Panikkäufe in Istanbul
Ausgangsverbot in 31 türkischen Städten

Die türkische Regierung hatte bisher auf größere Ausgehverbote verzichtet, um die angeschlagene Wirtschaft nicht weiter zu belasten. Nun gibt es eines übers Wochenende. Schlecht kommuniziert hat es zu Panik geführt - und zusätzliche Ansteckungsrisiken geschaffen.

Samstag, 11.04.2020, 14:57 Uhr aktualisiert: 11.04.2020, 17:56 Uhr
Nach der Ankündigung versuchen Menschen, Lebensmittel einzukaufen. Foto: -

Istanbul (dpa) - Nach der kurzfristigen Ankündigung weitgehender Ausgangsverbote für das Wochenende in 31 Städten der Türkei ist es am Freitagabend zu Panikkäufen gekommen.

In Istanbul, der größten Stadt der Türkei, blieben am Samstag bei schönstem Sonnenschein die Plätze menschenleer, die Straßen fast autofrei und die Wohnviertel ungewöhnlich still. Die Menschen in Istanbul schienen sich weitgehend an die Beschränkungen zu halten. Der öffentliche Raum blieb Tauben und Katzen überlassen. Fernsehbilder aus anderen betroffenen Städten zeigten ähnliche Szenen.

Das Innenministerium hatte am späten Freitagabend verlauten lassen, dass wegen der Corona-Krise von Mitternacht an für 31 Städte - darunter Metropolen wie Istanbul, Ankara oder Izmir - 48 Stunden lang weitgehende Ausgehverbote gälten. Die Maßnahme wurde scharf kritisiert - vor allem, weil sie erst zwei Stunden vor Beginn der Frist kommuniziert wurde.

In Istanbul und anderen betroffenen Städten setzten sofort Panikkäufe ein. Binnen Minuten bildeten sich in Supermärkten, vor Bäckereien und den «bakkal», den Eckläden in Wohngegenden, lange Schlangen oder dichte Trauben von Menschen, die sich mit Notrationen eindecken wollten. Manche schienen in der Hast vergessen zu haben, dass in Geschäften Maskenpflicht herrscht.

In sozialen Medien kritisierten viele, dass der Effekt der Maßnahme bereits zunichte gemacht worden sei durch die mit den Panikkäufen verbundene zusätzliche Ansteckungsgefahr. Innenminister Süleyman Soylu und Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun mahnten angesichts der Bilder dazu, Ruhe zu bewahren und «Verhaltensweisen zu vermeiden, die zu einer Verringerung der sozialen Distanz führen».

Details tröpfelten erst nach und nach ein. Innenminister Soylu zufolge dürfen Bäckereien öffnen und offenbar Waren ausliefern. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu zeigte am Samstag in Bildern, wie auch staatliche Helfer einigen Menschen Tüten mit Brot übergaben. Kliniken, Apotheken und Firmen und Institutionen, die wichtige Dienstleistungen anbieten, sollten ebenfalls geöffnet bleiben.

Eine Begründung für die adhoc verhängte Maßnahme lieferte die Regierung zunächst nicht. Die Türkei meldet bisher rund 47.000 Infizierte und liegt den Daten der Johns-Hopkins-Universität in den USA zufolge auf Platz neun der am schwersten betroffenen Länder. Am Freitagabend hatte die Gesamtzahl der Toten die Marke von 1000 überschritten.

Die Regierung hatte bisher darauf verzichtet, größere Ausgangssperren zu verhängen - auch, um die bereits angeschlagene Wirtschaft nicht weiter zu beeinträchtigen. Von Montag an kann nun offenbar wieder zur Arbeit gehen, wer nicht unter schon bestehende Restriktionen fällt. Unter anderem wurden bisher Schulen und Universitäten, Cafés und Bars geschlossen, viele Geschäfte bleiben mangels Kunden ebenfalls zu. Nur für Menschen ab 65 Jahre, chronisch Kranke und Unter-20-Jährige ändert sich nichts: Für sie galten bereits zuvor Ausgangssperren.

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