Prof. Hubert Wolf aus Münster darf seit Montag ins Geheimarchiv des Vatikan
„Ein historischer Moment“

Münster (WB). Was hat Papst Pius XII. (1939-1958) vom Holocaust gewusst? Und davon, dass Kriegsverbrecher mit Hilfe des Vatikans nach Südamerika fliehen konnten?

Freitag, 06.03.2020, 04:34 Uhr aktualisiert: 06.03.2020, 05:56 Uhr
Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf von der Uni Münster ist mit sechs Mitarbeitern im Vatikan und erforscht die Geschichte des „Weltkriegspapstes“. Foto: dpa

Der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf (60) von der Universität Münster ist einer der weltweit wenigen Experten, die diesen Fragen seit Montag im Vatikan nachspüren dürfen – und er hat mit seinem sechsköpfigen Team bereits am ersten Tag einen kleinen Sensationsfund gemacht.

Vor einem Jahr hatte der Vatikan erklärt, dass er 2020 das Geheimarchiv zu Pius XII. und sieben weitere Archive öffnen werde – zunächst für 30 Forscher. Anfang Oktober konnten sich Wissenschaftler bewerben, und wenige Tage später hatte der Leibniz-Preisträger Wolf eine Zusage für sich und seine sechs Mitarbeiter, zunächst drei Wochen im Archiv arbeiten zu dürfen. Mitfinanziert wird die Forschung von der Krupp-Stiftung und der Deutschen Bischofskonferenz.

„Lang gehegter Traum“

Montag öffnete sich zum ersten Mal das Papst-Archiv für die Wissenschaftler. „Damit ging so etwas wie ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Wir haben uns jahrzehntelang darauf vorbereitet und in Münster in den letzten zwölf Jahren alle Nuntiaturberichte von Eugenio Pacelli, also dem späteren Papst Pius XII., online ediert.“

Pacelli war von 1920-1929 Apostolischer Nuntius für das Deutsche Reich, also der diplomatische Vertreter des Vatikans. Wolf: „Wir sind zwölf Jahre jeden Tag mit Pacelli umgegangen, und jetzt die Chance zu haben, entscheidende Fragen mit Blick auf den Krieg und die Nachkriegszeit zu beantworten – das ist auch für Historiker ein historischer Moment.”

Eine Flut von Dokumenten

Die Dokumentenflut in den Archiven ist gigantisch. „Niemand weiß, wieviele es sind“, sagt Prof. Wolf. „Wir hören, dass allein im Vatikanischen Archiv 200.000 Schachteln stehen, und in jeder bis zu 1000 Blatt sind. In den anderen Archiven dürften es noch mal so viele sein. Wir reden also von Millionen Blättern. Aber das kann niemand genau wissen, weil die Inventare sehr allgemein sind. Es ist eine gewaltige Menge, und jeder von uns darf pro Tag nur fünf Schachteln bestellen.”

Das Archiv öffnet um 8.30 Uhr. Die sieben Forscher sichten den Inhalt von Schachteln und sind über ihre Laptops vernetzt. „Jeder sieht, was der andere tut.“ Von 17 bis 18 Uhr machen die Historiker eine Pause, und danach wird bis 20 Uhr das Tagewerk ausgewertet: Welche „Probebohrungen“, wie Prof. Wolf es nennt, waren erfolgreich? Welche lagen total daneben? Welche Informationen passen wie ein Puzzle zusammen?

Das Team kann viele Sprachen

Die Dokumente, die die Münsteraner interessieren, seien in der Regel in Latein, auf Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Englisch, Polnisch und Serbokroatisch, sagt der Historiker, dessen Team diese Sprachen abdeckt. Die Wissenschaftler dürfen kein Schriftstück fotografieren. „Jedes Dokument, das uns wichtig erscheint, schreiben wir ab. Bei einem großen Bestand können wir auch ums Scans bitten, aber das muss im Rahmen bleiben.”

Die Frage, wie sich der Heilige Stuhl zur Judenverfolgung gestellt habe – das seien mehrere Teilfragen. „Eine heißt zum Beispiel: Woher kommen die Informationen über das Schreckliche überhaupt? Da haben wir seit Montag schon einige Spuren in den Beständen der Nuntiaturen der Schweiz und Rumäniens gefunden. Auch die Nuntiatur in Berlin ist interessant. Der nächste Punkt wäre: Jetzt hat der Vatikan die Infos, aber glaubt er sie überhaupt? Kann überhaupt jemand glauben, dass die Deutschen fabrikmäßig Millionen von Menschen umbringen? Eine Kulturnation? Wie versucht man, diese Informationen abzusichern? Was wird intern im Vatikan diskutiert? Und dann ist die Frage: Was kann die Kirche überhaupt tun? Hat der Papst tatsächlich überlegt, lauter zu protestieren, als er es gemacht hat? Wie sieht es mit konkreten Hilfsmaßnahmen aus? Wir versuchen, diese internen Abläufe zu rekonstruieren.”

Unerwarteter Fund schon am ersten Tag

Bereits am ersten Tag haben die Münsteraner einen Fund gemacht, mit dem sie nicht gerechnet hatten. „Wir hatten vermutet, dass es für jüdische Organisationen leichter sein würde, in der neutralen Schweiz an den Nuntius heranzukommen oder ihm Post zu schicken, die nicht kontrolliert wurde. Wir haben uns deshalb das, was dieser Nuntius nach Rom weitergeschickt hat, angesehen und drei kleine schwarz-weiß-Fotos gefunden. Auf ihnen sieht man nackte, ausgemergelte Menschen, und ich interpretiere das, was im Hintergrund ist, als ein Massengrab. Man sieht also die Ermordung von Menschen in Polen und der Ukraine. Man hat damals also nicht nur gesagt, dass etwas passiert, sondern sie haben dem Papst auch Fotos geschickt. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Das ist eine richtig deutliche Spur: 1943 war alles klar.”

Die Öffnung dieses Geheimarchivs, sagt Wolf, sei überfällig gewesen. „Papst Benedikt und Johannes Paul II. hatten beide in ihrer Lebensgeschichte Bezüge zum Nationalsozialismus. Benedikt war als Flakhelfer gezwungen, seinen Dienst zu leisten. Und Johannes Paul II. hat mir mal gesagt: Sechs meiner jüdischen Klassenkameraden sind ermordet worden, und wenn Vertreter der Kirche da Schuld auf sich geladen haben, dann müssen die Historiker uns sagen, was da los war.“

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