Minusgrade
Schneechaos zum Start in eine frostige Woche

Der «Flockdown» lähmt weite Teile Deutschlands. Schnee und Eis behindern den Verkehr auf Straßen und Schienen. Mancherorts fällt die Müllabfuhr aus und bleiben Kitas zu. Im Ruhrgebiet bilden sich beim Löschen sogar Eiszapfen an den Helmen von Feuerwehrleuten.

Montag, 08.02.2021, 17:33 Uhr
Der Winterdienst fährt am verschneiten Terrassenufer in der Altstadt von Dresden. Foto: Robert Michael

Berlin (dpa) - Schnee und Eis haben auch zum Wochenanfang Auto- und Bahnfahrern in weiten Teilen Deutschlands das Leben schwer gemacht - und in den nächsten Tagen bleibt es eisig.

In immer weniger Regionen wird es zumindest tagsüber frostfrei sein, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) vorhersagte. Demnach klettern die Temperaturen an diesem Dienstag nur noch südlich der Donau über die Null-Grad-Marke. Ab Donnerstag sollen die Höchstwerte dann in ganz Deutschland «im Eisfach-Bereich» von minus 1 bis minus 9 Grad verharren, wie DWD-Meteorologe Martin Jonas ankündigte. Wer mit dem Auto unterwegs ist, sollte sich also weiterhin auf rutschige Straßen gefasst machen.

Heftiger Schneesturm hatte in Teilen Deutschlands bereits am Sonntag ein Verkehrschaos verursacht. Auch war zumindest zeitweise auf etlichen Straßen kein Durchkommen. «Die Lage ist katastrophal», sagte am frühen Morgen ein Sprecher der Polizei in Fulda. Im Schnee stecken gebliebene Lastwagen hatten etwa im Norden und Osten von Hessen mehrere Autobahnen blockiert. Besonders betroffen waren dort die A7 und die A4. In vielen Bereichen stünden die Lastwagen und Autos seit sechs Stunden im Stau, es gehe weder vorwärts noch rückwärts, sagte der Sprecher.

Derweil warnte die Deutsche Bahn: «Aufgrund von extremem Unwetter kommt es in weiten Teilen des Landes zu Verspätungen und Zugausfällen.» Der Fernverkehr war auf mehreren Verbindungen komplett eingestellt. So fuhren beispielsweise von Berlin keine Fernzüge in Richtung Hannover und München.

Zumindest auf einigen Verbindungen sollte sich der Bahnverkehr vom Nachmittag an schrittweise normalisieren. «Tausende Mitarbeitende sind vor Ort im Einsatz. Vielerorts müssen unter widrigen Umständen und in mühevoller Handarbeit Weichen enteist und Schienen geräumt werden», schrieb die Bahn in ihrem Presse-Blog zur aktuellen Wetterlage.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer appellierte an die Bürger im Norden und in der Mitte Deutschlands, mindestens bis Mittwoch auf Reisen zu verzichten. «Bei solchen extremen Bedingungen können selbst die beste Weichenheizung und das beste Räumfahrzeug an ihre Grenzen geraten», sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Dienstag).

Auch der Nahverkehr blieb mancherorts im Schnee stecken. In Leipzig und Erfurt versuchten mit Schneeschiebern versehene Straßenbahnen, die Gleise wieder befahrbar zu machen. Busse blieben vielerorts in den Depots - in Hessen etwa in Kassel und Marburg, wie die dortigen Stadtwerke mitteilten. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fiel wegen des heftigen Winterwetters vielerorts die Müllabfuhr aus. Außerdem kamen in Thüringen nach Angaben der Deutschen Post mit wenigen Ausnahmen keine Brief- und Paketzusteller.

In Jena in Thüringen blieben die Kindertagesstätten geschlossen - sie sollten auch am Dienstag noch geschlossen sein, wie es von der Stadtverwaltung hieß. Die Behörde begründete die Schließung auch damit, dass die Essenversorgung nicht gewährleistet werden könne.

