Zukunftsforscher Lothar Abicht erwartet trotz Digitalisierung keine höhere Arbeitslosigkeit
»Menschenleere Fabrik bleibt Ausnahme«

Chemnitz/Bielefeld (WB). Weniger Jobs durch Digitalisierung, aber höhere Nachfrage wegen des demografischen Wandels. Nach Ansicht von Prof. Lothar Abicht (64, TU Chemnitz) werde beide Komponenten den Arbeitsmarkt in den nächsten 30 Jahren noch im Gleichgewicht halten. Mit Abicht, Hauptredner beim 29. Forum des Bildungswerks OWL, sprach Bernhard Hertlein.

Dienstag, 05.11.2019, 08:08 Uhr aktualisiert: 05.11.2019, 08:10 Uhr
Produktionsroboter und die neue Mobilität sind nur ein Teil der Digitalisierung. Für Veränderung der Arbeitswelt sorgt neben Industrie 4.0 auch die Plattform-Ökonomie mit Amazon, Facebook, Google & Co. Foto: dpa

Wie sehen Sie als Zukunftsforscher die Digitalisierung?

Lothar Abicht: Da muss man im Blick auf Deutschland unterscheiden. Bei Industrie 4.0, das die Produktion verändert, sind die hiesigen Unternehmen ganz gut dabei. Anders bei der sogenannten Plattform-Ökonomie, die die Struktur der Märkte vollständig verändert. Da hinkt Europa meilenweit hinter den US-Konzernen Google, Facebook, Apple und Amazon hinterher. Auch China mit seinem riesigen Markt hat auf diesem Gebiet inzwischen eine starke Stellung.

Unter den Beschäftigten sehen die einen die Digitalisierung als große Chance, die anderen vor allem als Gefahr für ihren Arbeitsplatz. Wer hat Recht?

Abicht: Aktuell und in naher Zukunft ist der deutsche Arbeitsmarkt stabil – von regionalen Besonderheiten abgesehen. So ist dort, wo die Autoindustrie und ihre Zulieferer stark sind, der Arbeitsmarkt schon stärker unter Druck. Unterm Strich gibt es mit dem rückläufigen Arbeitsplatzangebot und der demografischen Entwicklung zwei gegenläufige Tendenzen, die den Markt auch mittelfristig in einem stabilen Gleichgewicht halten.

Wird künstliche die menschliche Intelligenz ersetzen?

Abicht: Nicht so lange die demografische Entwicklung so ist, wie sie ist. Der ländliche Raum stünde ohne Digitalisierung wegen der abnehmenden Bevölkerungszahl noch mehr in der Gefahr, abgehängt zu werden. Er wäre vielfach gar nicht überlebensfähig.

Kommen nach der menschenleeren Fabrik das menschenleere Büro, der menschenleere Handwerksbetrieb und das menschenleere Forscherlabor?

Abicht: In absehbarer Zeit nicht. Wenn überhaupt, werden Computer noch eine lange Zeit brauchen, um das vertiefte vernetzte Verständnis von den Dingen der Welt zu erreichen, zu dem das menschliche Gehirn fähig ist. Schon die menschenleere Fabrik, vor 30 bis 40 Jahren vorausgesagt, gibt es heute nur in ganz wenigen Ausnahmefällen. Im Büro hinkt die Automatisierung noch hinterher. Da werden Künstliche Intelligenz und Blockchain etwas verändern. Aber das kommt nicht über Nacht. Den größten Rückstand in Sachen Digitalisierung gibt es im Handwerk. Das wird dort so bleiben, wo Feinmotorik gefordert oder ein hoher Koordinierungsaufwand notwendig ist. In Forschung und Entwicklung wiederum hat die Künstliche Intelligenz schon Einzug gehalten – im Sinne einer Arbeitsteilung. Mehr nicht.

Welche Kernkompetenzen sollten Arbeitnehmer egal in welcher Branche heute mitbringen?

Abicht: Es geht um Kompetenzen, aber ebenso um die richtige Einstellung. Arbeitnehmer müssen heute in dem Bewusstsein agieren, dass alles, was ist, noch verbessert werden kann. Zudem müssen sie eine psychische Widerstandskraft gegenüber Stress – kurz: Resilienz – mitbringen. Die Kompetenzen hängen eher vom Einsatzgebiet und der Branche ab.

Werden diejenigen, die noch einen Job haben, künftig kürzer oder länger arbeiten?

Abicht: Wegen der demografischen Entwicklung bleiben Wochen- und Lebensarbeitszeit bis 2035 im Fachkräftebereich relativ stabil.

Und danach?

Abicht: Danach wird die technische Entwicklung das Arbeitsvolumen reduzieren. Dann wird es darum gehen, die noch vorhandene Arbeit sinnvoll zu verteilen. Ich gehe davon aus, dass auch die Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen künftig eine neue, größere Brisanz erhält. Die Weichen müssen jetzt gestellt werden.

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