Warum Christina Kampmann aus Bielefeld für den Parteivorsitz kandidieren will
»Die SPD muss sich modernisieren«

Bielefeld (WB). Die Ankündigung war eine faustdicke Überraschung: Die Bielefelder SPD-Landtagsabgeordnete Christina Kampmann (38) will gemeinsam mit Europa-Staatsminister Michael Roth (48) für den SPD-Vorsitz kandidieren. Andreas Schnadwinkel sprach mit der früheren NRW-Familienministerin.

Samstag, 06.07.2019, 11:00 Uhr
Christina Kampmann sitzt auf der Treppe vor ihrem Wahlkreisbüro in Bielefeld. Foto: Bernhard Pierel

Frau Kampmann, warum wollen Sie SPD-Vorsitzende werden?

Christina Kampmann: Michael Roth und ich wollen das im Team machen, weil wir die SPD schätzen. Unsere Partei ist es wert, auch in einer schwierigen Zeit Verantwortung zu übernehmen und ihr neue Zuversicht zu geben. Wir wollen die SPD wieder zu Erfolgen führen und sie zu einer starken, progressiven Kraft machen.

 

Ihr Vorstoß mit Staatsminister Michael Roth hat die SPD überrascht. Von Alleingang ist die Rede. Warum haben Sie sich nicht mit ihrer Partei abgesprochen?

Kampmann: Wir haben über unser Vorhaben informiert, wollten aber ganz bewusst keine Absprachen und keine Hinterzimmerdeals machen. Wir wollen ein freies und offenes Verfahren. Und ich erlebe in der Partei, dass viele das gut finden und auch so erwarten. Mit diesem Anspruch gehen wir an unsere Kandidatur.

 

Sind Sie enttäuscht, dass die Reaktionen auf Ihre Bewerbung auch in OWL und NRW eher verhalten sind? Oder haben Sie das so erwartet?

Kampmann: Ich habe das so erwartet. Wir sind sehr früh an die Öffentlichkeit gegangen, weil immer mehr der Eindruck entstand, dass möglicherweise niemand wirklich Lust hat, diese wunderbare Partei zu führen. Ich denke, das ist auch der Tatsache geschuldet, dass der Bewerbungsprozess bis Ende August dauert. Es werden noch viele Bewerber und Teams dazukommen, das wünschen wir uns ausdrücklich. Viele warten noch ab. Die Resonanz auf unsere Bewerbung ist sehr positiv. Viele bedanken sich dafür, dass wir nach vorne gegangen sind und zeigen, wie reizvoll und herausfordernd die Aufgabe ist.

 

Der SPD-Regionalvorsitzende Stefan Schwartze hat dem WESTFALEN-BLATT gesagt, dass die Bewerber auch für Staatsämter in Betracht kommen sollten. Das trifft auf Sie als Ex-Familienministerin in NRW und Michael Roth als amtierenden Staatsminister ja zu, oder?

Kampmann: Michael Roth hat klar gesagt, dass die Aufgabe eines SPD-Vorsitzenden so groß ist, dass er im Fall unserer Wahl sein Amt als Staatsminister aufgeben würde. Erst mal muss es uns darum gehen, die SPD wieder neu aufzustellen.

 

Noch sind Sie nicht offiziell nominiert. Dazu müsste Sie ein SPD-Landesverband oder ein SPD-Bezirk oder fünf Unterbezirke unterstützen. Woher soll diese Nominierung kommen?

Kampmann: Einige Unterbezirke haben bereits positiv auf unsere Bewerbung reagiert. Wir wollen unsere Bewerbung als Angebot an die Partei verstanden wissen und stellen uns gerne zur Verfügung. Natürlich würden wir uns über viel Zuspruch freuen und sind überzeugt, dass wir genügend Unterstützung erfahren.

 

Viele ziehen Vergleiche zum grünen Spitzenpersonal. ­Baerbock und Habeck der SPD, so werden Sie und Michael Roth schon genannt. Ist Politik so oberflächlich geworden?

Kampmann: Das hat nichts mit Oberflächlichkeit zu tun, wir wollen nichts kopieren. Wir sind Michael Roth und Christina Kampmann und haben eine eigene, große Aufgabe vor uns.

 

Alle wollen eine SPD-Doppelspitze mit Frau und Mann. Wird es überhaupt Einzelbewerbungen geben?

Kampmann: Das kann gut sein. Es gibt in der SPD starke Persönlichkeiten, die sich das alleine zutrauen. Das ist in Ordnung, auch wenn ich persönlich finde, dass die Zeit reif für eine Doppelspitze ist. Ich bin gespannt, wer da noch so kommt.

