage. Und beim Parken gibt es Preisschwellen, die, wenn sie auch nur geringfügig überschritten werden, den Kunden dazu bringen, andere Einkaufsmöglichkeiten zu suchen. Dort, wo Parkraum von den Kommunen bewirtschaftet wird, führt das zu Mindereinnahmen. Doch beim Händler sind die Margen inzwischen so klein, dass er Mindereinnahmen nicht mehr wegstecken kann.

Kaufen Sie persönlich auch sonntags ein?

Beverungen: Ich persönlich fast gar nicht. Mein Sonntag ist für Kirchgang und Familie reserviert.

Warum genügt es dann nicht, dass Läden nur an sechs Tagen geöffnet sind?

Beverungen: Es genügt für mindestens 46 von 52 Sonntagen.

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Für den Ladenbesitzer bedeutet die Sonntagsöffnung einen kleinen Ausgleich für die Nachteile, die er in zeitlicher Hinsicht gegenüber dem Onlinehändler hat.

Johannes Beverungen

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Und an den übrigen bis zu sechs Sonntagen?

Beverungen: Da allerdings sollte es den Kommunen gestattet sein, dadurch für zusätzliches Leben in der Stadt zu sorgen, dass sie den Händlern erlauben, ihre Geschäfte zu öffnen. Der Verbraucher schätzt solche Erlebnisse. Und für den Ladenbesitzer bedeutet es einen kleinen Ausgleich für die Nachteile, die er in zeitlicher Hinsicht gegenüber dem Onlinehändler hat. Leider sieht man das bei der Gewerkschaft Verdi nicht ein, obwohl es auch im Interesse vieler Arbeitnehmer ist. Die Klagen ruinieren die Idee des verkaufsoffenen Sonntags. Schließlich braucht der Händler Verlässlichkeit. Und der Kunde auch.

Welche Zukunft hat der stationäre Fachhandel in OWL?

Beverungen: Wenn die Rahmenbedingungen stimmen und er nicht gegenüber anderen Handelsformen benachteiligt wird, hat er eine Chance. Sonst nicht.

Und die Zukunft der Discounter?

Beverungen: Um diese muss man sich keine Sorgen machen. Lidl, Aldi & Co. sind inzwischen sogar Exportschlager.

Die Supermärkte?

Beverungen: Auch sie haben eine gute Zukunft. Vor allem, wenn sie sich auf etwas spezialisieren. 2019 haben sich die Supermärkte besser entwickelt als die Discounter.

Das traditionelle Kaufhaus?

Beverungen: Es ist eine großartige Erfindung, die sich aber zum großen Teil überlebt hat. In den USA ist das Kaufhaus schon fast ganz ausgestorben. Ich würde mir wünschen, dass es seine spezifische Stärke, alles unter einem Dach anzubieten, in Zukunft noch ausspielen kann.

Die großen Einkaufszentren?

Beverungen: Das hängt sehr von dem Angebot ab und wie sie geführt werden. Ein Selbstläufer ist auch das Einkaufszentrum, das viele kleinere Händler verdrängt hat, heute nicht mehr. Grundsätzlich gilt, dass dort, wo zusätzliche Einkaufsmöglichkeiten neu entstehen, andere Umsatz verlieren. Der Kunde gibt sein Geld nur einmal aus.

Und insgesamt? Welche Zukunft hat der örtliche Handel in OWL?

Beverungen: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Wie sich der Handel entwickelt, hängt sehr von den örtlichen Gegebenheiten ab. Vom Verhalten der Kommunen. Der Attraktivität der umgebenden Siedlung. Der Erreichbarkeit. Dem parallelen Angebot der Gastronomie. Kulturellen Angeboten. Dem Stadtmarketing. Wenn alle nachhaltig an einem Strang ziehen und die Städte und ihr Handel ihre Stärken ausspielen, habe ich starkes Vertrauen in die Zukunft.

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Leider achten zu viele noch nur auf den Preis.

Johannes Beverungen

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Neuerdings wird auch der Handel öfter Ziel von Protestaktionen. Zum Beispiel weil er Waren aus ökologisch und sozial bedenklicher Produktion zu Billigstpreisen verkauft. Weil er den Bauern und kleineren regionalen Herstellern zu wenig Chancen gibt. Weil er etwa Lebensmittel unter Einstandspreis vermarktet. Wie wird die Kritik in der Branche aufgenommen?

Beverungen: Manchmal mit einem gewissen Unverständnis. Schließlich ist der Kunde König. Wenn er – wie ich – denkt, weniger ist oft mehr, und deshalb auf Qualität und Produktionsfaktoren aufpasst, wird der Händler ihm die entsprechende Ware bieten. Leider achten zu viele noch nur auf den Preis. Da gibt es einen Widerspruch zwischen öffentlichen Forderungen und privatem Verhalten. Aber da ist eine Veränderung im Gang. Sie greift allerdings in einem Bereich, der mir auch wichtig ist, noch zu wenig.

Welcher Bereich ist das?

Beverungen: Früher war es selbstverständlich, dass viele Händler auch einen Reparaturservice vorgehalten haben. Doch je weniger dieser in Anspruch genommen wird, desto weniger wird er angeboten. Das Fachwissen und die Fähigkeiten gehen verloren.

Seit knapp zwei Jahren sind Sie Präsident des OWL-Handelsverbandes. Wie viele graue Haare und Sorgenfalten sind schon dazu gekommen?

Beverungen: Ich zähle sie nicht. Frust gibt es über die Rahmenbedingungen. Gleichzeitig freue ich mich aber, dass man im kleinen Rahmen vieles anstoßen und bewegen kann.

Kommentare

Unsinn

Zitat: "Ansonsten provoziert sie, dass die Menschen mehr online bestellen und damit noch mehr Verkehr verursachen"

Unsinn - Ausser Lebensmitteln und Schuhen kaufe ich schon lange gar nichts mehr lokal. Mit anderen Worten ich verursache überhaupt keinen Verkehr. Die Paketfahrzeuge fahren erstens sowieso und selbst wenn mehr Menschen online bestellen und demzufolge nicht mehr zum Verkehr gehören hat das wohl kaum mehr Lieferwagen zur Folge als PKW zu Hause bleiben.
Und wenn man sich vorher gründlich informiert gibt es auch keinerlei Rücksendungen. Ich habe in den letzten Jahren lediglich einmal etwas umtauschen müssen - zurückgegeben habe ich noch nie etwas.

Münzen

Ich persönlich - sicherlich der Einzige im ganzen Land - halte diese Beträge von 1,99 € oder - wie kürzlich gehabt, von 999,99€ für so hochgradig blöd, dass es mich jedesmal bis zum Erbrechen reizt, wenn ich wieder einige 1 Cent Münzen horten muss.
Das ist nur unnütze Arbeit, da ich diese Münzen - gesammelt - regelmäßig an der Bank einzahle und nie in meiner Börse mit mir umschleppe.
Da sind uns andere Länder weit voraus.
Aber Vernunft war des Deutschen Haltung nur selten...

Seltsam

Einerseits ist der Kunde "König", andererseits darf er nur im Internet einkaufen, wenn es darauf höhere Mehrwertsteuer gibt.
Ich kenne und weiß, wie Händler handeln.
Die freuen sich, wenn sie eigene Einkäufe mehrwertsteuerfrei abrechnen können...

Nur "wir" Melkkühe der Händler dürfen NICHT entscheiden, wann, wie und wo wir einkaufen.

Verstanden.

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