Handele sich nicht um Provokationen gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft
Türkei-Experte wirbt um Verständnis für Hochzeitskorsos

Duisburg (dpa). Der Leiter des Zentrums für Türkeistudien hat um Verständnis und Augenmaß bei der Beurteilung türkischer oder arabischer Hochzeitskorsos geworben. Es handele sich nicht um Provokationen oder Machtdemonstrationen gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft, schreibt Professor Haci-Halil Uslucan (Uni Duisburg/Essen) im Vorfeld einer Anhörung des Landtags.

Montag, 02.09.2019, 16:46 Uhr aktualisiert: 02.09.2019, 16:48 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa

Mit der Hochzeit werde die sexuelle Beziehung eines Paares als legitim anerkannt. Dies werde traditionell lautstark nach außen kommuniziert, um bösen Gerüchten zuvor zu kommen. Dies stamme aus Zeiten, in denen der Umgang mit Sexualität weit weniger liberal gewesen sei als heute. Der Adressat sei aber die eigene Community, nicht die deutsche Mehrheitsgesellschaft.

»Diejenigen, die ihrer Freude Luft verschaffen, tun dies nicht explizit mit der Absicht, anderen zu schaden«, so der Türkeiexperte. Dies sei eher vergleichbar mit Fußballfans, die nach einem gewonnenen WM-Spiel ihrer Mannschaft im Übermut zeitweilig Straßen blockieren. Außerdem könnten Schläge auf die türkische Trommel eine Lautstärke erreichen, die mit Schüssen aus Schreckschusspistolen verwechselt werden könnten.

Flagge kein Hinweis auf politische Überzeugung

Die Verwendung von Nationalflaggen sei zudem kein Hinweis auf politische Überzeugungen. Türkische Fahnen würden auch von Erdogan-Gegnern verwendet. Es müssten schon zusätzliche Insignien wie drei Halbmonde benutzt werden, um daraus eine politische Gesinnung abzuleiten, so Uslucan.

Der Türkei-Experte mahnte zu Augenmaß: Es dürfe nicht vergessen werden, dass der Großteil der oft sehr großen Hochzeitsfeiern mit 1000 bis 2000 Gästen friedlich verlaufe.

Vor repressiven Maßnahmen sollte zunächst die Aufklärung stehen: Um über Gefahren aufzuklären, die von ausufernden Autokorsos ausgehen, sollten für Zuwanderer geeignete Kommunikationskanäle wie Konsulate und Migrantenvereine genutzt werden.

Ansprechpartner im konkreten Einzelfall seien die Eltern des Brautpaares: Sie seien nicht nur die Finanziers der kostspieligen Feiern, sondern auch die Autoritätspersonen, auf die die jüngeren Gäste - in der Regel - hören.

Fälle am Wochenende

Erneut hatten ein Hochzeitskorso am Wochenende für Ärger gesorgt: Eine Hochzeitsgesellschaft blockierte die Bielefelder Innenstadt. Die Polizei beschlagnahmte mehrere Führerscheine und ermittelt wegen gefährlichem Eingreifen in den Straßenverkehr. Die Teilnehmer der Gesellschaft kamen dabei vornehmlich aus Norddeutschland und Belgien.

In der Region Aachen hatten der Polizei zufolge gleich drei türkische Korsos für Ärger gesorgt: Aus Aachen, Stolberg, Würselen und Alsdorf erhielt die Aachener Polizei erboste Anrufe, weil die Korsos mit bis zu 25 Autos für erhebliche Verkehrsbehinderungen gesorgt hätten. In Aachen zeigte die Androhung der Polizei schließlich Wirkung, Autos abzuschleppen und sicherstellen zu lassen. Rotlichtverstöße seien geahndet worden.

In Herne stellte die Polizei bei einer Hochzeitsfeier zwei Schreckschusswaffen samt Munition sicher. Aus einer der Pistolen sei in die Luft geschossen worden. Die Polizisten schrieben eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz.

Kommentare

Walter Freiwaldt  wrote: 02.09.2019 17:13
Mit Kultur kann man letztlich alles begründen. Aber Deutschland hat, im Gegensatz zu manchen Ansichten unserer Politiker, auch eine Kultur. Und da ist es vielleicht für die Bürger gar nicht so interessant, wie Korsos in der eigenen Community ankommen. In der Gesellschaft kommen sie jedenfalls sehr schlecht und sehrwohl als Provokation an. Um das zu sehen, braucht man gar keinen Türkeiexperten.
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