Eine Bestandsaufnahme zu Corona in Nordrhein-Westfalen
Wenig Tote, viele freie Intensivbetten

Düsseldorf (WB). Sechs Monate nach den ersten Corona-Todesfällen in NRW stellt sich die Lage vergleichsweise ruhig dar. Die zusätzlich geschaffenen Intensivbetten werden aktuell nicht benötigt, Schulen sind nicht zu den Infektionsherden geworden, die manche Experten vorhergesagt hatten, und die Zahl der Sterbefälle im Land liegt unter den Werten vergangener Jahre.

Donnerstag, 10.09.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 10.09.2020, 05:06 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa

Schulen

In Nordrhein-Westfalen gibt es 205.000 Lehrer für 2,46 Millionen Schüler an 5436 Schulen. Aktuell fallen 3,3 Prozent der Lehrkräfte wegen Krankheiten (nicht Corona) aus, weniger als im Vorjahr.

Drei Wochen nach Beginn des neuen Schuljahres waren dem Schulministerium am 2. September 63 Lehrkräfte und 276 Schüler bekannt, die positiv getestet waren. Anders ausgedrückt: 0,01 Prozent aus der Gruppe der Lehrer und Schüler hatten eine Corona-Diagnose. Am selben Tag lag die Infektionsquote der Gesamtbevölkerung in NRW bei 0,02 Prozent, also doppelt so hoch.

Wegen Corona sind aktuell in NRW drei Schulen geschlossen, in 101 Schulen gibt es Teilschließungen. 650 Lehrer und 7078 Schüler waren zum Stichtag 2. September in Quarantäne.

Krankenhäuser

Die Überlastung des Krankenhaussystems, die angesichts der Bilder aus China und Italien befürchtet worden war, ist in NRW ausgeblieben. Aus dem Gesundheitsministerium heißt es, nach der Masseninfektion in Heinsberg habe es dort einen Engpass gegeben, den aber umliegende Krankenhäusern beseitigt hätten. Andere Engpässe in NRW seien nicht bekannt. Probleme gab es anfangs – auch in Arztpraxen – wegen fehlender Schutzkleidung und Desinfektionsmittel, doch inzwischen klappt die Versorgung.

In den Krankenhäusern wurden seit dem Frühjahr neue Behandlungsplätze geschaffen. „Durch die Förderung von Bund und Land konnten wir mehr intensivmedizinische Kapazitäten aufbauen“, sagt Gernot Speck, Sprecher der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW). Nach Ministeriumsangaben wurden bis heute 1502 neue Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit aufgestellt. Damit stehen jetzt in NRW 5610 solcher Betten zur Verfügung – 37 Prozent mehr als vorher. Davon waren am Mittwoch 1505 Betten frei.

Am vergangenen Wochenende überstieg die Zahl der Corona-Patienten aus Nordrhein-Westfalen, die in Krankenhäusern behandelt werden mussten, die 10.000er-Marke. Damit wurden in NRW seit Februar 16,5 Prozent der positiv Getesteten stationär aufgenommen. „Bei ihrer Behandlung stellt der Personalmangel in der Intensivpflege und der Intensivmedizin ein großes Problem dar“, sagt KGNW-Sprecher Speck. Aktuell sind allerdings kaum Corona-Patienten zu versorgen. NRW meldete am Mittwoch 205 stationäre Corona-Kranke, von denen 70 auf Intensivstationen liegen. 56 der 70 werden beatmet.

Die Strategie, planbare Operationen und Untersuchungen zu verschieben, um möglichst viele Betten für schwerkranke Corona-Patienten freizuhalten (die dann nicht kamen), hatte Konsequenzen für andere Patienten, die noch nicht absehbar sind. Ärzte schließen weder eine verkürzte Lebenserwartung noch einen Verschlechterung chronischer Symptome bei einigen Patienten aus, die entweder nicht aufgenommen wurden oder aus Angst vor einer Infektion den Termin selbst absagten – auch bei niedergelassenen Ärzten. Aus dem NRW-Gesundheitsministerium heißt es dazu, man appelliere an die Menschen, Vorsorgeuntersuchungen und andere Arzttermine jetzt wahrzunehmen.

Todesfälle

In NRW werden bisher 1823 Tote mit dem Corona-Virus in Verbindung gebracht, die Kurve flacht sich seit langem ab. Während in den Monaten März, April und Mai insgesamt 1623 Todesfälle mit Corona-Bezug gezählt wurden, kamen in den folgenden drei Monaten Juni, Juli und August nur noch 191 Todesopfer dazu. Im September waren es bisher zwölf Corona-Tote.

Während zur Corona-Hochzeit in der dritten Aprilwoche bundesweit noch sieben Prozent der positiv Getesteten starben, betrug die Quote in der ersten Septemberwoche noch 0,04 Prozent. Das RKI führt das darauf zurück, dass aktuell vor allem junge Menschen erkrankten. So war das Durchschnittsalter der in der vergangenen Woche positiv Getesteten 33 Jahre. Finde das Virus wieder in Altenheime, müsse wieder mit mehr Toten gerechnet werden, heißt es in einer aktuellen Situationsbewertung durch das RKI.

Ein Massensterben wie in anderen Staaten ist bisher ausgeblieben. Vergleicht man alle Sterbefälle in diesem Jahr mit denen der beiden Vorjahre, zeigt sich, dass zwar im April in NRW mehr Menschen starben als im Vergleichsmonat der zwei Jahre davor (2020: 18.047, 2019: 17.069, 2018: 17.552). Doch im Mai waren die Zahlen etwa gleich, und dann sanken sie. Im Juli 2020 registrierte NRW 15.573 Tote. Die Juli-Werte der Vorjahre lagen deutlich darüber (2019: 17.356, 2018: 17.220).

Infektionsgeschehen

In NRW gab es zuletzt neun Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Damit liegt das Land knapp unter dem Bundesdurchschnitt von 9,4 (Sachsen Anhalt meldet 1,8, Bayern 16,3). Mit 17,9 hat Dortmund aktuell die höchste Quote in NRW. Im Kreis Gütersloh, wo es im Juni bei Tönnies den größten Corona-Ausbruchs Deutschlands gab, ist der Wert wieder auf 9,6 gesunken.

Ausblick

205 Corona-Patienten im Krankenhaus bei 17,9 Millionen Einwohnern – für die Landesregierung ist das kein Grund zu einem Kurswechsel, etwa zur Freigabe von Diskotheken oder Stadien. Aus dem Gesundheitsministerium heißt es dazu, man beobachte das Infektionsgeschehen genau und nehme Grundrechtseinschränkungen zurück, wenn die Zahlen das zuließen. Sorge macht dem Ministerium die erwartete Grippesaison. „Wir hoffen, dass die Zahl der Grippekranken wegen der aktuellen Hygienemaßnahmen niedriger sein wird als sonst“, sagt ein Sprecher. Sollten steigende Corona-Infektionszahlen bei alten Menschen und eine Grippe-Epidemie zusammentreffen, könnte das Gesundheitssystem doch an seine Grenzen kommen – und die vielen freien Intensivbetten würden doch noch gebraucht.

 

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