Magazin „Westpol“ zitiert aus internen Prüfberichten der Bezirksregierung Detmold
WDR: Bereits vor Corona-Ausbruch erhebliche Verstöße bei Tönnies

Rheda-Wiedenbrück (WB/ef). Bei Deutschlands größtem Schlachthof Tönnies in Rheda-Wiedenbrück soll es bereits vor dem Corona-Ausbruch Mitte Juni im Mai „gravierende Mängel” hinsichtlich des Arbeitsschutzes gegeben haben – deutlich mehr als bislang bekannt. Das berichtet das WDR-Magazin „Westpol“ und beruft sich dabei auf interne Prüfberichte der Bezirksregierung Detmold. Tönnies hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

Sonntag, 20.09.2020, 14:17 Uhr aktualisiert: 21.09.2020, 09:28 Uhr
Clemens Tönnies bei einer Pressekonferenz im Mai dieses Jahres. Foto: David Inderlied/dpa

Kein Mitarbeiter mit Mundschutz?

Demnach trug kein einziger Mitarbeiter im Schlacht-Bereich einen Mund-Nasen-Schutz. Zudem seien die Toiletten verunreinigt gewesen. Auf fünf Seiten hält die Behörde laut „Westpol“ Mitte Mai fest, an welchen Stellen Tönnies wenige Wochen vor dem Corona-Ausbruch gegen die Sars-CoV2-Arbeitsschutzstandards verstößt und dabei das firmeneigene Hygiene-Konzept missachtet. Eine Kontrolle am 15. Mai 2020 ergab demnach: „Im gesamten Bereich der Schlachtung tragen die Mitarbeiter keine Mund-Nasen-Bedeckung.”

Noch eine Woche zuvor, am 8. Mai 2020, hatte Firmenchef Clemens Tönnies in einem Interview mit dieser Zeitung erklärt: „Wir haben in den letzten sieben, acht Wochen große Anstrengungen unternommen und konnten unser Infektionsrisiko bisher gering halten – mit einem gigantischen Aufwand.“ Das Unternehmen sei sich seiner hohen Verantwortung bewusst, sowohl als Branche die Arbeit in den Betrieben aufrecht zu erhalten als auch für die Gesundheit der Mitarbeiter zu sorgen, hatte Tönnies damals betont.

Rheda-Wiedenbrück: Das Logo der Firma Tönnies, in Form von einem Bullen, einer Kuh und einem Schwein, dreht sich auf dem Dach des Firmenkomplexes.

Rheda-Wiedenbrück: Das Logo der Firma Tönnies, in Form von einem Bullen, einer Kuh und einem Schwein, dreht sich auf dem Dach des Firmenkomplexes. Foto: Guido Kirchner/dpa

Der massive Corona-Ausbruch folgte Mitte Juni. Rund 1500 Mitarbeiter hatten sich in kürzester Zeit mit dem Coronavirus infiziert. Folge: Das Werk musste für mehrere Wochen schließen. Im gesamten Kreis Gütersloh wurde der Lockdown ausgerufen.

Wie das WDR-Magazin „Westpol“ nun berichtet, sei Tönnies in der Pandemie zwischen Mitte März und Mitte Mai 2020 zunächst überhaupt nicht kontrolliert worden. Erst nach dem Corona-Ausbruch bei der Firma Westfleisch Anfang Mai in Coesfeld seien Kontrolleure in anderen Schlachtbetrieben angerückt – so auch bei Tönnies im Kreis Gütersloh.

Kritik an Zustand der Toiletten

In Rheda-Wiedenbrück waren die Mängel offensichtlich gewesen: In der Kantine wurden „keine Maßnahmen getroffen, um die Anzahl der Sitzplätze zu reduzieren”, zudem sei keine Zwischenreinigung oder Desinfektion erfolgt. In allen kontrollierten Toilettenräumen fehlten dem Bericht der Behörde zufolge Desinfektionsmittelspender. „Die Toiletten waren zum Teil erheblich verunreinigt”, stellten die Kontrolleure laut „Westpol“ fest. Tönnies habe gegenüber der Bezirksregierung eingeräumt, dies sei „nicht akzeptabel”. Man könne aber nicht nach jedem Toilettenbesuch reinigen.

Insgesamt sehen die Arbeitsschützer an diversen Stellen im Betrieb Mitte Mai „gravierende Mängel im Hinblick auf die Vorgaben der Sars-CoV2-Arbeitsschutzstandards.” Tönnies versprach schriftlich Besserung und gab an, der Mund-Nasen-Schutz sei „eine Basis-Anforderung des Hygienekonzepts.”

