Heftige Debatte
Kein Deutsch, keine Einschulung - Kritik an Linneman-Vorstoß

Kinder lieber noch nicht einschulen, wenn sie nicht richtig Deutsch sprechen - über den Vorstoß des Unionsfraktionsvizes Linnemann wird heftig diskutiert. Er selbst sagt, es gehe ihm nicht um ein Verbot, sondern um gleiche Chancen für Kinder.

Dienstag, 06.08.2019, 14:10 Uhr aktualisiert: 06.08.2019, 21:09 Uhr
Kinder ohne Deutschkenntnisse sollen nach Ansicht von Unionsfraktionsvize Linnemann erst später auf die Grundschule. Foto: Michael Kappeler

Berlin (WB/dpa). Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Carsten Linnemann (CDU) aus Paderborn, hat mit seinem Vorstoß zu einer späteren Einschulung von Kindern bei schlechten Deutschkenntnissen eine heftige Debatte ausgelöst.

«Der Vorschlag ist falsch. Kinder müssen eingeschult werden, wenn sie das Schulpflichtalter erreichen», sagte die Bundesvorsitzende des Grundschulverbandes, Maresi Lassek, am Dienstag dem SWR. Schulen seien darauf eingestellt, Kinder mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen zu empfangen. Schließlich gebe es auch eine Reihe von Kindern aus deutschsprachigen Familien, die große sprachliche Probleme hätten.

Auch aus der Opposition wurde Linnemann für seinen Vorstoß kritisiert. Aus seiner eigenen Partei kamen sowohl kritische Worte als auch Unterstützung dafür, dass er eine Diskussion über die Sprachkompetenzen von Grundschülern angestoßen hat.

Linnemann hatte der «Rheinischen Post» (Dienstag) gesagt: «Es reicht nicht nur, Sprachstandserhebungen bei Vierjährigen durchzuführen, sondern es müssen auch Konsequenzen gezogen werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen. Hier muss eine Vorschulpflicht greifen, notfalls muss seine Einschulung auch zurückgestellt werden.» Er schlug für betroffene Kinder eine Vorschulpflicht vor. Notfalls müsse eine Einschulung auch zurückgestellt werden.

«Bis tief hinein in die Mittelschicht erlebe ich Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weil das Niveau an staatlichen Schulen sinkt», sagte Linnemann und warnte in dem Zusammenhang auch vor «neuen Parallelgesellschaften». «Die Vorfälle in Freibädern, die Tat auf dem Frankfurter Bahnsteig, die Schwertattacke in Stuttgart - das alles wühlt die Menschen auf und befeuert die Sorge, dass neue Parallelgesellschaften entstehen könnten. Dem müssen wir jetzt vorbeugen.»

Den Begriff «Grundschulverbot» für seinen Vorstoß wies der CDU-Politiker zurück. Die dpa hatte in der Überschrift einer Meldung zu dem Thema den Begriff verwendet und dies nachträglich korrigiert. Ihm gehe es darum, dass es Konsequenzen haben müsse, wenn Kinder vor der Schule die sogenannten Sprachstandstests nicht bestünden, sagte Linnemann der dpa. Wenn dann trotzdem eingeschult würde, hätten weder die Kinder aus deutschsprachigen noch die aus nicht-deutschsprachigen Haushalten etwas davon.

Kritik an Linnemann kam von SPD, Linkspartei und auch Grünen. Die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, Muhterem Aras (Grüne) twitterte: «Ich sprach kein Deutsch, als ich als 12-Jährige in die Hauptschule kam. Als meine Nebensitzerin in der 1. Stunde sah, dass ich die Matheaufgabe gelöst hatte, durfte ich sie an der Tafel vorrechnen. Später habe ich ein Steuerbüro aufgebaut und wurde Präsidentin.» Linke-Chefin Katja Kipping sagte der dpa: Mit seinen Äußerungen gehe Linnemann auf «Stimmenfang im rechten Sumpf». Die SPD-Bildungspolitikerin Marja-Liisa Völlers nannte Linnemanns Aussagen «populistisches Getöse wie in Wahlkampfzeiten». Man könne Kinder nicht von der Grundschule ausschließen, nur weil sie schlecht Deutsch sprächen.

Der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban, sprach hingegen von einen «richtigen Vorstoß». Er twitterte: «Wenn ein Kind in Deutschland eingeschult werden soll, muss es Deutsch können. Alles andere ist falsch verstandene Toleranz, die niemandem weiterhilft!» Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) reagierte zurückhaltend: «Ich teile die Einschätzung von Herrn Linnemann, dass Handlungsbedarf bei der sprachlichen Förderung besteht und dass wir möglichst früh damit beginnen müssen, Kinder zu fördern», teilte sie mit. «Aber Ausgrenzung ist der falsche Weg. Kinder brauchen ein Umfeld, das sie motiviert und zum Lernen anregt.»

Kommentare

franz.B  wrote: 07.08.2019 12:11
Stimmenfang im rechten Sumpf, Frau Kipping?
Wenn es mit der Überspitzung des Titels "Political Correctness" so weiter geht, wird es nicht mehr lange dauern, bis das Wort "Migrationshintergrund" ebenfalls auf den Index kommt.
Wir entfremden uns unserer Moral, unseren Werten und einer normalen Sozialgemeinschaft immer mehr. Wer nicht links und neo-liberal ist wird demagogisch als rechtspopulistisch diffamiert. Unsere Demokratie ist gesellschaftlich schon fast eine links-liberale Diktatur geworden.
Mathias Anderer  wrote: 06.08.2019 18:05
Nun, man kann davon halten, was man will. Ganz unrecht hat der gute Mann aber nicht. Wenn mehrere Kinder ohne Chance auf Mitarbeit im Unterricht in einer Klasse sind, ist das nicht nur eine Belastung für alle anderen, sondern auch für das Kind selbst. Schule kann nur dann Spaß machen und ernst genommen werden, wenn die Verständigung ohne große Probleme funktioniert. Wie soll der/die denn in der Schule jemals erfolgreich sein? Jetzt wird wieder einmal so getan, als wolle man diesen Kindern etwas Schlechtes. Dabei ist es doch nicht gegen die Kinder, sondern soll ihnen eine Chance einräumen, an der Gesellschaft so früh wie möglich Teil zu haben. So, wie es jetzt praktiziert wird, kann nichts gutes dabei herauskommen. Aber wir sehen wieder einmal, dass jeder konstruktive Beitrag von vornherein im Keim erstickt wird. DAS ist armselig.
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