Nach Klassenerhalt
«Kein «Weiter so»»: Werder vor schonungsloser Analyse

Der Klassenerhalt ist geschafft, aber die sportlichen Probleme sind noch nicht gelöst. Werder Bremen steht vor wegweisenden Tagen. Die wichtigste Frage ist: Bleibt Trainer Florian Kohfeldt?

Dienstag, 07.07.2020, 17:25 Uhr aktualisiert: 07.07.2020, 17:28 Uhr
Bremens Trainer Florian Kohfeldt jubelt über den Treffer zum 1:2. Foto: Tom Weller

Bremen (dpa) - Die wohl nervenaufreibendste Saison der eigenen Bundesliga-Geschichte ist für Werder Bremen auch nach der sportlichen Rettung noch nicht vorbei.

Denn in den nächsten Tagen kommen in den Konferenzräumen des Weser-Stadions die großen Fragen auf den Tisch: Wie konnte es passieren, dass einem Europa-League-Kandidaten bis in die Nachspielzeit des zweiten Relegationsspiels beim 1. FC Heidenheim der Zweitliga-Abstieg drohte? Bleibt Florian Kohfeldt der Trainer seines Herzensclubs oder zieht er die Konsequenzen aus der von ihm so bezeichneten «Scheiß-Saison»? Und auch: Wie können die Bremer einen stark renovierungsbedürftigen Kader umbauen, obwohl ihnen dazu wegen der Corona-Krise und ihrer bisherigen Transferpolitik das Geld fehlt?

Kohfeldt selbst richtete den Blick schon kurz nach dem erlösenden 2:2 (1:0) in Heidenheim auf die nun folgende Aufarbeitung. «Es kann kein «Weiter so» geben und es wird kein «Weiter so» geben», sagte der 37-Jährige. Gefragt seien jetzt alle, «die am Profibereich beteiligt sind: die Analyseabteilung, der medizinische Bereich, Trainerteam, Geschäftsführung, auch Öffentlichkeitsarbeit. Das sind alles Themen, die wir besprechen müssen.»

Die drängendste Frage ist allerdings: Wie geht es mit ihm selbst weiter? Kohfeldt unterschrieb erst vor einem Jahr einen bis 2023 gültigen Vertrag in Bremen. Und obwohl vieles, was in dieser Saison schief lief, auch in seinen Verantwortungsbereich fällt, hat sich die Geschäftsführung schon einmal klar positioniert. «Florian hat in dieser Saison gezeigt, dass er auch schwierige Situationen meistern kann. Deshalb gibt es für mich da keine Frage. Ich bin weiter absolut von ihm überzeugt», sagte Sportchef Frank Baumann noch auf der Tribüne der Voith-Arena. «Ich gehe davon aus, dass er auch die Lust hat, den Weg weiterzugehen. Florian hat genug Kraft und Power, um die neue Saison mit aller Überzeugung anzugehen.»

An dieser Überzeugung gibt es allerdings auch Zweifel in Bremen. Der «Weser-Kurier» schrieb von einer «Jaaaa, aber...»-Stimmung bei Kohfeldt, die auch davon beeinflusst sei, dass der Trainer sehr genau um die besseren Arbeitsbedingungen bei anderen Clubs weiß und bei Werder massiv auf Veränderungen drängt.

Dabei geht es zum Beispiel um den medizinischen Bereich. «Wir hatten viele Verletzte, sogar unglaublich viele Verletzte. Das war einer der Hauptgründe für diese Saison», sagte Kohfeldt.

Den längsten Teil der Analyse dürfte allerdings die Kaderplanung einnehmen. Schon die gesamte Saison über zahlten die Bremer den Preis für eine leichtgläubige und auch in diesem Sommer weiter nachwirkende Transferpolitik. Sie ließen ihren einzigen Ausnahmespieler Max Kruse ziehen, ohne ihn auch nur annähernd zu ersetzen. Und sie holten für einen überalterten, verletzungsanfälligen Abwehrverbund einen älteren, verletzungsanfälligen Verteidiger (Ömer Toprak).

Nach dem Verbleib in der Bundesliga muss Werder nun teure Kaufverpflichtungen für die bislang nur ausgeliehenen Toprak, Leonardo Bittencourt und im Falle des erneuten Nicht-Abstiegs 2021 auch Davie Selke eingehen. Das bindet allein in diesem Sommer einen zweistelligen Millionenbetrag, ohne dass der Kader dadurch nur einen Deut jünger, schneller und auch widerstandsfähiger geworden wäre.

In der Konsequenz steht der viermalige deutsche Meister nun vor der Herausforderung, Geld zu sparen und sich gleichzeitig in allen Mannschaftsteilen neu aufstellen zu müssen. Werthaltige Transfereinnahmen sind umgekehrt wohl nur für Milot Rashica und vielleicht auch Ludwig Augustinsson oder Davy Klaassen zu erwarten. An namhaften Spielern wie Claudio Pizarro oder Nuri Sahin wird Werder dagegen nichts mehr verdienen können. Sie haben nach dem Klassenerhalt ihr Karriere- beziehungsweise Vertragsende erreicht.

Entscheidend für den früheren Werder-Manager und -Aufsichtsrats-Chef Willi Lemke ist, dass sich eine solche Saison im Abstiegskampf nicht noch einmal wiederholt. Seine Sorge ist jedoch: «Wir werden bei den Fernseheinnahmen Schwierigkeiten haben. Wir werden sicherlich durch Corona weitere finanzielle Einbußen haben. Und wir sind vorbelastet durch die Ausleihen von Spielern, die jetzt zumindest in zwei Fällen zu Käufen werden.» Diese «Löcher im Etat» seien «für die Geschäftsführung eine schwierige Situation und macht auch die Aufgabe für den Trainer eher schwerer als leichter».

Bis zum Ende dieser Woche sollen die Gespräche zwischen dem Trainer, der Geschäftsführung und dem Aufsichtsrat abgeschlossen sein. Dann wird sich zeigen, ob es in Bremen vielleicht doch noch eine Ära Baumann/Kohfeldt gibt, oder ob diese Saison dafür zu viel Kraft gekostet hat. Ob der Trainer einige Forderungen durchsetzt oder aus dem Aufsichtsrat auch einige kritische Gegenfragen bekommt. «Diese Saison war auf jeden Fall eine gute Schule für ihn», sagte Werder-Legende Ailton in einem Sky-Interview.

© dpa-infocom, dpa:200707-99-697804/11

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