Die etwas anderen Start-ups in Handwerk und Dienstleistung
Existenzgründer Ü-30

Bielefeld (WB). Jung, hipp und ganz zu Hause in der digitalen Welt: So ist das Bild des typischen Start-ups. Vergessen wird, dass die meisten Existenzgründer schon Erfahrung aus Handwerks- und anderen mittelständischen Betrieben mitbringen, wenn sie sich selbstständig machen.

Mittwoch, 30.10.2019, 04:45 Uhr aktualisiert: 30.10.2019, 05:01 Uhr
Fachgespräch bei Les Dents (von links): Die Gründer Thomas Kursa­we, Kerstin Naumann (Handwerkskammer), Stephen Röcken, Johann Brauer, Kathrin Teschke (IHK) werfen bei Les Dents einen Blick auf die Arbeit der Zahntechnikerin Brigit Indiesteln. Foto: Bernhard Pierel

Gründer Thomas Kursawe ist sogar schon Opa, wenn auch mit 53 Jahren ein noch junger. Aus einem Kaufmannshaus stammend wusste er um die auch zeitliche Belastung, die ein eigenes Unternehmen für die Familie mit sich bringt. »Als Großvater habe ich jetzt mehr Freiraum, um den Traum zu verwirklichen«, erklärt der Zahntechnikermeister.

Weniger als zwei Monate vom Entschluss bis zur Gründung

Mit der Gründung der Firma Les Dents übernahm er Personal, Räumlichkeiten inklusive Ausstattung und Kundenstamm des Bielefelder Unternehmens, in dem er zuletzt schon als Geschäftsführer gearbeitet hatte. Das Risiko, dass Zahnpatienten ihr Gebiss dank Digitalisierung heute industriell und sogar in China billiger fertigen lassen können, schreckt ihn nicht: »Zahntechnik ist auch Handwerk, und die Gewährleistung bei heimischer Produktion leichter sicherzustellen.« Vom Entschluss bis zur Gründung im Februar 2019 vergingen bei Kursawe weniger als zwei Monate. Les Dents beschäftigt neun Mitarbeiter.

Auf Industriekunden spezialisiertes Fotografie-Studio

Wie die Zahntechnik ist die Fotografie als Handwerk von der Digitalisierung in Mitleidenschaft gezogen. Auf Schritt und Tritt fotografieren Menschen heute ihre Umwelt – teilweise mit durchaus passablen Ergebnissen. Dass sich Stephan Röcken (46) trotzdem für die Selbstständigkeit entschied, liegt seinen Angaben zufolge auch an der Ausnahmestellung des auf Industriekunden spezialisierten Bielefelder Studios Tölle, das er vor gut einem Jahr übernahm. Hauptkunden sind Nahrungsmittelhersteller, die Röcken zufolge hohe Anforderungen an die Verpackungsfotografie stellen. Besondere Fähigkeiten etwa in der Technik der Bildbearbeitung würden dabei geschätzt.

Probleme vor der Gründung unterschätzt

Der eine Jurist, der andere Betriebswirtschaftler: René Keber und Johann Brauer kommen zwar nicht aus dem Handwerk, aber mit 41 bzw. 35 Jahren auch nicht direkt von der Uni. Beide sammelten Erfahrung in Marktforschungsunternehmen – der Branche, in der sie sich 2019 mit Global Scope Solutions selbstständig machten. Während die Entwicklung allgemein von starker Konzentration und Preisdruck durch ausländische Wettbewerber gekennzeichnet ist, sehen die Bielefelder ihre Chance in Marktforschungsprojekten für mittlere Unternehmen etwa der Bau-, Elektronik-, Werkzeug- und Maschinenbaubranche. In ihrem Auftrag erforschen sie auch international die Marktchancen beispielsweise für neue Prototypen. Freimütig räumen sie ein, dass sie die Probleme vor der Gründung unterschätzt hatten – trotz Warnungen in dem Gründerseminar, das sie besuchten. Ein Beispiel waren die Kapitalanforderungen. »Da glaubten wir, mit weniger Kapital auskommen zu können«, berichtet Keber.

Über Hürden klagen auch die anderen. Verantwortlich seien weniger Staat und IHK oder Handwerkskammer als beispielsweise die Anforderungen in der Bankenwelt. »Vorher konnte ich mir nicht vorstellen, dass es Monate dauern würde, Auto-Leasingverträge umzuschreiben«, sagt Kursawe.

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