 

Von 20 bis 30 Regionalkonferenzen ist die Rede, bei denen sich die Kandidaten in ganz Deutschland vorstellen sollen. Bekämen Sie das zeitlich überhaupt hin? Und Michael Roth als Staatsminister auch?

Kampmann: Das wussten wir vor unserer Bewerbung und haben uns das gut überlegt. Wenn wir das nicht schaffen würden, hätten wir uns nicht beworben.

 

Sie haben das Rennen um den SPD-Vorsitz sehr medienwirksam eröffnet. Was, wenn am Ende nur das von Ihrer Kampagne bleibt?

Kampmann: Keine Sorge, das ist erst der Anfang, wir haben noch viel zu bieten. Ich bin fest davon überzeugt, dass viel mehr bleiben wird. Wir haben schon skizziert, was wir umsetzen wollen, und gehen jetzt raus, um viele Impulse zu bekommen und unsere Themen bei den Regionalkonferenzen zu diskutieren.

 

Sollten Sie die SPD-Mitglieder zur neuen Parteivorsitzenden wählen: Würden Sie sich dafür einsetzen, dass die SPD die Große Koalition mit der Union verlässt?

Kampmann: Die Große Koalition ist nicht unser Wunschbündnis, wir wollen andere, progressive Mehrheiten. Das täte der Demokratie in unserem Land gut. Aber die Große Koalition ist nicht das einzige Problem der SPD, die Probleme liegen tiefer. Wir sind dafür, dass alle SPD-Mitglieder entscheiden, ob wir die Große Koalition weiterführen oder nicht.

 

Wie soll die SPD wieder auf 30 Prozent kommen? Noch mehr den Grünen hinterherlaufen?

Kampmann: Wir wollen nicht den Grünen hinterherlaufen. Wir wollen den Menschen ein Zukunftsversprechen für die großen Themen geben: Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel. Gerechtigkeit muss wieder zum Markenkern der SPD werden.

 

Und innerhalb der Partei?

Kampmann: Die SPD muss sich modernisieren. Die Ortsvereine haben immer noch eine wichtige, auch soziale Funktion. Wir müssen daneben mehr digitale Angebote machen für junge Eltern, und diejenigen, die besonders mobil sein müssen. Und wir wollen die SPD öffnen für Sympathisanten der Sozialdemokratie, die kein Parteibuch haben. Auch die kommunalen Amtsträger wie Oberbürgermeisterinnen und Landräte sollen stärker eingebunden werden. Sie sind am nächsten an den Menschen.

Unterstützung für Mützenich

Mehrere SPD-Bundestagsabgeordnete plädieren dafür, dass der kommissarische Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich sein Amt dauerhaft übernimmt. »Wenn Rolf Mützenich weitermachen will, hat er meine volle Unterstützung«, sagte Achim Post aus Espelkamp, Chef der nordrhein-westfälischen Landesgruppe in der SPD-Fraktion, dem »Spiegel«. Post, dem vor dem Rücktritt von Andrea Nahles ebenfalls Ambitionen auf den Posten nachgesagt wurden, gehört zum konservativen Seeheimer Kreis, während Mützenich zum linken Flügel zählt.

 

Auch von den pragmatischen Netzwerkern in der Fraktion kommt Unterstützung: »Rolf Mützenich hat eine unglaubliche Ruhe in unsere Fraktion gebracht«, sagt die baden-württembergische Abgeordnete Ute Vogt. »Ich würde mich sehr freuen, wenn er bereit wäre weiterzumachen.« Mützenich hatte die Fraktion vor einem Monat nach dem Rücktritt von Nahles als dienstältester ihrer Stellvertreter übernommen und führt sie seither kommissarisch. Im September wird der Fraktionsvorsitz neu gewählt. Mützenich selbst lässt bisher offen, ob er antreten und die Fraktion auch dauerhaft führen will.

Kommentare

Paul Schneider  wrote: 06.07.2019 16:56
Die SPD muss sich modernisieren
Dieses Interview erinnert mich an den Hype um Martin Schulz. Bewertung: unrealistischer Optimismus. Merke: Wenn man erfolgreich einen Garten bestellen will, dann reicht es, nicht ein laues Lueftchen durch den Gartenzaun zu pressen. Dazu braucht es Humus u. v.a.m. Und der wurde in der vorletzten und jetzigen Groko aufgebraucht.
Total 1 comments
Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6752387?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198306%2F2509831%2F2198335%2F
„Big Brother Award“ für Tesla
Cockpit eines Tesla S: Der US-Konzern erhält den Big Brother-Award, weil der Autobauer reichlich Daten über seine Fahrer sammelt. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker