Suhl im Thüringer Wald
Wo die Alten leben

Etwa jeder Fünfte in Deutschland ist im Rentenalter. Doch die Generation 65+ lebt nicht gleich verteilt. Was macht es mit Regionen, wenn dort viele Alte wohnen?

Dienstag, 02.03.2021, 08:32 Uhr aktualisiert: 02.03.2021, 08:34 Uhr
Ein Mann und eine Frau sitzen in der Innenstadt auf einer Bank im thüringischen Suhl. Foto: Michael Reichel

Berlin (dpa) - Zehn Jahre, genauer zehn Jahre und fast fünf Monate - so weit liegt das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Heidelberg am Neckar und Suhl im Thüringer Wald auseinander.

Suhl ist unter den Landkreisen und kreisfreien Orten in Deutschland der älteste, Heidelberg der jüngste. Zunächst mag es nebensächlich erscheinen, ob die Bürger in einem Ort im Schnitt mehr als 50 oder nur etwas über 40 Jahre alt sind. Doch diese Zahlen erzählen von einem Teufelskreis zwischen wirtschaftlichem Niedergang und der Flucht junger Leute - und stellen so manche Kommune vor enorme Herausforderungen.

Schon seit Jahren deutet sich an: Deutschland wird mehr und mehr ein Land der Alten. Selbst die jungen Zuwanderer aus dem Ausland konnten diesen Trend zuletzt kaum aufhalten. Auf der Alterskarte der Bundesrepublik sieht man dabei noch immer ganz genau, wo einst die deutsch-deutsche Grenze verlief.

In Suhl und in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) war Ende 2019 fast jeder dritte Einwohner im Rentenalter, auch im Altenburger Land und im Vogtlandkreis sah es nicht viel besser aus. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor, die das Innenministerium für die Sozialexpertin der Linken, Sabine Zimmermann, zusammengestellt hat. In Frankfurt am Main, in Freising am Münchner Flughafen und auch im ländlichen Landkreis Vechta in Niedersachsen war dagegen gerade einmal jeder sechste oder siebte 65 Jahre alt oder älter.

Woher kommen die großen regionalen Unterschiede? Und was macht es mit einer Region, wenn jeder dritte Bewohner Rentner ist?

Steffen Maretzke vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung blickt zur Erklärung der Altersunterschiede rund 30 Jahre zurück: Nach der Wiedervereinigung gingen in den ostdeutschen Regionen die Geburtenzahlen flächendeckend zurück, gleichzeitig wanderten junge Leute auf der Suche nach Arbeit und einer besseren Zukunftsperspektive Richtung Westen ab. Inzwischen gebe es in den strukturstärkeren Regionen rund um Dresden, Leipzig, Jena und Potsdam zwar wieder Wachstum - aber eben nur dort, wo die Wirtschaft brumme. Tatsächlich zogen laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zuletzt genau so viele Menschen in die ostdeutschen Flächenländer wie von dort in westdeutsche Länder.

Alles weist darauf hin, dass die Quote der Alten in einer Region stark mit ihrer Strukturstärke zusammenhängt - mit der Ansiedlung großer Unternehmen, mit Hochschulen. Am geringsten war die Quote der Generation Ü65 in den vergangenen Jahren in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin. Generell ziehen große Städte eher die jungen Leute an. Aber auch in Baden-Württemberg und in Bayern, Ländern mit vielen Dax-Unternehmen, vielen gut bezahlten Arbeitsplätzen, leben vergleichsweise wenige Rentner. Am höchsten dagegen ist die Quote in Sachsen-Anhalt, gefolgt von Sachsen und Thüringen.

Dass die Menschen in ländlichen Gegenden generell älter seien als in den Städten kann man so einfach aber nicht behaupten. Beispiel Vechta: In der katholisch geprägten Region sei das Geburtenniveau überdurchschnittlich hoch, sagt Maretzke. Viele Bürger leben in kleinen Orten, Dörfern mit viel Platz für Eigenheime und Kinder. Zugleich sei die Wirtschaftsstruktur «nicht so schlecht».

Heidelberg, Vechta, Suhl oder das Vogtland - die unterschiedliche Altersstruktur kann die Politik nicht ignorieren. Da geht es um mehr als ein paar Kindergärten hier und Altenheime dort. «Die Alterung der Gesellschaft und das Leben im höheren Alter bestreiten zu können, ist die zentrale Frage für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung, in Ostdeutschland in besonderem Maße», mahnt Zimmermann, die auch Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Bundestag ist.

Die Aufgaben des Staates reichten von barrierefreien Gehwegen über mehr Busse und Arztpraxen bis hin zu kommunalen Wohnungen ohne viele Treppen und mit breiten Türen für Rollatoren. Derzeit sei Barrierefreiheit vielerorts die Ausnahme und nicht die Regel, kritisiert Zimmermann. «Hier müssen alle staatlichen Ebenen deutlich mehr tun.» Vor allem müsse der Bund mehr Geld bereitstellen.

Maretzke nennt zu allererst die Wirtschaft: In strukturschwachen Regionen würden selbst für gute Jobs noch immer niedrigere Löhne gezahlt. Deswegen gebe es weniger Innovationen und einen steigenden Fachkräftemangel. In den «alten» Regionen sinke sogar die Arbeitslosenquote - «weil immer weniger Leute arbeiten».

Ältere Menschen seien zudem stärker als jüngere auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und generell weniger mobil - doch Busse und Bahnen fahren in den schrumpfenden Städten nur selten. Das macht den Weg zum Einkaufen und vor allem zum Arzt schwierig, den ältere Leute häufiger antreten müssen als junge. In Regionen mit vielen Alten reiche es eben nicht aus, wenn der nächste Arzt im Nachbarort praktiziere, meint Maretzke. Beim medizinischen Versorgungsschlüssel müsse die Altersstruktur berücksichtigt werden, müssten mehr Ärzte pro Einwohner zugelassen werden.

Aus dem Teufelskreis des wirtschaftlichen Niedergangs und der Abwanderung herauszukommen, funktioniert nach Einschätzung von Maretzke und Zimmermann nur mit mehr staatlicher Unterstützung. Gleichwertige Lebensverhältnisse müssten das Ziel sein, dann gleiche sich auch die Altersstruktur automatisch aus. Noch aber gebe es zu viele «Regionen, in denen sich einfach das Elend konzentriert».

© dpa-infocom, dpa:210302-99-650467/3

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