In den letzten drei Wochen wurden acht Männer in U-Haft genommen – mit Kommentar
250 Polizisten spüren immer mehr Kinderschänder auf

Köln(WB). Etwa 250 Polizisten aus Nordrhein-Westfalen decken derzeit in einem Großverfahren immer mehr Fälle von Kindesmissbrauch auf und retten Kinder vor ihren Peinigern. Bis Dienstag waren zwölf Opfer identifiziert, acht Männer sitzen in Untersuchungshaft.

Mittwoch, 13.11.2019, 09:26 Uhr aktualisiert: 13.11.2019, 09:28 Uhr
Am 31. Oktober informierten Staatsanwaltschaft und Polizei in Köln über das neue, große Kindesmissbrauchsverfahren in Nordrhein-Westfalen. Die Polizei übertrug die Pressekonferenz mit zwei Handys live ins Internet. Foto: dpa

Es war eine Mitteilung, wie es sie hundertfach gibt, die eine Lawine lostrat: Die Staatsanwaltschaft Kassel war in einer Ermittlungsverfahren wegen sogenannter Kinderpornos auf Jörg L. (42) aus Bergisch Gladbach gestoßen und hatte die Staatsanwaltschaft Köln informiert.

Bei der Durchsuchung am 21. Oktober fanden Polizisten drei Terabyte Daten.  Eine erste Auswertung ergab, dass der Mann nicht nur bekannte Kinderpornofotos besaß. Es gab auch Hinweise auf den Missbrauch seiner Tochter. Jörg L. soll die Taten gefilmt und verbreitet haben. Möglicherweise hatten in einem Chat 1800 Personen Zugriff auf die Bilder.

Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer aus Köln: »Die Handyauswertung bei dem Mann führte uns zu einem Verdächtigen in Krefeld. Der machte Angaben zu einem Mann in Viersen. Und als wir bei dem durchsucht haben, ergab das Hinweise auf weitere Täter.« Man könne deshalb nicht von einem Kinderschändernetz sprechen, sagte Bremer. Es habe wohl nicht jeder jeden gekannt.

Schwerer Kindesmissbrauch

Das Polizeipräsidium Köln ist die Kopfstelle der Ermittlungen in NRW. Ihm untergeordnet wurden für diesen Fall die Polizeipräsidien, in deren Zuständigkeitsbereich die Beschuldigten wohnen: Aachen, Mönchengladbach, Duisburg, Düsseldorf, Krefeld und Dortmund. Außerhalb Nordrhein-Westfalens gibt es Ermittlungen gegen einen Mann aus Hessen.

»Der Vorwurf lautet in den meisten Fällen schwerer Kindesmissbrauch«, sagt Oberstaatsanwalt Bremer. Zum Teil seien eigene Kinder missbraucht worden, zum Teil fremde – Mädchen und Jungen. »Das jüngste uns bekannte Opfer ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Das älteste elf.«

Konsequenz aus dem Fall Lügde

Die Kripo erwartet, bei der Auswertung weitere Opfer zu finden. Kölns Polizeisprecher Wolfgang Baldes: »Wir hatten am Freitag eine Telefonkonferenz mit dem Bundeskriminalamt und den Landeskriminalämtern, um sie auf den aktuellen Stand zu bringen und sie darauf vorzubereiten, dass da noch mehr kommen könnte.«

Bei der Auswertung der sichergestellten Handys, Speicherkarten, USB-Sticks und Festplatten werden die Polizeibehörden nach einem neuen Konzept unterstützt, das das Innenministerium als Konsequenz aus dem Fall Lügde eingeführt hatte. Die sichergestellten Datenträger werden in den Behörden kopiert, Experten nennen das spiegeln.

Unter großem Zeitdruck

Der Originalträger bleibt als Beweisstück in der Behörde, die Kopie wird zum Landeskriminalamt geschickt. Dort werden die Kinderpornofotos und Videos herausgefiltert, die bereits polizeibekannt sind. Das übrige Material geht zurück zu den Ermittlern vor Ort. Für diese Aufgabe hatte das Land die entsprechende Abteilung im LKA im Sommer aufgestockt und 14 Kinderporno-Auswerter und zehn IT-Spezialisten eingestellt.

Weil möglicherweise in diesem Moment noch Kinder missbraucht werden, steht die Polizei bei der Auswertung unter großem Zeitdruck und arbeitet auch an den Wochenenden. Seelsorger Dietrich Bredt-Dehnen betreut Kinderporno-Auswerter beim Landeskriminalamt. In einem Interview mit der »Rheinischen Post« sagte er: »Die Tonspur ist für die meisten kaum auszuhalten. Man kennt das aus Filmen. Schreiende oder weinende Stimmen können einen stark mitnehmen. So ist das hier auch. Die Bilder zu sehen ist eine Sache. Aber die Tonspur belastet die Ermittler stark.«

Kommentar von Christian Althoff

Die Ermittlungen unter Leitung der Kölner Polizei zeigen, wie wichtig es war, dass NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) die sogenannte Kinderpornografie und den Kindesmissbrauch per Erlass zu einem Schwerpunkt der Polizeiarbeit gemacht hat. Alle paar Tage erhöhen die Kölner nun die Zahlen der Opfer und der Beschuldigten, weil sie immer mehr Verbrechen aufdecken.

Dabei war es »nur« ein Verdacht auf Kinderpornobesitz, der die Ermittlungen ausgelöst hatte – ein Verdacht, dem viele Polizisten vor Reuls Initiative mit wenig Biss nachgegangen waren, weil sich vermeintlich wichtigere Fälle auf ihren Schreibtischen türmten. Doch der aktuelle Fall zeigt: Wo Kinderpornos sind, ist der Missbrauch nicht weit. Nur schade, dass es erst den Fall Lügde brauchte, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.

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