Hat die Bezirksregierung Detmold zu lasch kontrolliert?

Doch bis zur nächsten Kontrolle der Bezirksregierung bei Tönnies seien zwei Wochen vergangen – ein Umstand, den der Wissenschaftler und Arbeitsschutz-Experte Stefan Sell von der Hochschule Koblenz nicht nachvollziehen kann. „In Pandemie-Zeiten hätte man viel schneller reagieren müssen”, wird Sell vom WDR zitiert. Die Bezirksregierung Detmold teilte dem WDR demnach auf Anfrage mit, „schwerwiegende Mängel” seien im Mai abgestellt worden. Tönnies betonte, Ende Mai habe man die Corona-Standards „fast vollständig erfüllt.”

Die Bezirksregierung in Detmold.

Die Bezirksregierung in Detmold. Foto: Oliver Schwabe

Aber auch in den Wochen danach hätten erneute Kontrollen im Werk grundsätzliche Probleme zutage gefördert. In den Prüfberichten war von Absturzgefahren, fehlenden Schutzbrillen und leeren Verbandskästen die Rede. Zudem seien im Betrieb gemessen an der Zahl der Mitarbeiter insgesamt zu wenige Toiletten vorhanden. Tönnies habe daraufhin wieder nachgebessert – also Geländer ergänzt, Arbeitsplätze verlegt und Erste-Hilfe-Koffer nachgefüllt.

Mittlerweile werde Tönnies engmaschiger kontrolliert, so „Westpol“. Allein im Juli waren die Arbeitsschützer neunmal im Betrieb.

Das sagt das Unternehmen

Das Unternehmen Tönnies weist die Vorhaltungen des WDR über ein anwaltliches Schreiben zurück. Der WDR sei von seiner Quelle „einseitig informiert“worden, heißt es. Ferner ist in dem Schreiben an den WDR von „unwahren Tatsachenbehauptungen“ und „unzutreffenden Verdächtigungen“ die Rede.

In der dieser Zeitung vorliegenden Stellungnahme des Unternehmens heißt es konkret zu den Vorwürfen: “Die unangemeldeten Arbeitsschutz-Kontrollen durch die Bezirksregierung im Mai 2020 fanden in völliger Übereinstimmung des Zieles statt, ein möglichst hohes Corona-Sicherheitsniveau bei gleichzeitiger Erfüllung des Versorgungsauftrages als kritische Infrastruktur zu erreichen. Grundlage waren die zu der Zeit gültigen Regeln und Standards. Bereits in der der ersten unangekündigten Kontrolle vom 15.5.2020 konstatierten die Arbeitsschutz-Experten der Bezirksregierung mit Schreiben vom 18.5.2020, dass das Hygienekonzept von Tönnies (sich) ‘im absoluten Einklang mit den Arbeitsschutzstandards des BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) befindet.’ Dabei wurden, wie bei Kontrollen üblich, auch Änderungsbedarfe definiert (...). Die beschriebenen Änderungspunkte wurden von Tönnies sehr kurzfristig behoben.”

Und weiter: “Am 29.05.2020 kam es zu einer erneuten - unangemeldeten - Untersuchung durch die Bezirksrfegierung Detmold vor Ort. Das Ergebnis findet seinen Niederschlag im Aktenvermerk der Behörde vom 29.02020 (...): ‘Die BMAS SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandards sind in der Unternehmensgruppe nun fast vollständig erfüllt. Viele Maßnahmen zur Einhaltung der entsprechenden Arbeitsschutzstandards wurden bereits erfolgreich umgesetzt. Die vormals aufgezeigten Mängel wurden beseitigt oder zumindest soweit beseitigt, dass die SARS-CoV2-Arbeitsschutzstandards eingehalten sind. Dauerhafte Lösungen sind in der Planung und Umsetzung. (...Auslassung in der Stellungnahme...) Somit kann nach aktuellem Stand auf Ordnungsverfügungen zur Durchsetzung der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandards verzichtet werden. Die weitere Überwachung der notwendigen Maßnahmen durch die Bezirskregierung Detmold wurde dem Unternehmen jedch bereits angekündigt. (...Auslassung in der Stellungnahme...)’“

Diesem Aktenvermerk könne man zustimmen und dies sei der Stand der Umsetzung und des Wissens am 29. Mai gewesen.

 

 

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