Hochschulrektoren und Lehrerverband klagen: Sie können schlecht rechnen, und lesen wollen sie auch nicht mehr Taugen Abiturienten nicht fürs Studium?

Berlin (WB). Früher war alles besser? Das gilt nicht für die Abiturnoten, denn mit denen geht es aufwärts. Aber um welchen Preis? Angehende Studenten könnten schlechter rechnen, und lesen wollten viele auch nicht mehr, so klagen Experten.

Von Beate Tenfelde
Symbolbild.
Symbolbild. Foto: dpa

Worum genau geht es?

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Peter-André Alt, hat seinen Unmut über angehende Studenten zum Ausdruck gebracht. »Es gibt gravierende Mängel, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angeht«, sagte Alt den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland.

»Wir leben in der Fiktion, dass mit dem Abitur die Voraussetzungen für das Studium erfüllt sind.« Häufig stimme das nicht, das gelte besonders für die Fächer mit Mathematik als Grundlage. Im Mai hatten sich bundesweit Zehntausende Abiturienten über die diesjährigen Matheprüfungen beschwert.

Ist die Kritik nicht schon alt?

Ja. Den Gymnasiallehrern gefällt die Inflation guter Noten bei nachlassenden Leistungen schon lange nicht mehr. Bereits im Juli 2014 sorgte sich der damalige Vorsitzende des Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, um das Abitur. »Was ist es noch wert, wenn so viele Schüler so gute Noten bekommen«, fragte er kritisch. Schon damals legten über 50 Prozent eines Schülerjahrgangs die Reifeprüfung ab, während das Handwerk händeringend um Auszubildende buhlte.

Meidinger, inzwischen aufgestiegen zum Chef des Deutschen Lehrerverbands, nennt die Kritik der Hochschullehrer »berechtigt«. Im Gespräch mit unserer Redaktion forderte der Direktor eines Gymnasiums in Bayern die Professoren aber auf, dazu Datenmaterial vorzulegen. »Es wäre hilfreich zu wissen, welche Abiturienten aus welchen Bundesländern am erfolgreichsten sind«, sagte er.

Auch wäre eine Analyse wichtig, bei welchen Wegen zur Hochschulreife akuter Nachbesserungsbedarf bestehe. Meidinger unterstrich die Darstellung der HRK, dass bei einem zunehmenden Teil der Erstsemester Studienberechtigung und Studienbefähigung auseinanderklafften. »Das zeigen auch die hohen Quoten an Studienabbrüchen«, betonte er.

Was liegt noch im Argen?

Meidinger bemängelte außerdem, dass die Abiturprüfungen in den 16 Bundesländern und die unterschiedlichen Wege zum Abitur hinsichtlich der Qualität kaum mehr vergleichbar seien. „Letztendlich werden wir an identischen Abiturprüfungen in den Kernfächern in ganz Deutschland nicht herumkommen, wollen wir das Abitur als hinreichende Zugangsberechtigung zum Studium erhalten“, betonte der Chef des Lehrerverbands.

Woher kommen die Wissenslücken?

Als eine Ursache für die abnehmende Bereitschaft zum Lesen bezeichneten die Hochschullehrer die veränderten Lesegewohnheiten in Zeiten der Digitalisierung. Alt plädierte dafür, dass Eltern und Schule darauf bestehen, das Handy auch einmal für längere Zeit auszuschalten.

Was sagt die Bundesbildungsministerin dazu?

Anja Karliczek (CDU) sieht Klagen über Wissenslücken angehender Studenten oder über mangelnde Ausbildungsreife von Lehrlingen als Herausforderung für die Bildungspolitik. Eine Antwort könnte die Einrichtung eines Nationalen Bildungsrats sein, über den Bund und Länder seit langem verhandeln, sagte die Ministerin.

Das Gremium wäre nach ihren Worten ein sehr wertvolles Forum, um gemeinsam die Qualität der Bildung im ganzen Land zu verbessern. Karliczek verwies zugleich auf den Digitalpakt. Er sei auch ein Pakt für besseres Lernen und nicht nur für eine bessere digitale Ausstattung von Schulen. Ohne pädagogische Konzepte der Schulen flössen keine Fördermittel. »Der Digitalpakt zielt also darauf ab, das Lernen insgesamt zu verbessern. Dies sollte stärker beachtet werden – auch von Hochschulen«, erklärte die Ministerin.

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