Jüdischer Musikprofessor Matitjahu Kellig (71) sieht sich von Rechten bedroht – mit Videointerview „Nazis wollen meine Adresse haben“

Detmold (WB). Seit 2016, sagt Professor Matitjahu Kellig (71), sei sein Leben nicht mehr das alte. „Wenn ich mit meiner Frau in der Stadt bin, sehe ich mich häufiger um. Und wenn wir nach Hause kommen, bleiben wir im Wagen sitzen, bis sich das Tor hinter uns geschlossen hat.“

Von Christian Althoff
Der Pianist und emeritierte Musikprofessor Matitjahu Kellig (71) sitzt in seinem Arbeitszimmer und macht sich Sorgen.
Der Pianist und emeritierte Musikprofessor Matitjahu Kellig (71) sitzt in seinem Arbeitszimmer und macht sich Sorgen. Foto: Christian Althoff

2016 war das Jahr, in dem der emeritierte Klavierprofessor der Musikhochschule Detmold Sascha Krolzig anzeigte, den Bundesvorsitzenden der Neonazi-Partei „Die Rechte“. Krolzig hatte Kellig im Internet als „frechen Judenfunktionär“ bezeichnet und meinte damit offenbar seine Rolle als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Herford-Detmold, die 85 Mitglieder hat. Seit Mittwoch ist Krolzigs Kampf durch die Instanzen zu Ende. Er muss ins Gefängnis, sechs Monate wegen Volksverhetzung und Beleidigung. Weil er bewusst das typische Vokabular der Nationalsozialisten benutzt hat.

Erleichtert, dass Krolzig hinter Gittern kommt

„Seit Monaten habe ich auf diese Entscheidung gehofft. Jetzt ist sie da, und ich habe ein ungutes Gefühl“, sagt der 71-Jährige. Er sei erleichtert, dass Krolzig hinter Gitter komme, aber er fürchte jetzt noch mehr um seine Sicherheit. „Ich bin der Jude, der den Parteichef der Rechten ins Gefängnis gebracht hat. Wie reagieren die Nazis jetzt? Wenn Krolzig ins Gefängnis geht, wird er für die doch zum Märtyrer!“

Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle hätten Streifenwagen sein Haus mehrmals am Tag angefahren. „Fünf Wochen lang. Seitdem sind wir wieder alleine.“ Wenn er aus dem Fenster „in die schöne Natur“ sehe, könne er den Anblick nicht mehr genießen. „Weil ich Angst habe, dass da draußen jemand auf mich lauert. Ich habe immer den Mord an Regierungspräsident Lübcke vor Augen. Ich weiß ja, dass die Neonazis mich auf ihrer Agenda haben.“

Matitjahu Kellig hat erfahren, dass mit seinen Gegnern nicht zu spaßen ist. „In den Prozessen gegen Krolzig versuchten seine Verteidiger immer wieder, meine ­Adresse herauszubekommen.“ Und Krolzigs Unterstützer hätten ihn im Gericht bedroht. „Einer sagte: ‚Wir sehen uns am 9. November!‘“ Der 9. November 1938, die Reichspogromnacht, war der Beginn der systematischen Judenverfolgung in Deutschland, die im Holocaust endete. Drohungen wie jene im Gericht haben dazu geführt, dass der 71-Jährige heute in Therapie ist.

Verkriechen ist keine Alternative

Trotz allem will sich Matitjahu Kellig nicht in seinem Haus verkriechen. „Der Einsatz gegen Antisemitismus und Fremdenhass soll weitergehen“, sagt der 71-Jährige, der in der SPD ist und sich selbst einen „alten Sozi“ nennt.

Sein Engagement ist vielfältig. Kellig spricht in Schulen und vor Polizisten, er geht in Gefängnisse und diskutiert mit Häftlingen. Und zusammen mit Imamen und christlichen Geistlichen organisiert er die Reihe „Wir müssen reden – Talk der Religionen“. Die letzte Veranstaltung habe in einer Moschee stattgefunden, sagt Kellig. „Und der Laden war voll!“

Im Auftrag von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier reist der frühere Musikprofessor zudem durch die Welt und nimmt an Konzerten teil, die örtliche Botschafter für jüdische Einrichtungen vor Ort organisieren. „Erst spielen wir Musik eines heimischen Komponisten, dann eines israelischen Komponisten, und danach halte ich einen Vortrag – auch zur Lage in Deutschland.“

Das gesellschaftliche Klima hat sich verändert

Das Klima hier habe sich in den letzten fünf, sechs Jahren verändert, sagt Kellig. „Niemals zuvor habe ich Neonazis so präsent erlebt. Es werden immer mehr, und sie sind unglaublich gut vernetzt.“ Er sehe inzwischen einen Teil der Mitte der Gesellschaft als „wabernde Masse“, die bereit sei, nach rechts zu rutschen, sagt der Gemeindevorsitzende. „Das kann passieren, wenn wir demnächst keine Vollbeschäftigung mehr haben sollten.“

Zivilcourage gefordert

Kellig sieht jeden gefordert: „Am Arbeitsplatz, in der Disco, auf der Straße, beim Sport: Wenn jemand einen Witz über einen Ausländer oder einen Juden macht oder sich herablassend äußert, sollte jeder von uns sofort sagen, was er davon hält. Das ist nicht einfach, aber das verstehe ich unter Zivilcourage.“ Er merke ja selber, dass es das Thema Antisemitismus schwer habe. „Selbst in meinem Bekanntenkreis. Wenn ich über Neonazis rede, heißt es oft: ‚Ach, komm’, das sind doch Spinner.‘ Das macht mich extrem wütend.“ Je nach Gemütslage verlasse er dann enttäuscht den Raum, oder er werde laut: „Ich sage dann, das sind keine Spinner, sondern Täter! Halle ist erst ein paar Monate her, und da haben sie zwei Menschen umgebracht!“

Geschichte, sagt Matitjahu Kellig, wiederhole sich nicht. „Aber Menschen wiederholen die Geschichte. Wenn auch nicht 1:1.“ Längst gebe es in anderen Ländern wieder Pogrome.

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