Heute vor 25 Jahren fiel Israels damaliger Ministerpräsident Jitzchak Rabin einem politischen Mord zum Opfer
Wenn der Attentäter sein Ziel erreicht

Tel Aviv -

Gäbe es heute einen echten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern, wenn Jitzchak Rabin vor 25 Jahren nicht ermordet worden wäre? Hat der Attentäter Jigal Amir am 4. November 1995 mit dem Ministerpräsidenten auch den Friedensprozess getötet? Und: Ist Israels Gesellschaft in der Sache noch genau so gespalten wie damals, oder gar noch tiefer?

Mittwoch, 04.11.2020, 03:41 Uhr aktualisiert: 04.11.2020, 03:50 Uhr
Hier gedenken Israelis des am 4. November 1995 ermordeten Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin. Der Politiker wollte die Aussöhnung mit den Palästinensern und bezahlte dafür mit seinem Leben. Foto: Andreas Schnadwinkel

 

Zumindest eine Antwort hat Reuven Rivlin gegeben. Bei einer Veranstaltung zum Gedenken an das Attentat hat Israels Staatspräsident gesagt, dass der „systemische Schaden“ von damals bis in die Gegenwart anhalte. Wegen des beweglichen jüdischen Kalenders hat man am vorigen Donnerstag Rabins gedacht. Auch heute, so das Staatsoberhaupt, sei Israel politisch gespalten, es gebe Mordaufrufe gegen Bürger und Politiker. Rivlin hat zur Pflicht gemahnt, den Bruch zu reparieren. Ob sich sein Appell in erster Linie an den Regierungschef gerichtet hat?

Auch das Parlament, die Knesset, hat an die Tat erinnert – mit einer Sondersitzung. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat dazu aufgerufen, Gewalt von allen Seiten zu verurteilen, und beklagt, dass es weiterhin Aufrufe gebe, ihn und seine Familie zu ermorden, „und fast niemand sagt etwas dazu“. Seine politischen Gegner wollen dem Premier diese Form des Selbstmitleids nicht so einfach durchgehen lassen. Schließlich trug Netanjahu selbst im Oktober 1995 zur vergifteten Atmosphäre bei, als er bei einer Demonstration gegen Rabins Friedenspolitik in seiner Funktion als Oppositionsführer erklärte: „Dieser niederträchtige Mörder wird von der Regierung hofiert. Diese israelische Regierung ist blind und erlaubt Arafat, seinen Plan zu verwirklichen: die Vernichtung des jüdischen Staates.“ Während der Proteste auf dem Zionsplatz in Jerusalem trugen Demonstranten Rabin in einem Pappsarg symbolisch zu Grabe. Auch wurden Plakate verbrannt, die Rabin in einer SS-Uniform zeigten. Die ultimative Schmähung im Land der Holocaust-Überlebenden.

Einen Monat später erschoss der jüdische Extremist Jigal Amir den Ministerpräsidenten auf dem damaligen „Platz der Könige Israels“ nach einer Friedenskundgebung. Der 4. November 1995 war ein Samstag. Schabbat, jüdischer Feiertag. Rabin war gekommen, um seinen Kurs zu verteidigen. Zwei Jahre zuvor hatte er in Oslo mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und ihrem Führer Jassir Arafat ein Abkommen unterzeichnet, das der arabischen Bevölkerung im seit 1967 besetzten Westjordanland schrittweise mehr Selbstbestimmung ermöglichen sollte. Der Oslo-Prozess war darauf angelegt, den Nahostkonflikt zu beenden. Dafür hatten Rabin und sein Außenminister Shimon Peres sowie PLO-Chef Jassir Arafat den Friedensnobelpreis erhalten.

„Ich bin überzeugt: Eine Mehrheit des Volkes will Frieden – und will für einen Frieden auch Risiken in Kauf nehmen. Denn die Gewalt zerstört die Grundlage der israelischen Demokratie“, sagte Rabin in der letzten Rede seines Lebens. Und er sagte auch: „Ich war 27 Jahre lang Soldat. Solange es keine Aussicht auf Frieden gab, habe ich gekämpft. Aber jetzt glaube ich daran, dass es eine Chance auf Frieden gibt, eine große Chance. Wir müssen sie nutzen in Verantwortung für die, die hier sind, und in Verantwortung für die, die nicht hier sind.“

Hunderttausende waren dort. Auch Jigal Amir. Aber der damals 25-jährige religiöse Extremist wollte nicht den Mitgliedern des Kabinetts zujubeln, die neben Vertretern diverser Friedensgruppen auf der Bühne standen. Er wollte Rabin ermorden – und mit ihm den angestoßenen Friedensprozess töten. Der Premier verließ die Bühne über 26 Stufen einer Treppe, die direkt zu dem Parkplatz führte, wo die gepanzerte Dienstlimousine stand. Im euphorischen Trubel – die Kundgebung war ein großartiger Erfolg – ließen Rabins Leibwächter den Rücken des Ministerpräsidenten für einen Moment ungedeckt. Gegen 21.45 Uhr fiel wie aus dem Nichts ein Schuss. Und noch zwei weitere aus einer halb-automatischen Beretta, bevor Leibwächter und Polizisten reagieren und den Attentäter überwältigen konnten. Zwei selbstgebastelte Dumdum-Geschosse hatten Rabins Lungenflügel getroffen, die dritte Kugel die Hand eines Leibwächters. Gegen 23 Uhr starb Rabin im Krankenhaus.

