Experten uneins über Titandioxid – Foodwatch verschärft Kritik an Dr. Oetker
Streit um Weißmacher

Bielefeld (WB). Einfach nur glänzend-weiß und dazu bekömmlich – oder gesundheitsgefährdend? Die in Lacken und Farben, aber als Farbstoff auch in Lebensmitteln, Zahnpasta oder Sonnencreme enthaltene Chemikalie Titan­dioxid steht im Verdacht, Krebs auslösen zu können. Verbraucherschützer, Hersteller und Experten streiten über das Risikopotenzial. Mittendrin: der Oetker-Konzern.

Donnerstag, 05.09.2019, 04:00 Uhr
Der Weißmacher Titandioxid wird vielfältig verwendet – in Farben und Lacken ebenso wie in Zahnpasta, Kaugummi oder auch Lebensmitteln. Der Bielefelder Nahrungsmittelhersteller Dr. Oetker setzt den auch als E171 deklarierten Zusatzstoff vor allem in Backdekor-Produkten ein – aber auch in einer Backmischung. Es ist umstritten, ob der Farbstoff Krebs auslösen kann

Der Bielefelder Nahrungsmittelhersteller setzt Titandioxid – in der Zutatenliste auch als E171 oder bei Kosmetika als CI 77891 aufgeführt – in mehreren Produkten ein. Dies gilt vor allem als Weißpigment für Backdekore zum Verzieren von Kuchen, aber auch für eine Backmischung. Der Verbraucherschutzverein Foodwatch hatte Oetker vergangene Woche dafür kritisiert und einen Verzicht des gleichwohl in der EU zulässigen Zusatzstoffes gefordert (WB vom 31. August).

Gefahrstoff-Einstufung

In Frankreich ist Titandioxid indes von 2020 an für zunächst ein Jahr in Lebensmitteln verboten, weil die Unbedenklichkeit nicht erwiesen sei und das Gefahrenpotenzial weiter untersucht werden soll. Vor allem in Partikelform im Nanometerbereich gilt Titan­dioxid als umstritten. Verschiedene Untersuchungen, Studien und Mediziner sehen die größten Risiken, wenn der Weißmacher als Pulver eingeatmet wird und in die Lunge gelangt. In diesem Zusammenhang hat die EU-Kommission ein Verfahren zur Gefahrstoff-Einstufung in Gang gesetzt. In der Folge könnte sogar ein Verbot von Deckfarben-Mal­kästen drohen. Die Aufnahme durch Lebensmittel wird indes auch vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) eher als unproblematisch eingestuft.

Oetker hatte in einer ersten Stellungnahme zur Foodwatch-Kritik erklärt, die Ergebnisse der von der Organisation veranlassten Analysen unabhängig überprüfen lassen zu wollen. Oetker-Produkte enthielten kein Titandioxid in Nanopartikelform. Das hätten auch die Lieferanten bestätigt. Zudem arbeite der Konzern an Alternativen und wolle den Zusatzstoff bis Ende März 2020 ersetzen.

Dr. Oetker weist die Forderung zurück

Jetzt hat Foodwatch seine Kritik in einem offenen Brief an das Unternehmen nochmals verschärft, Dr. Oetker Täuschung vorgeworfen und den sofortigen Rückruf eines Produkts gefordert. Im »Dekor Kreation Rosa Mix« bestehe Titan­dioxid zu 100 Prozent aus den besonders umstrittenen Nanopartikeln, erklärt Foodwatch und verweist auf die in Auftrag gegebenen Laboruntersuchungen.

Dr. Oetker weist die Forderung zurück. Das Unternehmen betonte erneut, dass »grundsätzlich alle Zutaten, die wir verwenden, strikte Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen erfüllen müssen sowie den aktuellen Gesetzen und Vorschriften entsprechen«. Zudem habe die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die Sicherheit von Titandioxid in den Jahren 2016 und 2018 umfassend überprüft und in Lebensmitteln für gesundheitlich unbedenklich erklärt.

Zudem hätten alle Lieferanten Dr. Oetker erneut bestätigt, dass das verwendete Titandioxid keine Nanopartikel aufweise. »Den Vorwurf der Täuschung weisen wir daher entschieden von uns ab.« Dr. Oetker betont, »dass alle unsere Produkte einwandfrei verkehrs- und verzehrfähig sind. Es gibt somit in keiner Hinsicht den Bedarf eines Verkaufsstopps.«

Untersuchungen

Um weitere Aufklärung zu schaffen, sei nach mehrtägiger Suche ein Labor gefunden und beauftragt worden, das nicht nur Pulver, sondern auch das fertige Produkt auf Titandioxid-Nanopartikel untersuchen kann. Sobald Ergebnisse vorliegen, will Dr. Oetker hierüber informieren.

Losgelöst von der aktuellen Debatte arbeite das Unternehmen zudem seit längerem daran, wo immer möglich auf Zusatzstoffe in seinen Produkten zu verzichten. Vom Titandioxid-Verbot in Frankreich im kommenden Jahr ist Dr. Oetker nicht betroffen, teilt Pressesprecher Dr. Jörg Schillinger auf WESTFALEN-BLATT-Anfrage mit. Die betreffenden Produkte vertreibe das Unternehmen im Nachbarland gar nicht.

Wie andere Hersteller mit dem Thema umgehen

Auch der Haller Süßwarenhersteller Storck setzt Titandioxid in Produkten ein, etwa in seinen »Nimm2 Lollys«. Das Unternehmen verweist ebenfalls auf die gesetzliche Zulassung als Lebensmittelzusatzstoff. Storck orientiere sich an der EFSA, die bislang keine Anhaltspunkte für eine Neubewertung sehe. »Wir werden die Entwicklungen in diesem Thema weiterhin aufmerksam verfolgen und die dann erforderlichen Entscheidungen treffen«, teilt Storck auf Anfrage mit.

»Krebsverdächtige Zusatzstoffe haben in Lebensmitteln absolut nichts zu suchen«, erklärt derweil Patrick Müller von Foodwatch. Auch in Produkten unter anderem von Danone, Haribo, Mondelez und Nestlé werde E171 eingesetzt, teilt die Organisation mit. Mars mit Marken wie Wrigleys und M&M habe derweil zugesagt, aus der Verwendung von Titandioxid auszusteigen. Die Produktion von Kaugummis sei bereits vollständig umgestellt. Auch McDonald’s und der Gebäckhersteller Lambertz verzichteten bereits jetzt oder in naher Zukunft auf den Zusatzstoff.

 

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