Söldner aus Kriegsgebieten?
Konflikt in Berg-Karabach: Armenien meldet heftige Gefechte

Groß ist die Sorge, dass im Südkaukasus islamistische Terroristen kämpfen könnten. Der aserbaidschanische Präsident nimmt dazu Stellung - und macht wenig Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts.

Samstag, 03.10.2020, 15:31 Uhr
Das Videostandbild, das vom aserbaidschanischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellt wurde, zeigt den Angriff auf ein Lager der armenischen Armee in Berg-Karabach. Foto: Uncredited

Baku/Eriwan (dpa) - Ungeachtet internationaler Appelle zu einer Waffenruhe in der Konfliktregion Berg-Karabach gehen die Kämpfe weiter. Beide Seiten berichteten am Samstag von schweren Gefechten.

Nach Darstellung Armeniens rückten Truppen des Nachbarlandes aus nördlicher und südlicher Richtung «mit starken Einheiten» in der Region vor. Das Verteidigungsministerium in Eriwan sprach von «heftigen Kämpfen». Das Verteidigungsministerium in Baku wiederum teilte mit, die Stadt Terter und mehrere Dörfer auf eigenem Gebiet seien von gegnerischen Streitkräften beschossen worden.

Zu neuen Opferzahlen wurde zunächst nichts bekannt. Bislang sind bei den Kämpfen im Südkaukasus nach armenischen Angaben in Berg-Karabach deutlich mehr als 200 Menschen getötet worden. Zu diesen Angaben gab es allerdings abweichende Informationen. Aserbaidschan zählte zuletzt nach eigenen Angaben 19 tote Zivilisten und 60 Verletzte.

Seit fast einer Woche liefern sich die beiden verfeindeten Staaten schwere Gefechte in dem von Armenien kontrollierten Gebiet in Aserbaidschan. Diese gehen weit über die Scharmützel hinaus, die es zuletzt immer wieder in der Region gab. Beide Seiten schieben sich gegenseitig die Verantwortung für die neuerliche Eskalation zu.

Nach armenischer Darstellung hat Aserbaidschan weitere Kräfte in das Konfliktgebiet hinzugezogen. Baku bestätigte dies zunächst nicht. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev teilte nach einem Telefonat mit seinem französischen Kollegen Emmanuel Macron mit, seine Armee habe besetzte Gebiete befreit. Zugleich warf er dem Nachbarland vor, die Verhandlungen über die Beilegung des Konflikts zu behindern.

Aus Kreisen des Élysée-Palastes in Paris hieß es, Macron habe bei dem Gespräch erneut zu einer Waffenruhe aufgerufen. Es müsse dafür gesorgt werden, dass die Verhandlungen unter dem Dach der sogenannten Minsk-Gruppe der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OSZE) wiederaufgenommen werden, forderte Macron. Dabei vermitteln Frankreich, Russland und die USA in dem jahrzehntealten Konflikt zwischen den beiden Ex-Sowjetrepubliken.

International wächst die Sorge vor einem Flächenbrand mit Beteiligung islamistischer Terroristen aus Syrien und Libyen. Armenien hatte der Türkei zuvor vorgeworfen, Tausende Söldner aus den Kriegsgebieten in Syrien und Libyen in den Südkaukasus verlagert zu haben. Auch Russland hatte von plausiblen Hinweisen darauf gesprochen.

«Das sind Falschnachrichten», sagte Aliyev dazu in einem Interview mit dem Fernsehsender Al-Dschasira. Es sollten Beweise vorgelegt werden. Es gebe keinen einzigen Beweis für ausländische Kämpfer in Aserbaidschan. «Was wir machen, machen wir selbst», meinte der Präsident. Auch die Türkei sei nicht in den Konflikt verwickelt.

Die Türkei steht in dem Konflikt auf der Seite Aserbaidschans, während Armenien Russland als Schutzmacht sieht. Die beiden Länder kämpfen seit Jahrzehnten um die bergige Region, in der rund 145 000 Menschen leben. Berg-Karabach wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan.

In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Es wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Seit 1994 gilt eine brüchige Waffenruhe. Diese könne aber nicht einseitig erreicht werden, meinte der aserbaidschanische Präsident. «Wir mussten uns verteidigen», behauptete er in Richtung Armenien.

Aliyev bezeichnete Verhandlungen mit dem armenischen Regierungschef Nikol Paschinjan als sinnlos und forderte die unverzügliche Rückgabe der Region. Er sagte: «Wir haben keine Zeit, noch weitere 30 Jahre zu warten. Der Konflikt muss jetzt gelöst werden.»

Unterdessen traf sich der Präsident von Berg-Karabach, Araik Arutjunjan, nach eigenen Angaben an der Front mit Soldaten. Dort werde er mehr gebraucht als «hinten», schrieb er bei Facebook. «Wir werden unser Heimatland mit Ehre verteidigen.»

© dpa-infocom, dpa:201003-99-807726/4

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