Viel Widersprüchliches in der neuen Corona-Schutzverordnung
Ist ein Horn gefährlicher als ein Saxophon?

Düsseldorf (WB). Seien Sie froh, wenn Sie Saxophon oder Klarinette spielen und nicht Trompete, Posaune oder Horn. Denn dann sind Sie beim Musizieren von einigen Auflagen der neuen Corona-Schutzverordnung befreit. Das ist kein Witz – und es gibt noch mehr Widersprüchliches in den aktuellen Bestimmungen, die von Samstag an gelten.

Freitag, 29.05.2020, 03:14 Uhr aktualisiert: 29.05.2020, 05:01 Uhr
Wer ein Horn wie dieses spielt, muss den Schalltrichter während des Spielens abdecken und das Kondenswasser mit Einmaltüchern auffangen. Entsprechende Corona-Vorschriften für Saxophon-Spieler sieht das Land NRW nicht vor. Foto: dpa

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat zu ihrer Schutzverordnung eine 15 Seiten lange Anlage mit Hygiene- und Infektionsstandards veröffentlicht, die viele Lebensbereiche betreffen – von der Teilnahme an Busreisen bis zum Besuch eines Fitnessstudios. Im Abschnitt XII ist geregelt, wie Musiker und Sänger sich verhalten sollen.

Dort heißt es, Kondenswasser, das in Blechblasin­strumenten entstehe, sei als potenziell infektiös anzusehen und müsse mit Einmaltüchern aufgefangen werden. Außerdem sei bei Blechblasinstrumenten „zur Vermeidung der Verbreitung von Aerosolen” über den Instrumentenklappen und dem Schalltrichter „ein Schutz aus dichtgewebten Seidentüchern oder transparentem Material” (warum transparent?) zu verwenden.

Ob mit Absicht oder in Unkenntnis: Das Gesundheitsministerium spricht ausschließlich von Blechblasinstrumenten, und das sind zum Beispiel Trompeten, Posaunen und Hörner.

Keine Rede von Holzblasinstrumenten

Keine Erwähnung in den Hygieneanweisungen finden die sogenannten Holzblasinstrumente wie Saxophon, Klarinette, Oboe, Fagott und Querflöte. Dabei haben sie erheblich mehr Öffnungen als Blechblasinstrumente, durch die Aerosole austreten können.

Friedrich von Plettenberg, Sprecher der Hochschule für Musik in Detmold: „Als Blechblasinstrumente gelten solche, bei denen das Mundstück aus Metall ist. Bei Holzblasinstrumenten ist das Mundstück aus einem Rohrblatt oder aus Holz – auch wenn das übrige Instrument, wie ein Saxophon, aus Metall sein kann.” Eine Ausnahme seien Querflöten: Weil sie früher aus Holz gewesen seien, zähle man sie heute trotz ihres Metallmundstücks ebenfalls zu den Holzblasinstrumenten.

Buffets ja, offene Getränkespender nein

Die vom Land veröffentlichten Hygienestandards werfen noch weitere Fragen auf: In Beherbergungsbetrieben, Freibädern und Fitnessstudios ist die Selbstbedienung der Gäste „an offenen Getränkespendern” (Karaffen?) verboten, während in der Gastronomie von Samstag an wieder Selbstbedienungsbuffets erlaubt sind – wenn die Gäste sich vor jeder Nutzung die Hände desinfizieren und einen Mund-Nase-Schutz tragen.

An anderer Stelle schreibt das Gesundheitsministerium, dass in Restaurants die Gänge zum Toilettenraum so breit sein müssen, dass der Mindestabstand von 1,50 Metern eingehalten werden kann. Aber wenn sie schmaler sind, ist das offenbar auch nicht schlimm: „Soweit dies baulich nicht sichergestellt werden kann, sind Abweichungen flexibel zulässig”, heißt es im nächsten Satz.

Verschiedene Regeln für den Mund-Nasen-Schutz

Für die Beschäftigten von Beherbergungsbetrieben fordert das Land, wiederverwendbare Mund-Nasen-Masken „vor der nächsten Benutzung” mit 60 Grad zu waschen. Aber kein Wort dazu, wann eine Benutzung endet und die neue beginnt. Auch in der Gastronomie ist für die Mitarbeiter der Mund-Nasen-Schutz-Pflicht, in Fitnessstudios dürfen Trainer jedoch darauf verzichten „wenn das zur Ausübung ihrer Tätigkeit erforderlich ist”.

Bei Konzerten und Aufführungen in Theatern, Opern- und Konzerthäusern, Kinos und anderen öffentlichen oder privaten Einrichtungen verlangt das Land Mund-Nasen-Schutz und mindestens 1,5 Meter Abstand zwischen den Besuchern. Dagegen dürfen Fahrgäste in Reisebussen nebeneinander sitzen, wenn die Fahrgastzahl den Mindestabstand von 1,50 Metern unmöglich macht und die Reisenden Masken tragen.

Für Jugendfreizeiten gilt, dass nur jene Kinder und Jugendliche, die in einem Zimmer untergebracht sind, die Sanitärräume gleichzeitig nutzen dürfen. Für Sanitäranlagen auf Campingplätzen gibt es eine solche Beschränkung nicht.

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