Das Technische Hilfswerk (THW) war mit Stand Vormittag innerhalb von 24 Stunden bundesweit mit 685 Helfern aus 64 Ortsverbänden im Einsatz, wie eine Sprecherin sagte. Die Helfer räumten demnach Straßen frei, enteisten Gleise, bargen Lastwagen, befreiten Gebäudedächer von Schneelasten und versorgten Klinken mit Lebensmitteln.

Auch die Pannenhelfer des ADAC waren im Dauereinsatz. So rückten sie allein in Niedersachsen und Bremen am Sonntag zu mehr als 800 Einsätzen aus - am Morgen wurden 600 weitere Hilferufe registriert, wie der Automobilclub mitteilte. Gleichzeitig richteten sich nach Beobachtung der Polizei die Autofahrer auf die schwierigen Bedingungen ein. «Es schneit hier wie verrückt, aber die Leute fahren alle vorsichtig», sagte ein Sprecher der Autobahnpolizei Garbsen bei Hannover.

In Nordrhein-Westfalen waren am Wochenende bei rund 730 Unfällen drei Menschen schwer und 63 leicht verletzt worden, wie das dortige Innenministerium mitteilte. Ein Mann starb, nachdem er mit seinem Wagen in Duisburg in einen Bach gestürzt war. In Mülheim an der Ruhr behinderten die eisigen Temperaturen die Löscharbeiten beim Brand eines leerstehenden Supermarktes. An den Helmen der Feuerwehrleute hätten sich Eiszapfen gebildet, sagte ein Sprecher. Unter der tonnenschweren Last von Schnee brach in Rheine das Dach eines Holzfachhandels zusammen. Nach Angaben einer Polizeisprecherin stürzten die Schneemassen kurz vor Geschäftseröffnung gegen 9.00 Uhr in den Verkaufsraum, Menschen wurden nicht verletzt.

In Niedersachsen erschwerte das Winterwetter die Corona-Impfkampagne. Das Landesgesundheitsministerium sagte die Impfstofflieferungen für zwölf Impfzentren ab. Frühestens am Dienstag solle je nach Wetterlage damit begonnen werden, die Lieferungen nachzuholen, sagte ein Ministeriumssprecher.

An der Ostsee drückte starker Wind das Wasser an die Küste. Sturmböen ließen in Lübeck und Travemünde die Trave über die Ufer treten. Die Wasserstände lagen am Mittag bei rund 6,10 Metern, wie ein Feuerwehrsprecher sagte. Das sind etwa 1,10 Meter mehr als normal. In den Hochwassergebieten im Westen und Süden Deutschlands entspannte sich hingegen die Lage - auch am Rhein. Ab Dienstag könnte bei Köln wieder die Schifffahrt möglich sein.

In Teilen Schleswig-Holsteins soll es in den nächsten Tagen zu anhaltenden Schneefällen und Schneeverwehungen kommen. Hintergrund ist vor allem der sogenannte Lake-Effekt, wie Meteorologe Frank Böttcher erläuterte. Dabei führt der starke Wind über die Ostsee Feuchtigkeit heran, die über Land als Schnee fällt.

Das Wetter ist auch in sozialen Netzwerken ein großes Thema: Dort bildete sich das Schlagwort «Flockdown», eine Wortschöpfung aus «Flocke» und coronabedingtem «Lockdown». Im Vergleich zum Wochenende soll der Schneefall in den kommenden Tagen insgesamt zurückgehen. Das große Thema wird dann der strenge Frost sein - vor allem nachts.

Grund dafür sei «die kalte Gisela», erklärte Meteorologe Martin Jonas. Das Hoch namens «Gisela» liege diese Woche «weitgehend ortsfest über Skandinavien», zapfe Polarluft an und schiebe diese «auf direktem Wege nach Mitteleuropa und damit nach Deutschland».

In der Mitte und im Osten Deutschlands dürfte Nachtfrost von minus 18 Grad keine Seltenheit sein. Bei Wind und trockener Luft könne die gefühlte Temperatur nachts sogar auf bis zu minus 30 Grad sinken. «Wer da morgens mit dem Hund raus muss, sollte sich im wahrsten Sinne des Wortes warm anziehen», empfahl Jonas.

© dpa-infocom, dpa:210208-99-344030/11

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