Debatte um Polizeigewalt
Bruder Floyds: Tod von George darf nicht umsonst sein

Wie viel ist das Leben eines Schwarzen wert? Das fragt George Floyds Bruder in Washington und fordert nach dessen Beisetzung Gerechtigkeit - die Diskussion über eine Reform der Polizei hält derweil an. Und einzelne Städte wagen sich an radikalere Pläne.

Mittwoch, 10.06.2020, 19:22 Uhr aktualisiert: 10.06.2020, 19:24 Uhr
Philonise Floyd, ein Bruder von George Floyd, trifft in Capitol Hill ein, um für eine Anhörung auszusagen. Foto: Michael Reynolds

Washington (dpa) - Nach der Beisetzung von George Floyd hat dessen Bruder die Politik zum Handeln gegen Polizeigewalt und Rassismus aufgefordert.

«Es liegt an Ihnen, sicherzustellen, dass sein Tod nicht umsonst ist», sagte Philonise Floyd in einer emotionalen Ansprache vor dem Justizausschuss des US-Repräsentantenhauses am Mittwoch in Washington. Derweil gingen in den USA die Proteste genauso weiter wie die Diskussion über die Zukunft der Polizei. Der Polizeichef von Minneapolis - wo Floyd am 25. Mai bei seiner Festnahme getötet worden war - versprach umfangreiche Reformen.

Floyd berichtete den Abgeordneten von großer Trauer. «Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Art von Schmerz man fühlt, wenn man so etwas sieht. Wenn man seinen großen Bruder beobachtet, zu dem man sein ganzes Leben lang aufgeschaut hat, wie er stirbt. Stirbt und dabei nach seiner Mutter ruft.» Sein Bruder sei ein freundlicher, milder und respektvoller Mann gewesen. «Der Mann, der ihm das Leben nahm, der ihn acht Minuten und 46 Sekunden erstickte - er (Floyd) hat ihn noch immer «Sir» genannt, als er ihn um sein Leben anflehte.»

Floyds Tod bei dem Polizeieinsatz in Minneapolis wegen eines angeblichen falschen 20-Dollar-Scheins Ende Mai hat Massenproteste gegen systematischen Rassismus und Polizeigewalt im ganzen Land ausgelöst. Ein weißer Polizeibeamter hatte ihm sein Knie in den Nacken gedrückt, so dass er keine Luft mehr bekam. Der Polizist und drei beteiligte Kollegen wurden entlassen, festgenommen und angeklagt.

Am Dienstag hatten Hunderte Menschen in Houston (Texas) mit einer kämpferischen Trauerfeier Abschied von Floyd genommen. «Wenn wir dich heute zur Ruhe legen, wird die Bewegung nicht ruhen, bis wir Gerechtigkeit bekommen. Bis wir einen Standard an Gerechtigkeit haben», sagte der prominente Bürgerrechtler Al Sharpton. «Wir werden weiter kämpfen.» Er forderte, die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Der designierte demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden rief mit einer Videobotschaft, die in der Kirche übertragen wurde, zur Überwindung von Rassismus auf. «Wir können die Wunden dieser Nation heilen», sagte der ehemalige Vizepräsident. In einem Meinungsartikel für die Zeitung «USA Today» sprach er sich dagegen aus, der Polizei - wie von vielen Demonstranten gefordert - die Finanzierung zu kürzen und die Gelder umzuverteilen.

«Die bessere Antwort besteht darin, den Polizeibehörden die Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die sie für die Umsetzung sinnvoller Reformen benötigen» und weitere Finanzierung von der Umsetzung der Reformen abhängig zu machen. Zu den Forderungen gehören unter anderem das Verbot von Würgegriffen, die konsequente Verfolgung von Verbrechen durch Polizisten und verbessertes Training der Beamten in Bezug auf ethnische und religiöse Vorurteile.

Der Tod Floyds hat nicht nur Großdemonstrationen ausgelöst, sondern auch eine breite Debatte über Polizeireformen in den USA. Die Bürgermeister von Los Angeles und New York kündigten bereits an, der Polizei Gelder streichen zu wollen, um sie anderweitig einzusetzen. Der Stadtrat von Minneapolis beschloss die Auflösung der örtlichen Polizei. Führende Demokraten im Kongress wollen dagegen tiefgreifende Reformen durchsetzen, um den Machtmissbrauch von Beamten zu stoppen.

Der Polizeichef von Minneapolis, Medaria Arradondo, sagte am Mittwoch, dass er in einem ersten Schritt sicherstellen wolle, dass Polizisten bei Fehlverhalten leichter entlassen werden könnten. Gegen den weißen Polizisten, der Floyd sein Knie in den Nacken gedrückt hatte, waren US-Medienberichten zufolge 17 Beschwerden in seinen fast 20 Dienstjahren eingereicht worden. «Es wird viele weitere Reformen geben», sagte Arradondo. «Es wird Zeit kosten, und es wird harte Arbeit werden.»

Am Sonntag hatte eine Mehrheit des Stadtrats in Minneapolis dafür plädiert, die örtliche Polizei durch eine neue Organisation für öffentliche Sicherheit abzulösen. Der Bürgermeister der Stadt, Jacob Frey, hatte sich am Samstag gegen eine Abwicklung der örtlichen Polizei ausgesprochen und für Reformen geworben. Arradondo sagte, natürlich könnten gewählte Vertreter solche Diskussion führen. «Aber bis es einen robusten Plan gibt, der die Sicherheit der Einwohner garantiert, werde ich sie nicht im Stich lassen.»

US-Präsident Donald Trump ist strikter Gegner einer Kürzung von Mitteln für die Polizei und wirbt stattdessen bei jeder Gelegenheit für «Recht und Ordnung». Er hat Floyds Tod mehrfach verurteilt und das Recht auf friedliche Demonstrationen betont. Ihm wird jedoch vorgeworfen, sich nicht klar gegen Rassismus zu positionieren und nicht genug Verständnis für den Zorn über Diskriminierung zu zeigen. Die Proteste hat Trump bislang vor allem unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit kommentiert.

Floyds Leichnam war nach der Trauerfeier in Houston am Dienstagabend (Ortszeit) in der Nachbarstadt Pearland unter Ausschluss der Öffentlichkeit neben dem Grab seiner Mutter beigesetzt worden. Der Sarg wurde auf der letzten Meile in einer weißen Pferdekutsche transportiert. Das Eintreffen des Trauerzugs am Friedhof verfolgten zahlreiche Menschen am Straßenrand.

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