Der Mörder hatte sein Ziel erreicht: Tat ausgeführt und selbst überlebt. Die Sicherheitsdienste verhörten Amir schon, als Rabin noch um sein Leben rang. „Tun Sie Ihre Arbeit, ich habe meine getan“, sagte er aus. Auch dass er vor dem Anschlag in einer Synagoge gebetet habe, „er möge die Gelegenheit bekommen, den Ministerpräsidenten zu ermorden, sein eigenes Leben möge aber verschont bleiben“. In allen Vernehmungen blieb Amir bei seiner Version, das Attentat alleine ausgeführt zu haben. Sein Motiv: Rabin sei ein Verräter gewesen, weil er für die Aussöhnung mit den Palästinensern jüdisches Land aufgeben wollte. Daher sei er laut jüdischem Gesetz ein Verräter gewesen, der getötet werden dürfe, um schlimmeres Unheil von der Judenheit abzuwenden. Bei seiner Verhaftung soll er gesagt haben: „Warum Handschellen? Ich bin doch kein Araber!“

Amir wurde fromm erzogen und fiel früh durch seine Faszination für Gewalt und später in der Armee als religiöser Fanatiker mit Kontakten zu radikalen Rabbinern auf. Nach dem Wehrdienst studierte er Jura an der religiösen Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan bei Tel Aviv. Kommilitonen blieb das extreme Denken nicht verborgen. Laut ihrer Aussagen sprach Amir im Herbst 1994 davon, dass Rabin „beseitigt“ werden müsse. Am 25. Februar 1994 hatte der nationalreligiöse Attentäter Baruch Goldstein mit einem Galil-Sturmgewehr 29 Muslime in der Ibrahim-Moschee erschossen. Am Einfluss dieser Tat auf Amir gibt es keinen Zweifel. In seinem Zimmer im Haus der Eltern standen neben religiösen Büchern nur drei weitere: die Attentäter-Biografie „Baruch. Ein ganzer Kerl“, „Die Akte Rabin“ und Frederick Forsyths Attentats-Thriller „Der Schakal“.

Der Ort des Anschlags heißt nicht mehr „Platz der Könige Israels“, sondern Jitzchak-Rabin-Platz und ist seit Monaten einer der zentralen Orte der Proteste gegen Netanjahu. Mit Abstand und Maske demonstrieren Israelis aller Altersgruppen gegen die Corona-Politik der Regierung und fordern den Premier wegen der Korruptionsvorwürfe zum Rücktritt auf. „Nur der Wille, Netanjahu aus dem Amt zu entfernen, eint die ansonsten zerstrittene Opposition. Dabei spielt das Erbe Rabins keine Rolle. Die Leute, die auf die Straße gehen, sorgen sich um den Rechtsstaat“, sagt David Witzthum (72). Der ehemalige TV-Moderator, er war der Claus Kleber Israels, hält die eindimensionalen Beurteilungen Netanjahus für falsch. „Er hat von der Annexion des Westjordanlands gesprochen, aber den Frieden mit einigen arabischen Staaten gewählt. Netanjahu ist pragmatisch und staatsmännisch“, sagt Witzthum. Sinnvoller, weil weniger symbolisch, scheinen ihm Abkommen mit dem Libanon und den Palästinensern: „Was bringt uns ein Friedensvertrag mit den Vereinigten Arabischen Emiraten? Mit denen haben wir keinen Krieg geführt.“ Witzthum weiß natürlich genau, dass sich die auf Vermittlung und Druck der USA geschlossenen Friedensabkommen mit den sunnitischen Staaten gegen den schiitischen Iran richten und die Palästinenser-Frage in der arabischen Welt eine untergeordnete Rolle spielt.

In der internationalen Diplomatie gilt der Mord an Rabin als Zerstörung der bislang größten Chance auf einen tragfähigen Frieden im Nahen Osten. Rabin hätte das Prinzip „Land gegen Frieden“ bei einer großen Mehrheit mit der nötigen Autorität vertreten können, denn der Ex-Generalstabschef und Feldherr im Sechs-Tage-Krieg von 1967 stand nicht in dem Ruf, vom Falken zur Taube mutiert zu sein. Allerdings hatte er schon 1976 die Siedler im besetzten Westjordanland als „eine der größten Bedrohungen für den Staat Israel“ bezeichnet. „Das ist keine Siedlerbewegung, das ist ein Krebsgeschwür im sozialen und demokratischen Gewebe Israels, eine Gruppierung, die das Gesetz in die eigenen Hände nimmt“, so Rabin damals wörtlich.

Yossi Beilin, der in Rabins Kabinett stellvertretender Außenminister war, zeigte sich überzeugt, dass Rabins Handeln von der Einsicht geprägt gewesen war, dass Israel nur ohne Besatzung ein jüdischer und demokratischer Staat bleiben könnte.

Sieben Monate nach dem Mord gewann Likud die Wahl, und Benjamin Netanjahu übernahm erstmals das Amt des Ministerpräsidenten. Für Itamar Rabinovich eine Zäsur, weil Israel „begann, sich mit großen Schritten von Rabins Weg zu entfernen“. Rabinovich ist Rabins Biograf und war unter ihm Israels Botschafter in Washington.

Seit dem Attentat wächst der politische Einfluss des nationalreligiösen und ultraorthodoxen Lagers von Wahl zu Wahl. Wenn man so will, hat Jigal Amir heute vor 25 Jahren sein Ziel mehr als erreicht.

Israels Inlandsgeheimdienst Schabak stuft den mittlerweile 50-jährigen Rabin-Mörder weiterhin als gefährlich ein. Er habe Anhänger, die bereit seien, in seinem Namen zu handeln. Diese hätten sich in der jüngsten Zeit zusammengefunden. Es bestehe die Möglichkeit, dass Amir diese Gruppe vom Gefängnis aus, wo er eine lebenslange Haft absitzt, leite, so der Geheimdienst. Dazu passt eine aktuelle Umfrage: 40 Prozent der Israelis halten weitere politische Morde für wahrscheinlich.

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