Aktuelle Zahlen lassen in der Region keinen erneuten Shutdown erwarten Was bedeutet die Obergrenze für Ostwestfalen-Lippe?

Bielefeld (WB). Es klingt sinnvoll: In Gegenden mit wenigen Corona-Neuerkrankungen sollen die Menschen demnächst mehr Freiheiten haben als in Regionen, in denen die Zahl der Infizierten deutlich steigt. Und damit die örtlichen Gesundheitsämter wissen, wann sie in ihrem Kreisgebiet zu den schärferen Maßnahmen zurückkehren müssen, die vor dem 20. April galten, haben Politiker nun eine Grenze festgelegt : Ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen soll es wieder weitreichendere Einschränkungen geben.

Von Christian Althoff
Über Lockerungen oder schärfere Regeln sollen nun die örtlichen Gesundheitsämter entscheiden.
Über Lockerungen oder schärfere Regeln sollen nun die örtlichen Gesundheitsämter entscheiden. Foto: dpa

Infektionszahlen müssten sich verdreizehnfachen

Dieser Grenzwert liegt weit vom derzeitigen Infektionsgeschehen entfernt. Die proportional meisten Infizierten in Deutschland gibt es im Moment in Bayern. Hier gab es in den sieben Tagen zwischen dem 29. April und dem 5. Mai 825 Neuinfektionen. Das entspricht 6,4 Neuinfizierten pro 100.000 Bayern.

Die Zahl der Infektionen müsste sich in diesem Bundesland also fast verachtfachen, um den Grenzwert 50 zu erreichen und schärfere Kontaktsperren auszulösen. In Nordrhein-Westfalen lag die Zahl im genannten Zeitraum bei 3,8. Hier müssten sich die Infektionszahlen verdreizehnfachen, bevor schärfere Maßnahmen beschlossen würden.

Ein Blick auf die Region

Allerdings soll die 50er-Grenze ja nicht für Bundesländer gelten, sondern für die einzelnen Kreise und kreisfreien Städte. Ein Blick auf die Corona-Zahlen in Ostwestfalen-Lippe zeigt, dass hier durch den neuen Grenzwert aller Wahrscheinlichkeit nach kurzfristig keine schärferen Kontaktbeschränkungen drohen.

BIELEFELD: Hier gab es in den genannten sieben Tagen sechs Neuinfektionen (1,8 pro 100.000 Bürger). Nach der neuen Grenze müsste das Gesundheitsamt erst ab 187 Neuinfektionen massiv eingreifen.

KREIS GÜTERSLOH: Er meldete in den sieben Tagen acht Neuinfektionen (2,2 pro 100.000 Bürger). Erst ab 182 Neuinfektionen müsste das Gesundheitsamt massiv eingreifen.

KREIS HERFORD: Hier gab es in den genannten sieben Tagen insgesamt neun Neuinfektionen (3,6 pro 100.000 Bürger). Erst ab 125 Neuinfektionen müsste das Gesundheitsamt energisch eingreifen.

KREIS HÖXTER: Der Kreis mit der höchsten Infektionsrate in Ostwestfalen-Lippe (er hatte später als andere mit Coronatests begonnen, was eine Erklärung sein könnte) meldete in den genannten sieben Tagen 26 Neuinfektionen (18,5 pro 100.000 Bürger). Erst ab 71 Neuinfektionen müsste das Gesundheitsamt eingreifen. Der sehr dünn besiedelte Kreis Höxter (117 Menschen pro Quadratkilometer, der Nachbarkreis Paderborn hat 246) hat mit 9,3 Corona-Toten pro 100.000 Einwohner die zweithöchste Quote in Ostwestfalen-Lippe nach dem Kreis Paderborn (9,5).

KREIS LIPPE: Hier gab es in den genannten sieben Tagen 21 Neuinfektionen (sechs pro 100.000 Bürger). Erst ab 174 Neuinfektionen müsste das Gesundheitsamt massiv eingreifen.

KREIS MINDEN-LÜBBECKE: Er meldete in den genannten sieben Tagen insgesamt 13 Neuinfektionen (4,2 pro 100.000 Bürger). Erst ab 155 Neuinfektionen müsste das Gesundheitsamt energisch eingreifen.

KREIS PADERBORN: Hier gab es in den genannten sieben Tagen 14 Neuinfektionen (4,6 pro 100.000 Bürger). Erst ab 182 Neuinfektionen müsste das Gesundheitsamt massiv eingreifen.

Windhorst hält Grenzwert für vertretbar

Ist die 50er-Grenze also zu hoch angesetzt? „Ich halte sie für vertretbar”, sagt Dr. Theodor Windhorst aus Bielefeld, der frühere Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe. „Sie hat offenbar den Zweck, bei einem explosionsartigen Geschehen, bei dem die Zahlen exponentiell in die Höhe schießen, sofort einen Shutdown verhängen zu können, aber eben nur dort vor Ort.” Die Grenze ermögliche die Rückkehr zu einer gewissen Normalität, auch wenn die Zahlen wieder etwas steigen sollten

Dagegen sagt der Molekularbiologe Prof. Dr. Carsten Tiemann, der im Labor Krone in Bad Salzuflen auf die Diagnostik von Infektionserregern spezialisiert ist, er habe sich noch kein Urteil über den Grenzwert gebildet. „Mich treibt nur die Sorge um, dass mit dem Aufheben vieler Beschränkungen auch die Selbstdisziplin vieler Menschen abnimmt und Sicherheitsabstände und selbst auferlegte Kontaktsperren nicht mehr eingehalten werden. Wir haben Corona noch nicht besiegt.”

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