Bilder zeigen hygienische Defizite – Foodwatch prüft gerichtliche Schritte – Mit Kommentar So sah es bei Wilke aus

Kassel (WB/ef/dpa). Wurst mit Schimmelbefall, Schmutz an Rohren und Leitungen: Heimlich aufgenommene Fotos zeigen eklatante hygienische Mängel. Seit einer Woche ist der Fleischhersteller Wilke geschlossen. Doch wie genau dort die Keime in die Wurst gekommen sind, bleibt unklar. Auch den Kreis Paderborn hat der Listerien-Skandal nun erreicht.

Fotos zum Ekeln: Die beiden Bilder aus den Räumen der Firma Wilke wurden der »Waldeckischen Landeszeitung« zugespielt. Die Aufnahmen zeigen hygienische Missstände und eine von Schimmel befallene Wurst.
Fotos zum Ekeln: Die beiden Bilder aus den Räumen der Firma Wilke wurden der »Waldeckischen Landeszeitung« zugespielt. Die Aufnahmen zeigen hygienische Missstände und eine von Schimmel befallene Wurst.

Erst kamen die Lebensmittelkontrolleure, dann die Reporter – jetzt ist es still auf dem Gelände der Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH. Der Himmel ist grau, es nieselt. Der Betrieb mit 200 Mitarbeitern ist geschlossen und hat vorläufige Insolvenz angemeldet. Nur vereinzelt fahren Autos vor. Vor einer Woche begann hier im nordhessischen Twistetal-Berndorf der Fall Wilke.

Behörden liegen keine Informationen vor

Mehrfach waren Listerien in Wilke-Produkten entdeckt worden. Die Keime können für Menschen mit geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. Sie sind laut Behörden für zwei Todesfälle in Südhessen verantwortlich, 37 weitere Krankheitsfälle hängen möglicherweise mit Wilke-Fleisch zusammen.

Clemens Tönnies fordert Neuaufstellung der Lebensmittelüberwachung

Deutschlands größter Fleischkonzern Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück fordert nach dem Skandal um Listerien-verseuchte Wurst eine Neuaufstellung der Lebensmittelüberwachung. »Wir brauchen einheitliche Standards und mehr Objektivität«, sagte der geschäftsführende Gesellschafter Clemens Tönnies der Zeitung »Welt«. Derzeit gebe es in nahezu jedem Landkreis andere Vorgaben und Regelauslegungen bei der Lebensmittelüberwachung. »Das kann auf Dauer nicht funktionieren.« Es müsse stattdessen eine zentrale Instanz geben. In NRW funktioniere die Überwachung erfolgreich. Dass der Fall Wilke die gesamte Branche in Verruf bringt, glaubt Tönnies nicht: »Das ist ein Einzelfall.« Trotzdem spart der Manager nicht mit Beschwichtigungen. »Wurst ist kein gefährliches Produkt«, versichert der 63-Jährige laut »Welt« am Rande der Lebensmittelmesse Anuga in Köln.

In seinem eigenen Unternehmen, zu dem unter anderem die Marken Gutfried, Böklunder, Könecke, Schulte und Tillman’s gehören, werde »unglaublich viel Aufwand betrieben«, um die Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten. Pro Jahr gebe es mittlerweile mehr als 800.000 mikrobiologische Untersuchungen auf Listerien und Salmonellen.

Vielleicht sind es mehr Todesfälle: Wie am Dienstag bekannt wurde, fanden Behörden in Niedersachsen bei drei Erkrankten einen Keimtyp, der genetisch eng mit den Listerien verwandt ist, die in den Waren der Firma Wilke nachgewiesen wurden. Die drei erkrankten Menschen sind zwischen 50 und 90 Jahre alt. Zwei von ihnen sind gestorben – einer von ihnen starb an einer anderen Erkrankung, bei der zweiten Person habe nicht ermittelt werden können, ob die Listeriose-Erkrankung die Todesursache war. »Ob die drei Menschen auch Wurst der Firma Wilke gegessen haben, wissen wir nicht«, sagte ein Sprecher.

Meist ist eine Infektion völlig harmlos, erklärte der Sprecher der Mühlenkreiskliniken (Kreis Minden-Lübbecke), Christian Busse, am Dienstag. Mögliche Symptome seien Durchfall und Erbrechen. Der Ausbruch der Erkrankung kann laut Wikipedia bis zu acht Wochen nach Aufnahme der Bakterien erfolgen.

In NRW liegen den Behörden derzeit keine Informationen darüber vor, dass in Nordrhein-Westfalen mit Listerien kontaminierte Lebensmittel von Wilke gefunden wurden. Ebenso gebe es keine aktuellen Informationen über Erkrankungszahlen in NRW, die auf einen Verzehr belasteter Wurstwaren der Firma Wilke zurückgeführt werden könnten.

Eilantrag von Foodwatch

Eine Woche nach Schließung des Betriebs wird vor allem um eine Frage gerungen: Wohin wurde die Wilke-Wurst geliefert? Antreiber der Debatte ist die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Sie meint: Trotz einer weltweiten Rückrufaktion können sich Verbraucher nicht sicher sein, keine Wilke-Wurst auf dem Teller zu haben. Zwar haben Behörden mittlerweile Listen mit Hunderten von betroffenen Produkten herausgegeben. Doch das ändere nichts. »Die Ware ging schließlich auch undeklariert in Restaurants, Kantinen oder an Wursttheken in den Verkauf«, sagte Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Offen sei zudem, ob Wilke an die Lebensmittelindustrie zur Weiterverarbeitung geliefert habe. »Wir wollen wissen, was den Behörden bisher über die Verkaufs- und Abgabestellen der zurückgerufenen Wilke-Produkte bekannt ist«, sagte Rücker. Die Frist lief am Dienstag aus – ohne Antwort auf den Eilantrag von Foodwatch und ohne Herausgabe der Kundenliste. Die Organisation prüft nun gerichtliche Schritte. Gegen den Geschäftsführer von Wilke hat die Staatsanwaltschaft Kassel ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet.

Belegschaft unter Druck gesetzt, Schikane gegen Mitarbeiter

Der Landkreis Waldeck-Frankenberg als zuständige Behörde für die Lebensmittelüberwachung im Fall Wilke und das Land Hessen haben ebenfalls eine Untersuchung der Vorgänge angekündigt. Bisher hieß es nur vage: Wilke sei »seiner Verantwortung als Lebensmittelunternehmen nicht vollumfänglich nachgekommen«. Unklar bleibt, was im Untersuchungsbericht der »Task-Force Lebensmittelsicherheit« des Landes Hessen steht. Der Bericht bleibt vorerst unter Verschluss und ging an die Staatsanwaltschaft Kassel.

Bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten hatte Wilke keinen guten Ruf: Die Belegschaft sei unter Druck gesetzt worden, es habe Schikanen gegen Mitarbeiter gegeben, der Krankenstand sei hoch gewesen. »Das war ein Regime des Schreckens und der Angst«, sagte NGG-Geschäftsführer Andreas Kampmann.

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