Mehrheit stand bis 1933 loyal zur Weimarer Republik – Bielefelder Historiker veröffentlicht Studie
Industrieverband warnte erst und kuschte dann vor Hitler

Berlin/Bielefeld (WB). Zu den »Fake News«, die die DDR über die westdeutsche Gesellschaft verbreitet hat, gehört die Behauptung, »die« deutsche Wirtschaft habe Adolf Hitler an die Macht verholfen. Sodann gebe es eine Kontinuität aus der Nazi-Zeit in die Bundesrepublik.

Samstag, 04.05.2019, 03:00 Uhr aktualisiert: 05.05.2019, 12:02 Uhr
Der Diktator suchte in den dreißiger Jahren die Nähe zur Industrie; hier präsentiert Fer­dinand Porsche (in der Mitte ohne Kopfbedeckung) Adolf Hitler den ersten Käfer von Volkswagen. Foto: dpa

Tatsächlich belegen Berichte gerade in jüngerer Zeit eine große Nähe einzelner Unternehmer zu den Organisationen und Repräsentanten des Nationalsozialismus. Daraus kann jedoch, wie der Bielefelder Historiker Christopher Kopper und Koautor Johannes Bär in einer umfangreichen Studie über die einhundertjährige Geschichte des früheren Reichs- und heutigen Bundesverbandes der Deutschen Industrie belegen, keine grundsätzliche Unterstützung »der« Wirtschaft für die NSDAP hergeleitet werden. Das gilt insbesondere für die Zeit vor 1933.

Der Bielefelder Historiker Prof. Christopher Kopper.

Der Bielefelder Historiker Prof. Christopher Kopper. Foto: Uni Bielefeld

Mit dem Ende des Kaiserreichs wuchs in der Industrie die Erkenntnis, dass es in der Demokratie nützlich ist, wenn die Industrie ihre Anliegen mit einer Stimme vorträgt. So wurde am 12. April 1919 der Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) gegründet. Zumindest ab 1925/26 stand er zur demokratischen Weimarer Verfassung, hervorgehoben in einer Rede vom stellvertretenden Vorsitzenden Paul Silverberg: »Das deutsche Unternehmertum steht heute restlos auf staatsbejahendem Standpunkt.« Der RDI unterstützte öffentlich die von der Großen Koalition in Weimar ausgehandelte Regelung zu den Reparationszahlungen (Young-Plan) und die Regierung des Zentrumspolitikers Heinrich Brüning – letzteren wegen dessen strikter Sparpolitik. Der staatskapitalistische Ansatz der Nazi-Partei widersprach dagegen dem freiheitlichen Anspruch der Unternehmer.

Kastl musste RDI als einer der ersten verlassen

Die Unterstützung für die Demokratie hielt auch, als die NSDAP bei Wahlen immer mehr Stimmen erhielt. Sie war innerhalb des RDI nicht unumstritten. Zu den offenen Befürwortern eines Systemwechsels gehörte vor allem der Stahlindustrielle Fritz Thyssen. Dennoch wandte sich RDI-Hauptgeschäftsführer Ludwig Kastl zuletzt noch zwei Tage vor der Machtergreifung in einem Brief an Otto Meissner, den Staatssekretär bei Reichspräsident Paul Hindenburg, um diesen vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler abzuhalten.

Kastl war dann allerdings auch unter den ersten, die 1933 den RDI verlassen mussten. Am 1. April des Jahres – zu einem Zeitpunkt, als der Verbandspräsident Gustav Krupp von Bohlen und Halbach gerade mit 18 weiteren führenden Wirtschaftsvertretern bei Adolf Hitler weilte – stürmten Nazis die Geschäftsstelle des RDI. Sie forderten ultimativ die Entlassung Kastls sowie aller jüdischen Mitarbeiter und den Rücktritt der jüdischen Mitglieder im RDI-Präsidium. Krupp von Bohlen, von dem Joseph Goebbels sagte, er sei »ein netter Mann, aber kein Heros«, protestierte nicht einmal dagegen. Zu denen, die dieses Verhalten rügten, gehörte der Inhaber der erst 1974 in die Insolvenz gegangenen ostwestfälischen Textilfabrik Carl Weber, Georg Müller-Oerlinghausen. Er schrieb nach Berlin, der RDI »kann und darf niemals eines Einverständnisses mit der unerhörten Disqualifikation und Bedrückung des deutschen Judentums geziehen werden, wenn er noch moralisches Standing beanspruchen will«.

Einrichtungen der Wirtschaft wurden gleichgeschaltet

In den folgenden Jahren wurden die Einrichtungen der Wirtschaft – Kammern wie Verbände – von den Nazis gleichgeschaltet. Der RDI gehörte auf zu existieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der BDI von Anfang an loyal zur Bundesrepublik und zur Westintegration. Der erste Präsident, der aus dem Sauerland stammende mittelständische Unternehmer Fritz Berg, hatte einen engen Kontakt zu Konrad Adenauer. Trotzdem konnte er einige Anliegen wie etwa eine liberalere Kartellgesetzgebung und eine exportfreundlichere Währungspolitik nicht durchsetzen. Heute, so schließen die Autoren, verlaufe das Engagement »weitgehend in den geordneten Bahnen routinemäßiger Interessenpolitik und Informationsvermittlung«.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6585224?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2198339%2F
Gerhard Weber ist tot
Moderunternehmer Gerhard „Gerry“ Weber ist in der Nacht vom 23. auf den 24. September verstorben. Foto: Hans-Werner Buescher
Nachrichten-Ticker