EU berät über das Verbot des Insektizids, das für viele Zitrusfrüchte genutzt wird
Wie gefährlich ist Chlor­pyrifos?

Brüssel (WB). Sie gehören auf nahezu jeden Weihnachtsteller: Zitrusfrüchte wie Mandarinen und Orangen. Von diesem Donnerstag ab beraten Vertreter der Mitgliedstaaten in Brüssel, ob hier eine Gefahr für Verbraucher besteht. Denn offenbar kommt ein Großteil der Produkte mit Rückständen eines Insektizids daher, das von Fachleuten als hochgefährlich eingestuft wird: Chlor­pyrifos.

Donnerstag, 05.12.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 05.12.2019, 06:02 Uhr
Mandarinen gehören in der Adventszeit zu den beliebten Leckereien.

In Deutschland verboten, in anderen Ländern nicht

Das Gift ist in Deutschland verboten, in vielen südlichen Ländern wie Spanien, Griechenland, Italien und Portugal nutzen Landwirte den Stoff aber, um Insekten von den Früchten fernzuhalten. Ein Großteil der Mandarinen, Grapefruit und Orangen landen auf deutschen Tellern. Inzwischen kursieren Untersuchungen von 2017, denen zufolge jede dritte Grapefruit und jede vierte Mandarine, die hierzulande im Regal der Lebensmittelketten und Discounter liegen, mit Rückständen belastet ist.

Das ist Chlorpyrifos

Chlorpyrifos wurde in den 1960er Jahren von dem US-Konzern Dow-Chemical entwickelt. Es zählt bis heute zu den am meisten eingesetzten Insektiziden in den Vereinigten Staaten. Der Stoff wird zur Bekämpfung saugender und beißender Insekten sowie gegen Bodenschädlinge benutzt, die viele landwirtschaftliche Kulturen angreifen. Er ist aber auch in Präparaten gegen Ameisen in Haus und Garten, gegen Hausfliegen, Kleidermotten oder Moskitos enthalten. Die EU erteilte 2005 erstmals eine Zulassung, die mehrfach verlängert wurde und nun bis zum 31. Januar 2020 gilt. Als Grenzwert gilt eine Dosis von 0,01 Milligramm je Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Im Unterschied zu Deutschland, das die Anwendung verboten hat, darf Chlorpyrifos in 20 EU-Staaten in der Landwirtschaft eigesetzt werden. Der Wirkstoff ist auch für Bienen und Fische gefärhlich.

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2011 erste Warnungen

Chlorpyrifos wurde 2005 in der EU zugelassen. 2011 gab es erste Warnungen von US-Wissenschaftlern, die von Schäden am Gehirn von Kindern im Mutterleib sprachen. Bis dahin gab es nur die Erhebungen, die die Hersteller selbst zur Prüfung vorgelegt und darin kein Risiko erwähnt hatten. Erst 2018, also viele Jahre später, forderte der schwedische Wissenschaftler Axel Mie die Rohdaten dieser industriefinanzierten Erhebungen an. „Die Daten zeigten, dass schon bei der kleinsten Menge von Chlorpyrifos Hinweise vorliegen, dass das Gehirn verändert ist“, sagte Mie gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Im vergangenen Sommer schaltete sich auch die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im italienischen Parma ein und sprach sich für ein vorläufiges Verbot der Substanz aus. Experten legten nämlich weitere Untersuchungen vor, die zeigten, dass bereits geringe Mengen der Stoffe negative Auswirkungen auf die Entwicklung von ungeborenen Kindern haben können. So würden wichtige Bereiche der Großhirnrinde schrumpfen, was später zu Einbußen der geistigen Leistungsfähigkeit führt. Zwar setzte die EU nach dieser Entdeckung die Grenzwerte deutlich herunter – offensichtlich nicht tief genug.

Hersteller laufen Sturm

Seitdem ein Anwendungsverbot für die ganze EU im Gespräch ist, laufen die Hersteller in Brüssel Sturm. Das amerikanische Unternehmen Corteva wandte sich schriftlich an die europäischen Zulassungsbehörden und bestritt die neurotoxischen Auswirkungen und den negativen Einfluss auf die Gehirne von Mensch und Tier. Die Schlussfolgerungen der EFSA würden „nicht geteilt“, hieß es weiter. Ein anderer Chlorpyrifos-Hersteller ließ schon mal vorsorglich seine Anwälte auf die EU-Kommission los und warnte vor einer Rufschädigung des Wirkstoffs sowie Konsequenzen für die wirtschaftlichen Interessen der herstellenden Konzerne. Die EFSA wurde sogar aufgefordert, warnende Informationen unverzüglich von ihrer Webseite zu entfernen. Auch der europäische Agrarverband Copa-Cogeca in Brüssel reagierte bisher eher zurückhaltend. In einem Schreiben an die Europäische Kommission, aus dem verschiedene Medien zitierten, hieß es, man habe „leider bis heute keine vergleichbare Alternative“, um Pflanzenschutz zu gewährleisten. Deshalb bitte die Agrarlobby darum, Chlorpyrifos verwenden zu dürfen, bis eine adäquate Alternative gefunden sei. Andernfalls sei mit erheblichen Einbußen bei der Ernte zu rechnen.

Deutschland besteht auf Ausweitung des Verbotes

Unklar ist, wie sich die Mehrheit der Mitgliedstaaten nun verhalten wird. Deutschland besteht auf einer Fortdauer und Ausweitung des Verbotes, andere haben sich noch nicht öffentlich positioniert. Allerdings ist für einen sofortigen Anwendungsstopp eine Mehrheit von 55 Prozent der Mitgliedstaaten, die 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren, nötig. Das wären 15 von 28 Ländern. Zumindest aus dem Süden der Union dürfte kaum mit Unterstützung für ein Verbot zu rechnen sein. Die Beratungen der Mitgliedstaaten beginnen heute und sollen bis Freitag dauern.

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