Großstädte im Fokus
Gerät die Corona-Ausbreitung außer Kontrolle?

Bei den Corona-Neuinfektionen in Deutschland gibt es eine rasante Entwicklung. Der Bundesgesundheitsminister und andere warnen: Die Lage könnte außer Kontrolle geraten - vor allem in Großstädten. Das ruft auch die Bundeskanzlerin auf den Plan.

Donnerstag, 08.10.2020, 21:29 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 21:32 Uhr
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zusammen mit RKI-Leiter Lothar Wieler. Spahn mahnt insbesondere die Jungen, sich nicht für unverletzlich zu halten. Foto: Tobias Schwarz

Berlin (dpa) - Sprunghaft steigende Corona-Infektionszahlen in Deutschland alarmieren die Bundesregierung und Wissenschaftler. Dabei rückt zunehmend die Entwicklung in den Großstädten in den Fokus. Gesundheitsminister Jens Spahn rief am Donnerstag zu Wachsamkeit und raschem Gegensteuern vor Ort auf, um die Lage im Griff zu behalten.

Der jüngste Anstieg auf mehr als 4000 Neuinfektionen binnen eines Tages sei besorgniserregend, sagte der CDU-Politiker in Berlin. Der Präsident des bundeseigenen Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, warnte: «Es ist möglich, dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet.» Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) sieht bereits den Beginn einer sogenannten zweiten Welle.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will trotzdem einen zweiten Lockdown vermeiden. «Ich möchte nicht, dass sich eine Situation wie im Frühjahr wiederholt», sagte sie bei einer Vollversammlung des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Der Lockdown sei für die Bevölkerung ein folgenschwerer Einschnitt gewesen.

Wie das RKI am Donnerstag mitteilte, meldeten die Gesundheitsämter 4058 neue Corona-Infektionen in den vorherigen 24 Stunden. Das sind gut 1200 mehr als am Mittwoch, als mit 2828 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert seit April gemeldet worden war. Höher war der Stand zuletzt in der ersten Aprilwoche gewesen. Auch rings um Deutschland steigen die Infektionszahlen wieder stark an.

Als ein Schlüssel in Deutschland wird die Entwicklung in den Großstädten angesehen. In der Hauptstadt Berlin und in anderen Städten hat die sogenannte 7-Tage-Inzidenz den kritischen 50er-Wert bereits überschritten. In Berlin sprang der Wert am Donnerstag auf 52,8. Zuvor war er nur in einigen Stadtbezirken über der Grenze von 50 gelegen. In Frankfurt am Main schnellte der Wert am Donnerstag sogar auf 59,1 hoch.

Merkel will mit den Oberbürgermeistern und Bürgermeistern der elf größten deutschen Städte an diesem Freitag in einer Videokonferenz die Lage beraten. Sie werde sich über die Corona-Lage und die vor Ort eingeleiteten Maßnahmen informieren, sagte ein Regierungssprecher.

Kanzleramtschef Braun sagte im «Frühstart» von RTL/ntv, man sehe in einigen Großstädten nicht nur, dass der wichtige 50er-Grenzwert überschritten werde, sondern auch, dass die Zahlen sehr schnell anstiegen. «Das heißt, dass die Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern möglicherweise an einigen Stellen nicht mehr funktioniert, und das ist der klassische Beginn einer zweiten Welle.» Über diese Regionen müsse man die Kontrolle zurückgewinnen. Dabei müsse auch wieder über Kontaktbeschränkungen nachgedacht werden.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) warnte am Donnerstag im ZDF-«Morgenmagazin», einige Städte wie Berlin «stehen kurz davor, die Kontrolle zu verlieren». Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hatte bereits am Mittwoch im ZDF-«Morgenmagazin» gesagt: «Die Pandemie wird in den Metropolen entschieden.»

Gesundheitsminister Spahn betonte am Donnerstag, es gelte zu verhindern, dass es mit schnelleren Zuwächsen zu einem Moment komme, «wo wir die Kontrolle verlieren». Er sagte zugleich: «Da sind wir noch nicht.» Es komme nun auf die Balance aus Zuversicht und Achtsamkeit an. Dies betreffe auch alle Bürger - beim Einhalten von Schutzregeln wie Abstand und Masken sowie Vorsicht bei Feiern.

