Berechnungen von Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater für NRW und OWL Lehman-Pleite: Finanzkrise hat vor allem Paderborn getroffen

Bielefeld (WB). Was wäre passiert, wenn es die Finanzkrise nicht gegeben hätte? Dieser Frage sind die Volkswirte der Deka nachgegangen. Sie haben ausgerechnet, wie viel Wirtschaftswachstum potenziell Staat, Ländern und Städten entgangenen ist. Besonders hart hat es Paderborn betroffen.

Von Edgar Fels
Die Lehman-Pleite 2008 hatte auch für NRW Folgen. Die Zahlen in den Regierungsbezirken geben das entgangene Wirtschaftswachstum an. Auf OWL entfallen dabei 6,4 Prozent.
Die Lehman-Pleite 2008 hatte auch für NRW Folgen. Die Zahlen in den Regierungsbezirken geben das entgangene Wirtschaftswachstum an. Auf OWL entfallen dabei 6,4 Prozent. Foto: imago

»Ein gewagtes Gedankenexperiment, angesichts der Tragweite der Ereignisse«, heißt es bei der der Investmentbank Deka in Frankfurt mit Blick auf die Folgen der Lehman-Pleite in den USA vor zehn Jahren. »Der vor 2008 eingeschlagene Wachstumsweg wäre ohne den Ausbruch der Krise wohl einfach weitergegangen«, sagt der Chefvolkswirt der Deka, Dr. Ulrich Kater. Die USA hätten heute eine um fast 12 Prozent höhere Wirtschaftsleistung – das wären 2,1 Billionen US-Dollar pro Jahr. Noch schlimmer hat es Europa erwischt: Hier wäre das Bruttoinlandsprodukt – also der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen – ohne Krise sogar 14 Prozent höher ausgefallen.

Ulrich Kater ist Chefvolkswirt der Deka.

Kater macht auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: »Hätte es keine Finanzkrise gegeben, wäre wohl auch die Ursache einer überbordenden Kreditvergabe nicht zutage getreten. Genau diese Kreditübertreibungen wirkten allerdings in den Jahren vor der Krise als Wachstumsturbo für viele Volkswirtschaften.«

In NRW sank das Bruttoinlandsprodukt 2009 (preisbereinigt) um gut fünf Prozent. Vier Jahre dauerte es, bis das Vorkrisenniveau wieder überschritten wurde. Auf Sicht der vergangenen zehn Jahre sei die durchschnittliche Wachstumsdynamik nur noch halb so hoch wie im Jahrzehnt vor der Krise. Kater: »Ohne Finanzkrise würde die heutige Wirtschaftsleistung 7,5 Prozent über dem tatsächlichen Niveau liegen.«

Anlass, die Zukunftsfähigkeit zu untersuchen

Wendet man diese Rechnung auf die fünf Regierungsbezirke in NRW an, so fällt das entgangene Wirtschaftswachstum insbesondere in den Bezirken Düsseldorf und Münster (je 11,9 Prozent) überdurchschnittlich hoch aus. In OWL liegt das entgangene Wachstum mit 6,4 Prozent gut einen Prozentpunkt unterhalb des NRW-Wertes. Während die Dynamik in den zehn Jahren vor Ausbruch der Krise bei 1,5 Prozent pro Jahr lag, erreichte sie seitdem im Schnitt nur noch 0,8 Prozent jährlich. Die Ursachen für diese unterschiedliche Aufholgeschwindigkeit können mit dem Industrieanteil in den einzelnen Regionen zusammenhängen. Denn die Industrie war direkt betroffen.

»In OWL spielt zwar das verarbeitende Gewerbe eine wichtige Rolle, hier war die Dynamik in den vergangenen zehn Jahren allerdings schwach, sodass dieser Sektor merklich zur Verlangsamung beitrug«, erklärt Kater. Das zeige, dass die Finanzkrise auch ein Anlass sei, die eigenen Strukturen auf Robustheit und Zukunftsfähigkeit zu untersuchen.

Steiler Wachstumspfad im Kreis Höxter

Innerhalb von OWL sei es insbesondere der Kreis Paderborn, der maßgeblichen Anteil an der schwächeren Dynamik seit 2008 hat: Von mehr als 2,5 Prozent pro Jahr vor der Krise wurde das Wachstum danach auf durchschnittlich 0,6 Prozent gebremst. Kater: »Die Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes ist dort bis heute insgesamt um mehr als 15 Prozent geschrumpft.«

Überdurchschnittlich hoch fällt auch für Gütersloh – der Kreis in OWL mit dem höchsten Anteil des verarbeitenden Gewerbes – das entgangene Wirtschaftswachstum aus. Deutlich besser schneidet die Stadt Bielefeld ab. Allerdings wies Bielefeld in den Jahren vor Ausbruch der Krise mit 1,4 Prozent pro Jahr ein deutlich niedrigeres Wirtschaftswachstum auf als die Kreise Paderborn oder Gütersloh. Im Kreis Höxter wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) vor Ausbruch der Krise um 2,5 Prozent – allerdings nicht pro Jahr, sondern auf Sicht von zehn Jahren. Kater: »Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Kreis Höxter der einzige in OWL ist, in dem der Wachstumspfad seit Krisenbeginn etwas steiler ist als vor 2008.«

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