«Es liegt an uns allen, ob wir es schaffen», sagte Spahn. «Wenn 80 Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig.» Diese Pandemie sei auch «ein Charaktertest für uns als Gesellschaft», der nur gemeinsam zu bestehen sei. In der kalten Jahreszeit komme es ergänzend aufs Lüften und ein breites Nutzen der Corona-Warn-App an. Es gebe inzwischen mehr Wissen und Instrumente für den Kampf gegen das Virus. Die Zahl der Todesfälle und Intensivpatienten in den Kliniken sei momentan nach wie vor vergleichsweise niedrig.

RKI-Präsident Wieler, betonte: «Die aktuelle Situation beunruhigt mich sehr.» Man könne nicht wissen, wie sich die Lage in den nächsten Wochen entwickeln werde. «Es ist möglich, dass wir mehr als 10.000 neue Fälle pro Tag sehen.» Er hoffe aber, dass sich ein Niveau halten lasse, mit dem man umgehen könne. Ziel sei es, so wenige Infektionen wie möglich zuzulassen. Dann werde das Gesundheitssystem nicht überlastet, und nur dann verhindere man viele schwere Verläufe.

Spahn erläuterte, derzeit steckten sich vor allem jüngere Menschen an - aber nicht nur. Gerade sie hielten sich oft für unverletzlich. «Das sind sie aber nicht.» Covid-19 sei weiter eine ernsthafte Erkrankung.

Spahn äußerte Verständnis für Corona-Vorgaben bei Urlaubsreisen innerhalb Deutschlands im Herbst. Wichtig für die Akzeptanz sei aber ein möglichst einheitlicher Rahmen der Länder. Entscheidend sei eine rasche Eindämmung von Ausbrüchen in betroffenen Kommunen. Dies sei «die viel bessere Variante» als Beherbergungsverbote in der Folge.

Die Länder hatten am Mittwoch mehrheitlich beschlossen, dass Reisende aus Gebieten mit sehr hohen Infektionszahlen nur dann beherbergt werden dürfen, wenn sie einen höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test haben. Greifen soll dies für Reisende aus Gebieten mit mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen.

Spahn bekräftigte, dass ab Mitte Oktober auch Schnelltests eingesetzt werden sollen, vor allem in Pflegeheimen und Kliniken. Durch eine Bundesbeteiligung an Verträgen seien vorerst bis zu neun Millionen Schnelltests pro Monat für den deutschen Markt gesichert.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek bleibt bei ihrer Einschätzung, dass Corona-Impfstoffe für breite Teile der Bevölkerung bis Mitte 2021 zur Verfügung stehen könnten. «Die Forschung ist im Moment gigantisch schnell», sagte die CDU-Politikerin in Berlin.

In mehreren Nachbarländern Deutschlands verzeichnen die Behörden so viele Neuinfektionen binnen eines Tages wie nie zuvor. Polen meldete am Donnerstag 4280 neue Fälle, nachdem erst am Vortag erstmals die 3000er-Marke überschritten worden war. Das Land führt daher erneut eine generelle Maskenpflicht in der Öffentlichkeit ein.

In Tschechien kamen am Mittwoch 5335 Fälle hinzu. Die Regierung von Ministerpräsident Andrej Babis plant ein Maßnahmenpaket, in der Diskussion ist unter anderem eine komplette Schließung der Theater und Kinos. Und in Österreich wurden mit 1209 Neuinfektionen erstmals die Spitzenwerte aus der Hochphase der Pandemie im Frühjahr überstiegen - wobei Gesundheitsminister Rudolf Anschober darauf hinwies, dass deutlich mehr getestet werde als damals.

Die Pariser Gesundheitsbehörden rechnen mit einem Zustrom von Covid-19-Patienten in die Krankenhäuser. Daher wurde ein Notfallplan aktiviert, mit dem Kliniken nicht dringende Operationen verschieben können. In Frankreich war bereits am Mittwochabend ein neuer Höchstwert an Neuinfektionen verkündet worden - mit 18 746 Fällen innerhalb eines Tages.

© dpa-infocom, dpa:201008-99-875612/7

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